Ein aufregendes Spiel, strittige Situationen, nostalgische Gefühle durch die Rückkehr von drei Ehemaligen – das Oberliga-Duell am Sonntag zwischen dem SGV Freiberg und den Stuttgarter Kickers bot Stoff, um gleich mehrere Zeitungsseiten zu füllen. Der langjährige Freiberger Trainer Ramon Gehrmann stand nach den 90 Minuten an seiner alten Wirkungsstätte als großer Triumphator da: Mit einem 3:1-Sieg katapultierten sich seine Blauen, einen Tag nach den Feierlichkeiten zu ihrem 120-jährigen Bestehen, auf den zweiten Tabellenplatz. Die Profitruppe aus Stuttgart-Degerloch musste vor den 2053 Zuschauern im Wasenstadion freilich alles aufbieten, um den unbequemen SGV in die Schranken zu weisen.

Freiberg lag nach dem ersten Durchgang durch ein Tor aus der 33. Minute sogar – sehr schmeichelhaft – mit 1:0 vorne. Bei einem weiten Einwurf von Volkan Celiktas, den Spetim Muzliukaj noch verlängerte, schlief die Kickers-Abwehr im Zentrum den Schlaf der Gerechten. Aus dem Hinterhalt rauschte der schmächtige Niklas Pollex heran und köpfte die Kugel mit Wucht zum 1:0 ins Gehäuse. „Ich habe nur noch den Ball gesehen und wusste: Entweder ist er jetzt drin oder mir haut jemand den Kopf ab“, beschrieb der Flügelflitzer später seinen großen Auftritt.

Pollex’ Treffer stellte den Spielverlauf allerdings völlig auf den Kopf. Schließlich hatte der frühere Bundesligist von der ersten Sekunde an dominiert. Doch wie schon so oft in dieser Runde ließen die Gehrmann-Schützlinge den Killerinstinkt vermissen. Dies galt speziell für die Stürmer Mijo Tunjic und Cristian Giles Sanchez, die fast schon kläglich Riesenchancen vergaben. Symp­tomatisch war die Szene in der 17. Minute, als Giles Sanchez nach einer abgefälschten Hereingabe frei vor SGV-Keeper Alexander Michalik auftauchte, den Ball aber aus sechs Metern an die Latte drosch. Damit nicht genug: Der Nachschuss von Tunjic landete am Außenpfosten. Ebenfalls aus nächster Nähe schoss der von Giles Sanchez bediente Tunjic kurz nach dem Freiberger 1:0 vorbei – was streng genommen schwerer war, als ins Netz zu treffen (38.). „Wenn es eine Konstante in dieser Saison bei uns gibt, dann die, dass wir sehr viele Chancen brauchen, um ein Tor zu schießen. Darum war ich nach dem Rückstand schon etwas nervös“, bekannte Gehrmann.

SGV hadert mit dem Gespann

In der zweiten Hälfte durfte der 45-jährige Fußball-Lehrer dann aufatmen. Nachdem Michalik einen Schuss von Marvin Weiss pariert hatte, staubte ausgerechnet Chancentod Tunjic zum 1:1 ab (57.). Die Freiberger protestierten wütend, da sie vorher sowohl ein Handspiel als auch eine Abseitsposition ausgemacht hatten – vergeblich. Die Unparteiischen zogen sich zehn Minuten später erneut den Zorn des SGV zu, als sie Celiktas’ Kopfballtreffer annullierten. Der Grund: Dem Schiedsrichtergespann war bei der Freistoßflanke zuvor eine Abseitsstellung des eigentlich unbeteiligten Muzliukaj aufgefallen.

Am zweiten Gästetor gab’s hingegen nichts zu deuteln: Nach einer der vielen Ecken stolperte Innenverteidiger Patrick Auracher den Ball zur Stuttgarter 2:1-Führung ins linke untere Toreck (70.). Jetzt brach auch Gehrmann seinen Vorsatz. „Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht zu jubeln, aber das ging nicht – das hat mein Körper einfach mit mir gemacht. Es musste raus“, beschrieb der Kickers-Trainer fast schon entschuldigend seinen Gefühlsausbruch an der Seitenlinie.

Der SGV riskierte in der Endphase alles und schnupperte in der einen oder anderen Situation tatsächlich noch am Ausgleich. Für die endgültige Entscheidung sorgte der eingewechselte Offensivmann Shkemb Miftari, der im Nachschuss erfolgreich war (88.). Zuvor hatte er bereits den Pfosten getroffen. „Ich habe meine neue Kabine hier gleich gefunden, aber meine Mannschaft hat etwas länger gebraucht, bis sie den Weg ins Tor gefunden hat“, scherzte Gehrmann. Er hatte am Sonntag in der Tat gut lachen.

Ex-Freiberger Thomas Bromma ist an seinem 27. Geburtstag nur Reservist


Der einzige Fußballer im Kader der Stuttgarter Kickers, der nach dem 3:1-Sieg in Freiberg ein langes Gesicht zog, war Thomas Bromma: Ausgerechnet am 27. Geburtstag und ausgerechnet im Duell bei seinem Ex-Klub stand der Torhüter wieder nur als Ersatzmann auf dem Spielberichtsbogen. Leon Braun, ein weiterer früherer SGV-Kicker, spielte dagegen von Anfang an. „Ich wäre gern auf dem Platz gewesen. Leider blieb mir das verwehrt“, sagte Bromma, der aus seiner Enttäuschung über die Reservistenrolle keinen Hehl macht: „Ich war nach meiner sehr guten Vorbereitung schon überrascht, dass ich im Punktspielbetrieb nicht ins Tor durfte. Mir bleibt aber nichts anderes übrig, als dranzubleiben und Gas zu geben. Ich werde schon noch zu meinen Einsätzen kommen.“ Letztlich stehe der Mannschaftserfolg über allem, so Bromma. Den Wechsel im Sommer zu den Blauen habe er aber noch nie bereut – allein schon wegen der Fans. Kickers- Coach Ramon Gehrmann sieht Bromma mit der aktuellen Nummer eins Tobias Trautner auf einem Level: „Beide sind herausragend gute Keeper und gleichwertig. Wir haben uns letztlich für Tobi entschieden.“ ae