Spannender als jeder ARD-Tatort war am Sonntagabend die Schlussphase des Zweitliga-Duells zwischen der SG BBM Bietigheim und dem HSV Hamburg. 23:23 stand es, als SG-Keeper Jürgen Müller einen Wurf des überragenden Gästespielers Leif Tissier gerade noch abwehrte. Wenige Sekunden blieben dem Bundesliga-Absteiger jetzt noch, um im Gegenstoß selbst den Siegtreffer zu erzielen. Christian Schäfer tankte sich über rechts durch – und setzte den Ball knapp am Ziel vorbei. Da der SG-Rechtsaußen dabei jedoch von Jan Forstbauer gefoult worden war, gab es noch einen finalen Siebenmeter für Bietigheim. Schäfer trat an und scheiterte an seinem ehemaligen Mitspieler Aron Rafn Edvardsson im HSV-Tor. Es blieb beim letztlich leistungsgerechten Remis. Somit steht der Mitfavorit auf den Aufstieg auch nach vier Partien vor eigenem Publikum weiter ohne Heimsieg da.

„Ich hatte die Situation schon öfter. Es gibt Tage, da geht der Ball rein und es gibt eben Tage, an denen der Torwart weiß, wo der Wurf hingeht oder einfach die richtige Bewegung macht. Ich habe mich für die falsche Ecke entschieden“, kommentierte Schäfer seinen Fehlwurf. Zuvor hatte er alle drei Strafversuche gegen Edvardsson sicher verwandelt und noch dazu fünf weitere Tore aus dem Feld erzielt. „Es ist bitter, dass wir uns für den Kampf nicht mit den zwei Punkten belohnt haben“, sagte der Unglücksrabe geknickt.

Aufmunterung kam für ihn gleich nach Spielende von den Teamkollegen, sowohl mit Gesten als auch mit Worten. So nahm ihn Torhüter Müller tröstend in den Arm. „So etwas passiert, da machen wir ihm keinen Vorwurf“, betonte Michael Kraus. Der SG-Star verwies aber auch auf ein ungeschriebenes Gesetz, das sich in vielen Sportarten eingebürgert hat: „Es gibt eine alte Floskel: Der Gefoulte schießt nicht. Aber er hat davor alle reingemacht und hat genug Erfahrung.“

„Mimi“ Kraus, Weltmeister von 2007, selbst war nach wie vor durch seinen Muskelriss im Oberschenkel gehandicapt. So konnte er auch gegen seinen Ex-Klub nicht in die ihm eigentlich angestammte Rolle als Schlüsselspieler, der den Unterschied ausmacht, schlüpfen. Nur ein Treffer gelang Kraus bei seinen sporadischen Einsätzen in der Offensive. Sein Rückraum-Kollege Tim Dahlhaus, der im Training umgeknickt war, blieb sogar ganz draußen. „Ich hätte heute eigentlich noch gar nicht spielen dürfen“, verriet Kraus. „Aber wir haben im Angriff etwas Sicherheit gebraucht.“

SG spielt mit viel Herz

Dass die SG BBM nach den ersten 30 Minuten nur mit 13:10 vorne lag, war sehr schmeichelhaft für den ehemaligen Champions-League-Sieger aus der Hansestadt. Die Bietigheimer zeigten eine ganze andere Körpersprache als bei den bisherigen Heimauftritten. Sie spielten mit viel Herz und Leidenschaft und hatten klare Vorteile. Nur im Abschluss haperte es. Sieben hochkarätige Chancen ließ die SG im ersten Durchgang ungenutzt. Allein Linksaußen Jan Asmuth verwarf in der Anfangsphase drei davon, weshalb Trainer Hannes Jon Jonsson ihn früh durch Martin Marcec ersetzte. Immer wieder erwies sich der stark haltende Edvardsson als Bietigheimer Spielverderber. Der zweite HSV-Profi, der die Nordlichter in der Spur hielt, war Tissier. Der erst 19-jährige Spielmacher hatte am Ende neun Treffer zu Buche stehen.

Nach der Pause steigerte sich Hamburg enorm, während der SG BBM zunehmend die Düse ging. Beide Mannschaften lieferten sich eine „Abwehrschlacht“, wie Gästecoach Torsten Jansen später treffend feststellte. Beim Stand von 18:19 (42.) lag Bietigheim sogar zum einzigen Mal in der zweiten Hälfte hinten. Der packende Handball-Thriller steuerte unaufhaltsam dem dramatischen Höhepunkt entgegen. Weitere Etappen auf diesem Weg waren das Siebenmeter-Tor von Schäfer zum 22:20 (54.), sein Tempogegenstoß-Treffer in Unterzahl zum 23:22 (59.) und der prompte Ausgleich durch Tobias Schimmelbauer 31 Sekunden später. Der Showdown mit Schäfers verworfenem Siebenmeter bei der letzten Aktion – die reguläre Spielzeit war bereits abgelaufen – stand den 2007 Zuschauern in der EgeTrans-Arena aber erst noch bevor. Und aus dem Drama wurde aus Bietigheimer Sicht schließlich noch eine Tragödie.

Die Frage, ob die SG unter einem Heimfluch leidet, beantwortet Kraus gewohnt ehrlich: „Wir bekommen zu Hause deutlich weniger auf die Kette als irgendwo anders. Unsere Heimbilanz ist enttäuschend. Wenn man das Wort Heimfluch benutzen will, kann man das ruhig machen. Wir müssen damit umgehen.“