Radsport Kein Hindernis ist zu hoch

Hohe Sprünge sind eine Spezialität des Fahrrad-Trial-Weltmeisters Oliver Widmann aus Hohenstein.
Hohe Sprünge sind eine Spezialität des Fahrrad-Trial-Weltmeisters Oliver Widmann aus Hohenstein. © Foto: Widmann
Sandra Bildmann 06.12.2018

Motorradfahren ist was für Kinder. Zumindest, wenn man sich Oliver Widmanns bisherige Zweirad-Karriere anschaut. Das kleine Elektro-Motorrad, mit dem er als Fünfjähriger herumgedüst ist, hatte schon wenige Jahre später endgültig ausgedient. Eingetauscht hat er es gegen etwas viel Reizvolleres: ein Fahrrad.

Der Sinn stand dem damals Neunjährigen aber nicht nach gemütlichem zur-Schule-Strampeln. Widmanns Fahrrad ist für den Straßenverkehr gänzlich ungeeignet, verfügt nicht einmal über einen Sattel. Wo andere ächzen – man solle ihnen keine Steine in den Weg legen – da freut sich der heute 17-Jährige umso mehr, je größer diese Brocken sind. Manchmal größer als er selbst. Und was macht der junge Mann dann? Er katapultiert sich mit seinem Zweirad einfach oben drüber. Das macht er am allerliebsten – hohe Sprünge sind Widmanns Stärke.

Bei den Junioren gibt es aktuell auf der Welt niemanden, der das besser kann als Oliver Widmann: Der Bönnigheimer sicherte sich im November in China den Weltmeistertitel (die BZ berichtete). Bei den Junioren war er zuvor mehrmals WM-Zweiter, hat auch die europäische Krone in diesem Jahr abgestaubt. Zudem gehört der achtmalige deutsche Meister momentan laut World-Cup-Wertung zu den besten zehn Profis weltweit. Die Artisten auf zwei Rädern hüpfen auf dem Hinterrad über unebenes Gelände, über Betonröhren, Stämme und künstliche Hindernisse. Pro Wertungsrunde müssen sie fünf davon in verschiedenen Schwierigkeitsgraden in zwei Minuten überwinden. Sofern Widmann nicht gerade an einem Wettbewerb teilnimmt, steppt er auf seinem Hinterrad über den Hof zuhause in Hohenstein, trainiert in Marbach bei Trainer Markus Klose oder drückt im Alfred-Amann-Gymnasium die Schulbank.

Saisonende kommt gelegen

Das Saisonende – die Trial-Radler fahren von Mai bis November – kommt dem Sportler vom MSC Marbach gerade ganz gelegen: Kommendes Frühjahr stehen die Abiturprüfungen an. Die Frage, wie es dann weitergehen soll, treibt den jungen Sportler momentan um: Zur Auswahl steht ein Studium in naturwissenschaftlicher Richtung samt Leistungssport als Nebenjob oder eben die volle Konzentration auf das Trial. Eigentlich würde er es gerne ein bis zwei Jahre ausprobieren, Profi zu sein, meint Widmann. Die wirklich erfolgreichen Profis könnten von ihrem Sport leben, erklärt er, doch wie in den allermeisten Sportarten sei ein absolutes Top-Niveau ab einem gewissen Alter nicht mehr so einfach möglich. Beim Fahrrad-Trial liege die Grenze etwa bei 30 Jahren, sagt der Juniorenweltmeister, der daran noch lange nicht denken muss. Aufgrund seiner Erfolge hat er bereits mehrere Sponsoren, ohne die die Ausübung seines Sports so kaum möglich wäre, wie er betont. Reisen führen ihn regelmäßig durch ganz Europa. Während der Saison steht nahezu jedes Wochenende ein Wettkampf an.

Damit er dort Bestleistung bringen kann, übt Widmann mindestens acht Mal pro Woche auf dem Fahrrad, hinzu kommen spezielle Trainings für Kraft, Ausdauer und Koordination. Elementar beim Fahrrad-Trial ist es, das Gleichgewicht halten zu können, zum Beispiel wenn der Sportler mit seinem Rad einen steilen Stein anspringt und das Hindernis anschließend vorwärts überwinden will. Gibt es eine vergleichbare Situation? Oliver Widmann überlegt. Dann sagt er: „Vielleicht ist es wie ein 800-Meter-Lauf, bei dem man jongliert und gleichzeitig über Hürden läuft.“

Bis man im Fahrrad-Trial-Sport überhaupt etwas halbwegs Vernünftiges zustande bringe, dauere es mindestens ein halbes Jahr, erklärt der Fahrradakrobat. Einfach mitmachen ist nicht.

Trotz seiner Erfolge hat er sich vorgenommen, zielstrebig zu bleiben, nicht lockerzulassen und auch im Erwachsenen-Bereich ähnlich glanzvolle Ergebnisse einzufahren. „Weiter Gas geben und an der Technik feilen“, fordert Widmann von sich selbst. Zu seinen Stärken zählt er neben Nervenstärke Trainingsfleiß. So wird dem ehrgeizigen Sportler auch in Zukunft kein Stein zu groß sein, den man ihm in den Weg legt.

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