Angela Malestein saß an den Torpfosten gelehnt und starrte vor sich hin. Antje Lauenroth, eigentlich die „Unterhaltungsministerin“ im Team der SG BBM Bietigheim, war als Trostspenderin auf dem Feld unterwegs und nahm nacheinander ihre Kreisläufer-Kollegin Luisa Schulze, Kapitänin Kim Naidzinavicius und Fie Woller in den Arm. Es flossen Tränen der Enttäuschung, aber auch der Wut. Mit 23:24 verlor der Meister das Endspiel im Final Four um den DHB-Pokal gegen den Thüringer HC und verpasste so – nach der vor einer Woche errungenen Meisterschaft – das angestrebte Double. Damit hat auch der Baden-Württemberg-Fluch weiter Bestand. Denn nach wie vor hat noch kein Verein aus dem Ländle den seit 1975 ausgetragenen Wettbewerb gewonnen. Diesmal guckten die TuS Metzingen, die nach einem 35:22 gegen Außenseiter SV Union Halle-Neustadt immerhin noch Dritter wurde, und Bietigheim in die Röhre.

Pech bei Siebenmetern

Bitter war vor allem die Art und Weise, wie die Niederlage der SG BBM vor den 3569 Zuschauern in der Stuttgarter Porsche-Arena zustande kam. In der 49. Minute lag die Spielgemeinschaft noch mit 23:19 vorne. „Wir haben eigentlich schon am Double gerochen“, sagte Trainer Martin Albertsen später geknickt. Doch dann ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. Bis zur Schlusssirene erzielten die Bietigheimerinnen keinen einzigen Treffer mehr. Viel Pech war dabei, aber auch ein bisschen Unvermögen. Etwa als Naidzinavicius, die bis dahin alle ihre vier Siebenmeter sicher verwandelt hatte, ihren fünften Versuch an den Pfosten setzte oder in der letzten Spielminute Maura Visser mit einem weiteren Siebenmeter an der überragenden THC-Torfrau Jana Krause scheiterte.

Die Thüringerinnen holten Tor um Tor auf, und so kumulierte das Bietigheimer Desaster in der letzten Sekunde: THC-Jungsstar Emily Bölk überwand aus dem Rückraum Dinah Eckerle mit einem Aufsetzer, der Bietigheims Keeperin durch die Beine flutschte – der Vizemeister aus Erfurt und Bad Langensalza hatte die Partie auf den letzten Drücker noch gedreht und den dritten Pokal-Titel in der Vereinsgeschichte eingefahren.

„Ich habe nicht viel nachgedacht“, sagte Bölk über ihren Siegtreffer. „Ich wusste, dass wir nicht mehr viel Zeit hatten und habe einfach mein Glück versucht – und der Wurf ist tatsächlich reingegangen“, sagte sie über ihren Siegtreffer.

Die Champions-League-Teilnehmer hatten sich in den 60 Minuten ein packendes Finale geliefert. „Es war so spannend, dass selbst Alfred Hitchcock das Drehbuch nicht besser hätte schreiben können“, beschrieb THC-Coach Herbert Müller den Handball-Krimi treffend. Sowohl Eckerle als auch Krause, die nach 19 Minuten beim Stand von 10:8 für Bietigheim Ann-Cathrin Giegerich abgelöst hatte, liefen zur Galaform auf und zeigten mehrere Weltklasse-Paraden. Schon in der ersten Hälfte hatte das Albertsen-Team außerdem bei vier Aluminiumtreffern – dreimal Latte, einmal Pfosten – Pech. Nachdem Naidzinavicius kurz vor der Pause per Siebenmeter noch auf 12:13 verkürzt hatte, gingen die Thüringerinnen mit einem Tor Vorsprung in Durchgang zwei.

Trainer Müller lobt „THC-Herz“

Der war schnell Makulatur, denn mit drei Treffern am Stück zum 15:13 übernahm die SG BBM die Führung (33.). Beim 21:17 (43.) und 23:19 (49.) betrug das Bietigheimer Polster sogar vier Treffer, ehe sich die Thüringerinnen zu ihrer Aufholjagd aufmachten – und der Meister seine Souveränität sowie seinen kühlen Kopf verlor. Müller war mit Blick auf die dramatischen letzten Minuten aus dem Häuschen: „Da kam etwas ins Spiel, wofür ich meinen Mädels ein Riesenkompliment machen muss: das unfassbare THC-Herz. Wir geben nie auf und kämpfen bis zum Schluss.“

Kim Naidzinavicus zur besten Spielerin gekürt


DHB-Präsident Andreas Michelmann und Andreas Thiel, der Vorsitzende der Handball-Bundesliga Frauen, hatten für Kim Naidzinavicius nach dem verpassten Bietigheimer Pokal-Triumph zumindest ein kleines Trostpflaster parat: Sie ehrten die Kapitänin der SG BBM als beste Spielerin beim Final Four. „Ich würde gern tauschen und kann mich darüber gerade nicht freuen“, sagte Naidzinavicius. Die zwei weiteren Auszeichnungen erhielten Akteurinnen des Pokalsiegers Thüringer HC: Jana Krause wurde zur besten Torhüterin des zweitägigen Turniers gewählt, Alicia Stolle war mit 18 Treffern in den zwei Spielen – alle aus dem Feld erzielt – die beste Torschützin. ae