Tamm / Von Gregory Rech  Uhr

Jürgen „Jogi“ Breitinger war froh, als es am Montagabend endlich losging. Denn die Vorbereitungen auf Europas größtes Karate-Sommertrainingslager waren für den Abteilungsleiter des TV Bushido Tamm und sein Team durchaus mit Mühen verbunden: „Wir mussten all den Gästen ja auch Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Dank der Stadt Tamm konnte dann ein Campingplatz geschaffen werden“, sagte Breitinger. Auch Klassenzimmer wurden zu Schlafräumen umfunktioniert.

Mittlerweile dürfte der Träger des 6. Dan allerdings auch eine gewisse Routine im Organisieren haben, denn der TV Tamm richtet nun bereits zum vierten Mal das „Gasshuku“ aus. Seit 26 Jahren bekleidet Breitinger nun das Amt des Abteilungsleiters. Als Trainer brachte er unzähligen Schülern Karate bei, von denen viele national und international sehr erfolgreich waren und sind. Als Kampfrichterreferent des DJKB, Deutschlands zweitgrößtem Karate-Verband nach dem DKV, ist der 60-Jährige international im Einsatz, zuletzt bei den Europameisterschaften im norwegischen Stavanger im April.

Dort war auch Tamms Tom Priebernig, Deutscher Meister in der Altersklasse 18 bis 20, mit dem deutschen Nationalkader im Einsatz, wobei die deutschen Karateka in der Disziplin Kumite Team mit dem zweiten Platz hinter Russland Silber mit nach Hause brachten. Bereits im vergangenen Jahr wurde Priebernig nach Australien zum Trainieren und Kämpfen eingeladen, nun revanchierten sich die Tammer Karateka und richteten ihren Ländervergleichskampf am Montagabend in der Sporthalle am Schulzentrum gegen die Australier aus.

Eröffnet wurde der Ländervergleich unter anderem von Tamms Bürgermeister Martin Bernhard. Dieser begrüßte die Zuschauer, Karateka und vor allen Dingen den DJKB-Chiefinstructor und Träger des Bundesverdienstkreuzes Hideo Ochi, dem von den Zuschauern in der gut gefüllte Halle tosender Beifall entgegengebracht wurde. Nach den Nationalhymnen und dem Einheizen einer Trommlergruppe begannen die Kämpfe. Auf zwei Matten kämpften australische, südafrikanische und deutsche Karateka in den Disziplinen Kumite und Kata gegeneinander. Letzteres ist die stilisierte Form eines Kampfes gegen einen oder mehrere imaginäre Gegner, Kumite hingegen ist der freie und reale Kampf gegeneinander.

Sanitäter mehrfach im Einsatz

Die Kämpfer zeigten sich gerade zu Beginn so motiviert, dass die anwesenden Sanitäter gleich mehrmals verletzte Athleten verarzten mussten. In manchen Fällen bedeutete dies sogar die Disqualifikation des verletzenden Kämpfers, da die Techniken nicht in voller Härte ausgeführt werden dürfen. Dennoch bekamen die Zuschauer faire und spektakuläre Kämpfe zu sehen.

Lange gestalteten die Australier, die mit einem jungen Team nach Tamm gereist waren, das Rennen um den Gesamtsieg eng. Am Ende freuten sich dennoch die deutschen Karateka über den diesjährigen Sieg beim Ländervergleichskampf. Das rein sportliche Ergebnis stand für die Organisatoren an diesem Abend jedoch eher an zweiter Stelle. Nicht umsonst begreift sich der DJKB als traditionsorientierter deutscher Karate-Verband, der Wert darauf legt, dass sich Karate nicht zu sehr zu einem reinen Wettkampfsport entwickelt.

„Uns ist es wichtig, vor allem den Breitensport zu fördern“, sagt Breitinger. Bis ins hohe Alter soll Karate äußerst gesundheitsförderlich sein. „Viele unserer Karateka fangen auch erst mit 40, 50 oder später an“. In der Region Okinawa, die als Geburtsstätte des Karate gilt, haben die Menschen die weltweit höchste Lebenserwartung. Was sicherlich auch mit anderen Faktoren wie der Ernährung zusammenhängt. Dennoch könne Karate im Alter für eine erstaunliche Fitness sorgen, wie Breitinger erklärt: „Gerade die Kata mit ihren Bewegungsabfolgen kann regelrecht als Training fürs Gehirn angesehen werden.“

Europas größtes Karate-Trainingslager

Als „Gasshuku“ bezeichnet man in Japan das gemeinsame Üben und Lernen. Im Sport hat es die Funktion eines Trainingslagers. Der TV Tamm ist bereits zum vierten Mal Ausrichter des vom Gasshuku e.V. mitorganisierten Events. Rund 800 Teilnehmer sind zu Gast, wobei die Zahl der Übernachtungsgäste in der Region aufgrund der mitgereisten Familien deutlich höher sein wird. Teilnehmer aus Frankreich, Österreich, der Schweiz, Tschechien sowie sogar Australien, Südafrika, Zypern und Israel machen das Gasshuku im Tamm zu Europas größtem Karate-Trainingslager. Neben den in drei Hallen stattfindenden Trainings sorgen die Organisatoren für ansprechendes Rahmenprogramm: Nach dem Ländervergleichskampf am Montag und dem Fassanstich auf dem Rathausplatz am Dienstag, wird am Freitag ab 20 Uhr die Well-Done-Party inklusive Liveband steigen. gr