Hannes Jon Jonsson soll die SG BBM Bietigheim nach dem Abstieg aus der Ersten Bundesliga zurück ins deutsche Handball- Oberhaus führen. „Die Saison wird für uns kein Selbstläufer. Wir werden die Gejagten sein“, sagt der 39-jährige Isländer vor dem Auftaktspiel am Sonntag (17 Uhr) gegen den ASV Hamm-Westfalen im BZ-Interview.

Sie sind im Februar mitten in der Saison bei der SG BBM als Trainer eingestiegen. Jetzt haben Sie die erste komplette Vorbereitung allein verantwortet. Ist das Team heute in einem besseren Zustand als bei Ihrem Amtsantritt?

Hannes Jon Jonsson: Auf jeden Fall. Ich lege viel Wert auf Athletik. Am Donnerstag habe ich die Ergebnisse von den Ausdauertests bekommen. Die körperliche Entwicklung der Spieler ist sehr positiv. Das sieht man auch daran, dass kurz vor dem ersten Spiel alle 19 Spieler fit sind. Während der Vorbereitung hatten wir keine einzige Verletzung. Die Jungs haben super mitgezogen. Sie wissen, dass alles einfacher geht, wenn sie in Form sind.

Vom Außenseiter zum Aufstiegsfavoriten – wie gehen Sie und die Spieler mit dem Rollenwechsel um?

Das wird in diesem Jahr unsere große Herausforderung sein. Jede Mannschaft tritt gegen uns hundertprozentig motiviert an. Die Gegner wissen, dass wir ein gutes Team haben und dass sie gegen uns verlieren dürfen, ohne zu Hause Stress zu bekommen. Es ist viel einfacher, als Underdog aufzutreten. Die Saison wird für uns kein Selbstläufer. Wir werden die Gejagten sein. Damit müssen wir cool umgehen. Wenn wir überheblich werden oder einen Gegner unterschätzen, wird das bestraft. Ich hoffe, dass wir das alle begriffen haben – und dass wir nicht erst durch eine lange und schwierige Lernphase gehen müssen.

Die Mannschaft hat mit Jan Asmuth einen neuen Kapitän. Was steckt hinter dem Wechsel?

Ich habe gewisse Ideen, was für ein Typ ein Kapitän sein soll – und Jan Asmuth hat die Eigenschaften, die dafür nötig sind. Er geht voran, pusht die Leute und kann in seinen Kommandos auch mal unangenehm sein. Er redet sehr viel und ist sehr direkt. Er macht das alles, ohne groß darüber nachzudenken. Das ist sein Instinkt. Diese Rolle ist null Prozent Belastung für ihn. Ich habe zu ihm gesagt: „Du bist mein Kapitän, und du musst gar nichts ändern. Bleib’ einfach du selbst.“

Wie hat der bisherige Kapitän Patrick Rentschler auf seine Ablösung reagiert?

Sehr gut. Er hat die Entscheidung respektiert und versteht meine Gründe.

Den Kapitän haben Sie bestimmt. Warum wollten Sie ihn nicht von der Mannschaft wählen lassen?

Ich habe immer den Kapitän selbst ausgesucht und werde das auch immer tun. Der Trainer bestimmt alles – wer spielt, wo jemand spielt, wie und was wir spielen. Warum soll man da plötzlich irgendwelche demokratischen Prozesse einführen?

Der Verein hat Weltmeister Michael Kraus für weitere zwei Jahre an sich gebunden. Welche Rolle spielt er in den Bietigheimer Zukunfts- und Aufstiegsplänen?

Das war ein klares Statement. Aber man muss das große Ganze sehen. Wir wollen aufsteigen und dann auch oben bleiben. Ich selbst habe keinen Bock darauf, aufzusteigen und in der Ersten Liga ein Jahr lang nur Kanonenfutter zu sein. Das langfristige Ziel ist es, sich in der Ersten Liga zu etablieren. Die Verpflichtung von „Mimi“ ist ein klares Signal, dass wir diesen Weg mit Ernst gehen. Schon in der vergangenen Saison hatte er bei uns eine Schlüsselrolle. Diese wird er auch künftig spielen.

Welcher Neuzugang hat Sie am meisten positiv überrascht?

Max Öhler hat sich bisher richtig gut präsentiert. Er ist ein Toptalent, das Rückraum Mitte und auf halblinks spielen kann. Er ist sehr ehrgeizig, lernt schnell und hat mit seinen 18 Jahren überhaupt keine Angst. Max ist zwar noch kein Shooter, aber er lässt den Ball schnell laufen, ist sehr gut im eins gegen eins und versteht das Spiel. Bei den anderen Neuzugängen habe ich gewusst, wen ich bekomme und was sie können.

Trauen Sie dem neuen Torhüter Jonas Maier zu, den nach Hannover abgewanderten Domenico Ebner eins zu eins zu ersetzen?

Ja, da habe ich gar keinen Zweifel. Jonas ist trainingsverrückt und hochmotiviert. In den letzten Jahren stand er im Schatten von „Jogi“ Bitter und hat in Stuttgart wenig Chancen bekommen. Die Entscheidung, wegzugehen, war für ihn genau richtig, denn er muss mehr spielen – und dazu hat er bei uns Gelegenheit.

Wie sehen Sie die Perspektiven der Eigengewächse Nikola Vlahovic und Mario Urban?

Für sie ist wichtig, dass sie mit uns trainieren und sich weiterentwickeln. Der Weg auf das Spielfeld ist relativ lang, denn wir haben viele gute Leute im Kader. Nikola Vlahovic hat ja ein Doppelspielrecht in Oppenweiler, für Mario Urban suchen wir noch einen Verein für ein Zweitspielrecht, damit auch er Spielpraxis bekommt.

Das Aufgebot ist sehr groß und damit auch der Konkurrenzkampf. Wie beugen Sie der Unzufriedenheit vor bei jenen Spielern, die kaum zum Einsatz kommen?

Dafür gibt es kein Rezept. Die Leute, die wenig oder gar nicht spielen, werden unzufrieden – und sie sollen auch unzufrieden sein und dann im Training Vollgas geben. Entscheidend ist, wie sie damit umgehen. Wenn ein Spieler negative Stimmung verbreitet, schadet er nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Mannschaft. Unseren großen Kader sehe ich als Vorteil. Selbst wenn ein, zwei Spieler angeschlagen sind, können wir in jeder Einheit eine sehr hohe Trainingsqualität halten und sechs gegen sechs mit Topleuten spielen – und müssen zum Beispiel nicht den Physio auf rechts außen einsetzen.

Was passiert, wenn aus dem sofortigen Wiederaufstieg nichts wird?

Dann analysieren wir genau, warum wir es nicht geschafft haben – und versuchen es im nächsten Jahr noch einmal.

Als Spieler in Hannover und Eisenach am Ball


Für Hannes Jon Jonsson ist die SG BBM Bietigheim die zweite Trainerstation. Zuvor stand der 39-jährige Isländer von 2015 bis Januar 2019 beim österreichischen Erstligisten SG Handball West Wien in der Verantwortung, anfangs noch als Spielertrainer. In seiner aktiven Karriere spielte er unter anderem für den TSV Hannover-Burgdorf und den ThSV Eisenach in der Ersten und der Zweiten Bundesliga. Für Island bestritt Jonsson 36 Länderspiele. Mit seiner Frau Harpa, Tochter Solveig (10) und den Söhnen Johann (7) und Jon (3) hat er ein Haus in Kleinsachsenheim bezogen. In Hrutafjördur, einem Fjord im Nordwesten Islands, besitzt seine Familie einen Bauernhof mit Schafen und Pferden. Seine Hobbys dort sind Fliegenfischen sowie Quad- und Motorradfahren. ae