Boccia Im Para-Boccia sind sie absolute Weltklasse

Ilker Icöz (rechts) mit seinem Assistenten Roland Tröndle beim Training. Der Para-Boccia-Spieler ist seit zwei Jahren Mitglied der Nationalmannschaft
© Foto: Helmut Pangerl
Ilker Icöz hier mit seiner speziellen Boccia-Brille.
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Michaela Glemser

Er fixiert mit seinem rechten Auge genau den weißen Jackball auf dem Spielfeld. Plötzlich lässt er seinen roten Ball los, der die Rampe hinuntersaust und in unmittelbarer Nähe des Jackballs zum Liegen kommt. Ilker Icöz strahlt über das ganze Gesicht. Der Boccia-Spieler ist zufrieden mit seinem Wurf. Auch sein Assistent Roland Tröndle ist erleichtert. „Ilker ist sehr ehrgeizig. Er sagt mir schon deutlich seine Meinung, wenn er mit einem Wurf nicht zufrieden ist“, sagt Tröndle. „Wir arbeiten jetzt seit eineinhalb Jahren zusammen und mussten erst zu einer Einheit werden“, schildert Tröndle.

Wettkämpfe in der ganzen Welt

Dass Icöz bei seinem Boccia-Spiel einen Assistenten braucht, liegt an seinem Handicap. Der 24-Jährige sitzt im Rollstuhl, leidet unter spastischen Lähmungen. Er ist aber deshalb in seinem Boccia-Sport nicht weniger erfolgreich. Im Gegenteil, der junge Mann, der in einer Wohngruppe für Behinderte in Markgröningen lebt und in einer der Werkstätten der Habila GmbH arbeitet, gehört zum Nationalteam der Boccia-Spieler mit Behinderung in Deutschland. Icöz nimmt an Wettkämpfen in der ganzen Welt teil.

„Für die Teilnahme an den Paralympics müssen die Spieler möglichst viele Weltranglistenpunkte bei den Turnieren sammeln“, erläutert Trainer Hartmut Gutbrod. Markgröningen gehöre bei den Para-Boccia-Spielern schon zu den Hochburgen in Deutschland. „Bastian Keller, der auch in Markgröningen spielt und trainiert, hat gute Chancen 2020 bei den Paralympics in Tokio dabei zu sein“, sagt Trainer Gutbrod, der zugleich im Bundestrainerteam ist und im Berufsleben Abteilungsleiter bei der Habila.

Die gehandicapten Boccia-Spieler treten je nach Grad ihrer Beeinträchtigung in unterschiedlichen Wettkampfklassen an. Während der 36-jährige Bastian Keller die Boccia-Bälle noch selbstständig werfen kann, benötigt Icöz dafür eine spezielle, rund 1,80 Meter hohe Rampe und einen persönlichen Assistenten. Dieser sitzt mit dem Rücken zum zwölf mal sechs Meter großen Spielfeld und darf während des Spiels nicht mit dem Boccia-Sportler reden. Er ist lediglich dafür zuständig die Rampe in die von Icöz angesagte Position zu bringen und einen Keil in diese Rampe einzufügen, je nachdem wie stark der Boccia-Ball hinunterrollen soll. „Der Spieler schaut über die Rampe und zielt genau. Er hat dazu eine spezielle Brille auf, bei der das linke Auge verschlossen ist, da er es nicht selbst zuhalten kann“, macht Assistent Tröndle deutlich.

„Schiene nach rechts, Keil auf Position 19“, ruft in diesem Moment Icöz, und Tröndle führt die Anweisungen auf seinem Hocker sofort aus. „Ein Spiel kann schon einmal über eine Stunde dauern. Die ganze Zeit in dieser Position zu kauern, ist nicht immer einfach“, erklärt Izöcs Assistent, der sein sportliches Engagement ehrenamtlich ausübt und mit dem behinderten Sportler ein- bis zweimal pro Woche trainiert. Beide haben schon in Portugal, auf Sardinien und sogar in Japan an Wettkämpfen und Lehrgängen teilgenommen. „Die Kosten müssen wir mit Sponsoren finanzieren. Meist verlassen wir morgens um 6 Uhr das Hotel und kehren abends um 23 Uhr zurück. Von den Ländern sehen wir oft nicht mehr als die Boccia-Hallen“, betont Trainer Gutbrod. Das paralympische Boccia wird ausschließlich in der Halle gespielt, im Gegensatz zum klassischen italienischen Boccia, dessen Wiege wohl in Piemont stand.

Während Icöz noch fleißig Weltranglistenpunkte sammeln will, gehört Keller in seiner Wettkampfklasse schon zu den Besten der Welt-Elite. Er tritt bei internationalen Wettkämpfen in einem Zweierteam mit noch einem Ersatzspieler an und wird an den Weltmeisterschaften im September in Sevilla teilnehmen.

Großer Traum: Paralympics

Pro einzelnem Spiel müssen sechs kleine Lederbälle an den weißen Jackball platziert werden, wobei der eigene Ball besser als der des Gegners liegen muss. „Der gehandicapte Sportler hat für diese sechs Bälle in der Mannschaftswertung sieben Minuten Zeit“, erläutert Trainer Gutbrod. Der Assistent müsse die Anweisungen zügig umsetzen, dürfe aber auch keine Regelfehler begehen und mit seinem Hocker eine bestimmte Linie überschreiten, so der Coach weiter. Zudem muss er in diesem speziellen Fall die Nervosität seines Spielers beruhigen. Denn Icöz kämpft regelmäßig zu Beginn großer Turniere mit Magenproblemen. Für ihn, der zu den Nachwuchstalenten in Deutschland zählt, sind die Erfolgserlebnisse im Sport extrem wichtig. Sein großer Traum ist die Teilnahme bei den Paralympics 2024 in Paris.

Die Entstehung von Boccia

Boccia ist die italienische Variante des Boule-Spiels. Dabei geht es darum, seine eigenen Lederbälle möglichst nah an die kleine Zielkugel (Jackball) zu setzen und wenn nötig die gegnerischen wegzuschießen. Dies erfordert eine gute Wurftechnik und hohe Präzision. Seit 1984 ist Boccia eine paralympische Sportart, die nach den Regeln der Internationalen-Boccia-Kommission ausgeübt wird. Das Spiel wurde bereits im 16. Jahrhundert von Italienern entwickelt und ist auf das lateinische Wort für Ball (bottia) zurückzuführen. rwe