Auch die fast sechswöchige EM-Pause hat die Handballer der SG BBM Bietigheim bei ihrer Aufholjagd in der Zweiten Bundesliga nicht aus dem Tritt gebracht. Der Bundesliga-Absteiger bezwang den Aufsteiger HSG Konstanz am Samstagabend vor 2004 Zuschauern in der EgeTrans-Arena mit 28:25 (15:14) und feierte jahresübergreifend den achten Sieg in den vergangenen neun Partien. Da der bisherige Tabellenzweite ASV Hamm-Westfalen am Sonntag überraschend beim HC Elbflorenz in Dresden patzte, beträgt der Rückstand der SG auf Aufstiegsrang zwei nur noch zwei Punkte – und dort steht neuerdings Tusem Essen. Beim dreifachen Meister sind die fünftplatzierten Bietigheimer am Freitag (19.30 Uhr) zu Gast.

Um auch in Essen zu bestehen, wird die Mannschaft um Kapitän Jan Asmuth gegenüber Samstag noch eine Schippe drauflegen müssen. Gegen den Drittletzten aus Konstanz boten Bietigheims Ballwerfer eine solide, aber keineswegs berauschende Vorstellung. Gerade in der ersten Hälfte hatten die Schützlinge von Trainer Hannes Jon Jonsson mit den aufmüpfigen Gästen vom Bodensee Probleme. Die Abwehr bekam speziell auf die Rückraum-Shooter Paul Kaletsch und Tom Wolf sowie Kreisläufer Fabian Wiederstein keinen Zugriff.

Doch auch Bietigheim zeigte Vollstreckerqualitäten, speziell das Duo Michael Kraus und Christian Schäfer. So entwickelte sich ein enges Spiel mit fünf Führungswechseln. Da Dominik Claus bei einem Tempogegenstoß in letzter Sekunde an Gästekeeper Michael Haßferter scheiterte, musste sich der Favorit nach 30 Minuten mit einem Tor Vorsprung begnügen. „Normalerweise gehen wir mit 15:10 oder 15:11 in die Pause“, haderte Kraus später mit dem Halbzeitergebnis und monierte die Laissez-faire-Verteidigung der SG: „Wir haben Konstanz oft ins Zeitspiel gezwungen – und dann kam ein ,Hasenwurf’ durch die Deckung, weil unsere Hände nicht oben waren. Das darf nie passieren.“

Siebter Feldspieler als Flop

Im zweiten Spielabschnitt packte die Defensive entschlossener zu. Prompt gelang der HSG in den ersten knapp zwölf Minuten nur noch ein Feldtor. Nach und nach setzte sich das Jonsson-Team ab – nach einem Schäfer-Doppelpack bis auf 24:18 und sechs Tore (49.). Der Gegner, der bisher in dieser Saison erst einmal auswärts gewonnen hat, schien mit seinen Kräften am Ende.

Coach Jonsson nutzte jetzt die Gunst des Moments. Der Isländer schickte seine junge Garde aufs Feld und versuchte es im Angriff mit einem siebten Feldspieler gegen sechs Konstanzer – eine Taktik, die bei den Siegen gegen Gummersbach und Hamm-Westfalen noch gut funktioniert hatte. Doch diesmal ging sie in die Hose. „Meine Mannschaft war offenbar nicht so begeistert von dem siebten Feldspieler. Darum hat sie es auch schlecht gemacht“, stellte Jonsson launig fest. Bis zur vorletzten Minute schmolz der Bietigheimer Vorsprung auf zwei Tore zusammen, ehe Claus sechs Sekunden vor Spielende mit seinem vierten Treffer den Deckel zum 28:25-Sieg draufmachte. Die etwa 100 mitgereisten Konstanzer Fans feierten ihre Mannschaft trotzdem – und intonierten sogar voller Inbrunst das Volkslied „Die Fischerin vom Bodensee“.

Kraus nutzt seine Freiheiten

Den teaminternen Bietigheimer Tore-Wettstreit entschied letztlich Schäfer gegen Kraus mit 9:8 für sich, womit der Weltmeister von 2007 aber ganz gut leben konnte. „Ich bin in einem Alter, in dem einem die Tore völlig egal sind“, sagte Kraus und wunderte sich über die vielen Freiheiten, die ihm die HSG in dem baden- württembergischen Duell gelassen hatte: „Ich hatte unerwartet viel Raum, den hatte ich in der Zweiten Liga bisher selten, weil sich die Gegner auf mich einstellen, aber das nehme ich dankend an“, meinte der Spielmacher und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Ein ,Mimi’ Kraus kann schon noch das eine oder andere aus seiner Schulter holen.“

Die „Urban Brothers“ schnuppern gemeinsam Zweitliga-Luft


In der Schlussphase ließ SG-Trainer Hannes Jon Jonsson die junge Garde los. So standen am Samstag gegen Konstanz erstmals auch die Brüder Mario (21) und Lukas Urban (18) in der Zweiten Bundesliga gemeinsam auf dem Feld. Die „Urban Brothers“, wie sie teamintern genannt werden, übernahmen für Christian Schäfer und Jan Asmuth die Außenpositionen. Für Lukas Urban, der am Nachmittag noch für die Bietigheimer A-Jugend in der Württembergliga gegen Hofen/Hüttlingen gespielt hatte, war es der erste Einsatz in der ersten Mannschaft überhaupt. Bruder Mario hatte zuvor schon in Krefeld und Hamm Zweitliga-Luft geschnuppert und beim Debüt auch gleich sein erstes Tor erzielt. „Früher saßen wir hier auf der Tribüne und haben mitgefiebert und jetzt stehen wir selbst auf der Platte. Das ist unfassbar geil“, sagte der Rechtsaußen.

Dass Mario Urban bei seiner Heimpremiere unglücklich agierte und zwei Chancen verballerte, nahm ihm keiner krumm. „Wenn man so jung und noch so neu dabei ist, ist eine gewisse Nervosität doch ganz normal“, sagte sein erfahrenes Pendant Schäfer und lobte die beiden Youngsters: „Die Jungs machen sich wirklich gut. Sie sind in der Mannschaft schon super integriert, geben in jedem Training Vollgas und werden noch zeigen, welche Qualität sie haben.“ ae