Volker Schoch bestreitet bei den Bietigheim Steelers seine sechste DEL2- Saison als Geschäftsführer – und durchlebt mit dem Verein die bisher größte Krise seiner Amtszeit. Vor dem Duell bei den Tölzer Löwen an diesem Freitag (19.30 Uhr) nimmt der 54-jährige Macher aus Sachsenheim Stellung: zu Interimstrainer Marc St. Jean sowie dessen Vorgänger Hugo Boisvert, der sportlichen Talfahrt und der Kritik aus dem Umfeld.

Ist das aktuell die schwierigste Phase, die Sie bisher als Steelers-Geschäftsführer erlebt haben?

Volker Schoch: Es ist eine herausfordernde Phase, weil man so eine Situation in Bietigheim nicht kennt. Aber da müssen wir alle miteinander durch. Für keinen von uns ist es einfach – für mich als Geschäftsführer nicht und für die Mannschaft auch nicht. Wir spüren alle den Druck und sind demütig, weil wir den Fans gerade nicht das bieten können, was sie erwarten. Wir wissen, dass die Ware, die wir aktuell anbieten, wie saure Milch ist. Ich hoffe, dass es bald wieder Sahne geben wird.

Warum sind die Steelers zurzeit nur noch ein Schatten früherer Tage?

Ehrlich gesagt hat uns die Entwicklung nicht ganz überrascht. Wir wussten, dass wir einen Wandel vollziehen. So ein Wandel ist nicht in einer Saison zu machen. Wir haben in den letzten Jahren bewusst an Qualität verloren und altersbedingt erfahrene Spieler wie Kelly, Borzecki, Auger, Brown, McPherson, Sommerfeld, Steingroß oder Martinovic abgegeben. Diese Spieler haben wir sehr geschätzt, aber sie waren am Ende ihrer Laufbahn. Wir wollten rechtzeitig – drei Jahre vor dem möglichen Aufstieg – eine neue und entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen. Die Abgänge haben wir darum mit neuen jungen und deutschen Spielern besetzt. Die müssen erst in diese Rolle hineinwachsen. Das kann man nicht in einem Jahr lernen. Wir haben uns gemeinsam für diesen Weg entschieden, und den gehen wir jetzt – so bitter die Pille ist, die wir gerade schlucken müssen.

Sind Sie nach wie vor vom Bietigheimer Kader überzeugt?

Die Jungs sind alle gute Spieler. Sie liefern nur noch nicht das, was sie können. Keiner ist bei 100 Prozent. Das liegt aber nicht daran, dass sie plötzlich das Schlittschuhlaufen verlernt haben oder nicht mehr wissen, wie sie den Schläger halten müssen. Das Problem liegt im Kopf. Die Spieler sind mental nicht stabil genug. Es fehlt der Glaube an die eigene Stärke. Wir brauchen einfach mal wieder ein Erfolgserlebnis. An der Einstellung liegt es nicht. Ich bin mir aber sicher: Gerade solche Phasen mit so viel Druck und so vielen negativen Erlebnissen werden diese Spieler auch für die Zukunft formen.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass die Mannschaft wieder aus dem Tal kommt?

Weil sie das selbst unbedingt will. Unten in der Kabine sitzt keiner, der gern verliert. Die Mannschaft lebt zu 100 Prozent. Sie hält zusammen und ist sehr selbstkritisch. Da kritisieren sich auch mal Spieler gegenseitig, ohne dass danach jemand beleidigt in der Ecke sitzt. Die Jungs wissen, dass sie gerade grottenschlecht spielen und die Zuschauer und die Sponsoren nicht zufrieden sind – und sie wissen, dass nur sie die Situation verändern können.

Welchen Fehler haben Sie respektive der Verein gemacht?

Wir haben vielleicht zu lange mit dem Trainerwechsel gewartet und zu lange zugeschaut. Die Mannschaft hat sich lange dagegen gewehrt, Hugo aufzugeben, weil sie ihn als Mensch total geschätzt hat. Er war ein guter Kumpel, aber als Trainer hat er sie nicht weitergebracht.

Fühlen Sie sich manchmal als Sündenbock, wenn Sie mal wieder von Fans in den sozialen Medien angegangen werden?

Die Entscheidungen, was Trainer und Mannschaft anbelangt, werden immer im Gremium getroffen. Da gibt es Aufsichtsratsbeschlüsse, und ich als Geschäftsführer führe diese aus. Ich stehe in der ersten Reihe und beziehe dann auch die Prügel, aber das gehört zum Geschäft.

War es im Nachhinein eine Fehlentscheidung, vor eineinhalb Jahren einen Trainer-Neuling wie Hugo Boisvert als Nachfolger von Erfolgscoach Kevin Gaudet zu verpflichten?

Nein, das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten einen jungen Trainer, der bereit war, neue Wege zu gehen und der das Risiko hier in Bietigheim auf sich nimmt. Es haben sich damals ja nur wenige getraut, die Nachfolge von Kevin Gaudet anzutreten. Hugo hat auf uns den Eindruck gemacht, dass er weiß, was er will. Wir waren davon überzeugt, dass er es kann. Er hat aus seiner Chance leider zu wenig gemacht.

Unter Interimstrainer Marc St. Jean gab es jetzt drei Niederlagen in Folge. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Das Feedback aus dem Team ist sehr positiv. Ich lade jeden ein, sich ein Training bei uns anzuschauen und zu beobachten, wie professionell hier gearbeitet wird und wie gut auch Marc arbeitet. Nur kann er im Moment auch nur an kleinen Schräubchen drehen. Aufgrund des Spielrhythmus haben wir gar keine Chance, am System zu arbeiten. Erst am nächsten Dienstag, nach den Spielen gegen Bad Tölz und Crimmitschau, fängt die Trainingsarbeit des Marc St. Jean eigentlich richtig an.

Das heißt, er bleibt jetzt erst mal Trainer?

Für die aktuelle Situation haben wir mit Marc St. Jean die Lösung, die die Mannschaft gefordert hat, die sie akzeptiert – und mit der die Jungs davon ausgehen, dass sie wieder in die Spur finden. Wenn wir denken, dass der Impuls Marc St. Jean nicht ausgereicht hat, um unser Saisonziel zu erreichen, muss der zweite Hebel umgelegt werden. Sobald die heiße Phase der Weihnachtsspiele losgeht, ziehen wir eine Bilanz. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mir in diesem Zusammenhang auch unsere wirtschaftliche Situation wichtig ist.

Inwiefern wirkt sich die Krise auf die Finanzen des Vereins aus?

Im Moment spüren wir das noch nicht. Wir sind mit unseren Zahlen auf Vorjahresniveau. Was die Einnahmen an der Tageskasse angeht, liegen wir sogar drüber. Jetzt im November hatten wir übrigens mehr Zuschauer und mehr Umsatz als im Vorjahr – und darüber sind wir sehr froh.

Marc St. Jean hat nach dem Derby gegen Heilbronn auf die noch freie Ausländerposition im Kader hingewiesen. Wird sich da in nächster Zeit etwas tun, gerade im Angriff?

Es ist ja offensichtlich, dass wir zu viele Chancen brauchen, um ein Tor zu schießen. Da fragen wir uns schon: Kann uns ein Ausländer helfen, das Manko zu beheben? Wir sind nicht untätig und suchen nach aktuell verfügbaren Stürmern, die zu uns passen und die wissen, wo das Tor steht. Man muss aber auch bedenken: Dass ein Spieler oder auch ein Trainer gerade keinen Job hat, hat einen Grund.

Wie weit sind Sie bei der Trainersuche mit Blick auf die Aufstiegssaison 2020/21?

An dem Tag, an dem wir uns von Hugo Boisvert getrennt haben, gingen 20 Bewerbungen bei uns ein – und es kommen jeden Tag noch zwei, drei weitere dazu. Es gibt viele Trainer, die gerne nach Bietigheim kommen würden. Jetzt müssen wir im Gremium entscheiden: Welcher Trainer passt zu uns und trägt unsere Philosophie mit? Die Vorauswahl läuft. Spätestens zu den Playoffs wollen wir Sicherheit haben, welcher Trainer und Co-Trainer in der nächsten Saison an unserer Bank steht.

Zur Person: Volker Schoch