Als Michael „Mimi“ Kraus mit dem letzten Wurf Sekunden vor Spielende den Ball am Gummersbacher Tor vorbei geworfen hatte, herrschte von einer Sekunde auf die andere Stille in der EgeTrans-Arena. Die tolle, Gänsehaut erzeugende Stimmung auf den Rängen, zu der auch die rund 500 Gummersbacher ihren Teil beigetragen hatten, war lähmendem Entsetzen gewichen. Die Bietigheimer Spieler sanken auf den Boden, hatten Tränen in den Augen, schüttelten die Köpfe. Sie hätten einen Sieg gebraucht, um das große Ziel Klassenerhalt zu schaffen.

Seit Januar, seit dem Amtsantritt von Trainer Hannes Jon Jonsson, stand das letzte Saisonspiel gegen Gummersbach im Fokus. Sie wollten es, und sie haben es bekommen. Dann schafften sie aber nicht mehr als ein 25:25-Unentschieden, obwohl sie zwischenzeitlich mit vier Toren vorne lagen in dieser zweiten Halbzeit, die sie so furios begonnen hatten. Die Gummersbacher Spieler, Betreuer und Fans mussten noch eine Minute hoffen und bangen, dann stand auch der Abstieg des Traditionsvereins fest – dem ersten nach 53 Jahren in der Erstklassigkeit.

Horrorszenario tritt ein

Gerettet haben sich Die Eulen aus Ludwigshafen. Den Treffer zum 31:30-Endstand, der den Kurpfälzern aufgrund der besseren Tordifferenz gegenüber den punktgleichen Konkurrenten aus Bietigheim und Gummersbach den rettenden 16. Platz einbrachte, erzielte 26 Sekunden vor Schluss ausgerechnet auch noch der ehemalige Bietigheimer Jonathan Scholz. In der EgeTrans-Arena war jenes Horrorszenario eingetreten, das kaum jemand für möglich gehalten hatte, dass die Partie unentschieden endet und beide Mannschaften absteigen.

„Für Robin Haller“, brüllte SG-Linksaußen Jan Asmuth seinen Mitspielern zu, als sie Trainer Hannes Jon Jonsson sie 24 Sekunden vor dem Abpfiff bei einer Auszeit nochmals um sich versammelt hatte. „Wir machen noch einen sauberen Wurf“, rief Jonas Link, Spielmacher der SG BBM. Dann begannen jene Schlusssekunden, auf die sich die gesamte Saison für  Aufsteiger Bietigheim reduzierte. Ein Tor, ein einziges Tor und es hätte gereicht. Kraus nahm sich den Wurf, verfehlte aber haarscharf das Tor von Gummersbachs Schlussmann Carsten Lichtlein.

„So ist es halt, das muss ich mir jetzt anhören. Ich übernehme die Verantwortung. Aber ich entschuldige mich nicht dafür. Der Abstieg ist der absolute Tiefpunkt“, sagte Kraus hinterher enttäuscht. Er hatte nach seiner Oberschenkelverletzung hart am Comeback gearbeitet und sollte für die besonderen Momente auf dem Spielfeld dem Team helfen. Drei Treffer – darunter auch der so wichtige 25:25-Ausgleich – und ein vergebener Siebenmeter standen in seiner Bilanz.

Als Robin Haller in seinem letzten Spiel für die SG BBM wie immer als Letzter seines Teams aufs Spielfeld lief und ins Publikum grüßte, wuchs die ohnehin immense Lautstärke noch ein paar Dezibel an. Mit einer tollen Choreografie demonstrierten die Zuschauer mit blauen und roten Tüchern ihre Verbundenheit zum Jonsson-Team. Es war von Beginn an eine hart umkämpfte Partie, in der es voll zur Sache ging. Die Bietigheimer Abwehr um die sperrigen Patrick Rentschler und Vetle Rönnigen bildeten einen stabilen Wall, Rönningen packte sich immer wieder Gummersbachs iranischen Spielmacher Nouruzi Pouya, der zwischenzeitlich raus musste, um sich wieder fit zu machen.

Im Schatten von Lichtlein

Im Offensivspiel der Gastgeber sorgte Jonas Link für Kreativität und erzielte zudem drei Treffer. Sein Team setzte sich etwas ab, musste beim 6:6 wieder den Ausgleich hinnehmen, weil Pouya für die Akzente und Tore sorgte und bei der SG Jürgen Müller und ab der 20. Minute Domenico Ebner im Schatten ihres Gummersbacher Kollegen Lichtlein standen, der mehrfach stark parierte. Mehr als auf zwei Tore ließ der VfL seinen Kontrahenten nicht wegziehen. Das gelang Bietigheim erst mit Beginn der zweiten Halbzeit. Ebner parierte vier Würfe hintereinander, Haller, Christian Schäfer und Link trafen vorne und bauten den knappen Vorsprung auf 17:13 aus. Die Halle tobte, erst recht, als Rentschler mit einem rechen Heber den für eine Strafzeit absitzenden Lichtlein ins Spiel gekommenen Matthias Puhle überwand.

Die Gastgeber schienen auf dem Weg zum Klassenerhalt, doch der führte in die Sackgasse. Technische Fehler, fehlende Konsequenz im Abschluss und die eine oder andere Lücke in der Abwehr brachten den VfL wieder heran. Stanislav Zhukov glich nach 53 Minuten zum 22:22 aus, Pouya brachte die Gäste gar mit 23:22 in Führung, nachdem es Rentschler erneut mit einem Heber über den Schlussmann versucht hatte, doch da stand wieder Lichtlein zwischen den Pfosten und schnappte sich den Ball. Beim 22:23 parierte Ebner super gegen Moritz Preuss und ermöglichte Kraus im Gegenzug das 23:23. Gummersbach ging noch zweimal in Führung, doch die SG glich jeweils aus. Dann warf ausgerechnet Gummersbachs Bester Pouya den Ball bei einem Zuspiel ins Aus und Bietigheim bekam den Siegtreffer auf die Hand. Doch Kraus verwarf.