Tischtennis Erstklassig im Rollstuhl

Ball und Schläger fest im Blick: Der britische Paralympics-Teilnehmer Jack Hunter-Spivey spielt seit der Saison 2017/2018 für den SV Salamander Kornwestheim in der Rollstuhl-Bundesliga.
Ball und Schläger fest im Blick: Der britische Paralympics-Teilnehmer Jack Hunter-Spivey spielt seit der Saison 2017/2018 für den SV Salamander Kornwestheim in der Rollstuhl-Bundesliga. © Foto: Marco Wolf
Kornwestheim / Daniel Haug 31.03.2018

Wenn man beim Rollstuhltischtennis zuschaut, merkt man direkt, dass es etwas anders abläuft, als man es vom regulären Spielbetrieb gewohnt ist. Das bestätigt auch Thomas Brüchle. „Rollstuhltischtennis ist etwas komplett anderes. Es ist viel mehr von Taktik geprägt, weil man immer auf die Schwäche des Gegners spielt, wo er sich nicht hinbewegen kann. Bei den Nichtbehinderten geht es mehr über Schnelligkeit, und ich versuche, den Gegner auszublocken.“ Der 41-Jährige gewann mit dem Team bei den Paralympics sowohl in London 2012 als auch in Rio de Janeiro 2016 die Silbermedaille, spielt im regulären Spielbetrieb der Nichtbehinderten beim SV Deuchelried in der Verbandsklasse und zusätzlich seit 2015 für das Rollstuhlteam des SV Salamander Kornwestheim.

Behinderung spielt keine Rolle

Beim SVK wurde der Behindertensport bereits vor vielen Jahren als eigenständige Abteilung aufgebaut. Hier wird Sitzvolleyball, Schwimmen, Wassergymnastik, Kegeln und Sitzfußball angeboten. Vor drei Jahren haben die Kornwestheimer Tischtennis-Spieler dann auch den Behindertensport integriert. „Das Besondere ist, dass das Rollstuhltischtennis nicht zur Behindertensport-, sondern zur Tisch­­­­tennis-Abteilung, also zu den Nichtbehinderten, gehört. Damit wollen wir zeigen, dass jeder Tischtennis spielen kann, egal ob behindert oder nicht behindert, ob im Stehen oder im Rollstuhl“, erklärt Andreas Escher, der Koordinator Behindertensport beim SVK-Tischtennis.

Als Landestrainer für Tischtennis-Behindertensport kam Escher in Kontakt zu Brüchle. „Ich habe 2011 in Frankfurt angefangen in der Rollstuhltischtennis-Bundesliga zu spielen und dort auch zweimal den Mannschafts-Meistertitel gewonnen. Dort war ich aber nicht mehr so zufrieden und habe mich für einen Wechsel zu Andreas Escher entschieden. In Kornwestheim haben wir im Rollstuhlbereich, dann etwas aufgebaut.“, erzählt Brüchle, der aus Lindau am Bodensee kommt.

So meldete der SVK zur Saison 2015/2016 ein Rollstuhlteam, das immer aus zwei Spielern besteht, in der Regionalliga, der untersten Spielklasse. Anfangs spielte Brüchle im Team gemeinsam mit Karl-Heinz Weber, der bei den Paralympics in Barcelona 1992 Team-Gold gewonnen hatte. Dem Duo gelang in den ersten beiden Spielzeiten der Durchmarsch von der Regionalliga in die Erste Bundesliga. In der Saison 2017/2018 trat der Verein erstmals in der höchsten deutschen Spielklasse an. Dazu sollte das Team etwas verjüngt werden, weshalb Brüchle und Escher nach jungen talentierten Spielern Ausschau hielten. Fündig wurden die Kornwestheimer in Großbritannien und verpflichteten Jack Hunter-Spivey aus Liverpool. „Er war sehr interessiert, da die deutsche Liga die beste in Europa ist, und wir kannten uns von internationalen Turnieren“, erklärt Brüchle.

In der Bundesliga gibt es immer jeweils zwei Sammelspieltage im Herbst und im Frühjahr. Der letzte Spieltag der Saison 2017/2018 fand vor einer Woche in Kornwestheim statt. Es war das erste Mal, dass die SVK-Rollstuhltischtennisspieler zu Hause antraten. „Im Süden Deutschlands gibt es nicht viele, die in der Rollstuhl-Bundesliga spielen, aber man merkt, dass der Stellenwert zunimmt. Normalerweise haben wir etwa zehn Zuschauer, im Heimspiel hatten wir 30 bis 40“, freut sich Brüchle.

Kornwestheim startete das Heimdebüt mit einer 1:4-Niederlage gegen den späteren Meister Borussia Düsseldorf, gefolgt von drei klaren Siegen gegen den RSV Bayreuth (5:0) und den RSV Bayreuth II (4:1) sowie den RSC Frankfurt (5:0). Damit sicherte sich der SVK als Aufsteiger am Ende mit 20:8 Punkten hinter Düsseldorf und der RSG Koblenz den dritten Platz in der Abschlusstabelle. „Das war das Optimum in dieser Saison. Die Düsseldorfer sind Vollprofis und waren dieses Jahr noch zu stark. Das Ziel ist aber in nächster Zeit, den Titel mal nach Kornwestheim zu holen“, sagt Brüchle, der neben dem Sport mit einem vollen Lehrdeputat an einer Werkrealschule unterrichtet.

Trainer Bojic bringt Erfahrung ein

Doch der Behindertensport der Abteilung beschränkt sich nicht nur auf die Bundesliga. Dabei kommt dem SVK zu Gute, dass Momcilo Bojic (früher TTC Bietigheim-Bissingen), der als Trainer in Kornwestheim angestellt ist, parallel auch der baden-württembergische Landestrainer für Menschen mit Behinderung ist und dadurch seine Erfahrung einbringen kann.

Weber, der sich auch als Trainer engagiert, schlägt inzwischen gemeinsam mit Oliver Siegmund und Alba Blazquez im zweiten Kornwestheimer Rollstuhlteam in der Regionalliga auf. Dort werden Hin- und Rückrunde jeweils an einem Tag ausgetragen. Zur Hälfte der Saison steht die Mannschaft noch ungeschlagen auf Platz eins. Der Rückrundenspieltag findet am 12. Mai in Frankfurt statt. Zudem ist mit Ibrahim Soyal ein SVK-Eigengewächs seit vielen Jahren im Regelspielbetrieb aktiv. „Er spielt im Stehen und hat quasi erst den Nichtbehindertensport und dann den Behindertensport entdeckt“, sagt Escher, der offen für weitere Behindertensportler in Kornwestheim ist. „Wer Tischtennis spielen möchte, ist herzlich eingeladen.“