Justin Kelly erlebte am Donnerstagabend bei seinem Abschiedsspiel in der EgeTrans-Arena viele emotionale Momente. Die größte Ehrung, die einem Spieler widerfahren kann, gab’s gleich zu Beginn, als seine Trikotnummer 27 unter dem Hallendach enthüllt wurde – in der fast 40-jährigen Klubgeschichte der Bietigheim Steelers sind auf diese besondere Weise bisher nur Craig Teeple und Dirk Wrobel verewigt worden. Ein Zusammenschnitt von Kellys Best-of-Szenen und seinen größten Erfolgen waren auf dem Videowürfel ebenso zu sehen wie eine Fotostrecke mit Bildern aus Kindheits- und Jugendtagen sowie von den Karriereanfängen. Die alten Fotos hatte sein in Kanada gebliebener Vater dem Verein in einer Geheimaktion zur Verfügung gestellt, um den Sohn zu überraschen. „Das alles hat mich überwältigt“, sagte Kelly gerührt. „Es fiel mir schwer, die Tränen zurückzuhalten.“

Fan-Choreografie für Kelly

2450 Zuschauer bildeten den würdigen Rahmen für seine Abschiedsvorstellung. Der Fanblock hatte für den langjährigen Star und Publikumsliebling sogar eine Choreografie vorbereitet. „Green, white and blue – forever a part of you“ (auf Deutsch: Grün, Weiß und Blau – für immer ein Teil von dir) stand auf einem Banner. Viele frühere Mitstreiter wie Florian Jung, David Wrigley, Dominic Auger, Jason Pinizzotto und Shawn Weller waren der Einladung des 38-jährigen Kanadiers gefolgt und erwiesen ihm im Ellental die letzte sportliche Ehre. Sein Kumpel und einstiger Sturmpartner Marcus Sommerfeld, inzwischen in Kanada Feuerwehrmann, flog sogar extra aus Vancouver ein.

Angesichts der illustren Ansammlung ehemaliger Größen kam nicht nur bei Kelly Nostalgie auf, sondern auch beim Publikum. „Ich war schon den ganzen Tag aufgeregt und nervös, denn du weißt nie, wie du reagierst, wenn du nach langer Zeit die Jungs und ihre Trikots plötzlich wieder in der Kabine siehst und die Arena betrittst“, beschrieb Kelly seine Gefühle beim Wiedersehen mit der Vergangenheit.

Während sich die ehemaligen Mannschaftskollegen ein torreiches Duell lieferten – das Team Weiß besiegte das Team Grün mit 14:10 –, war die Hauptperson an diesem Abend zum Zuschauen verdammt. Der Grund: Seit einer schweren Gehirnerschütterung, die er am 21. Oktober 2018 in Kaufbeuren bei einem Spiel seines letzten Klubs Deggendorfer SC erlitten hat, gilt für Kelly ein ärztliches Eishockey-Verbot. Schon zu Steelers-Zeiten war er mehrfach von Kopfverletzungen heimgesucht worden – die gegnerischen Verteidiger griffen mitunter auch zu unfairen Mitteln, um den über Jahre herausragenden Angreifer der Liga in den Griff zu bekommen. Im Februar 2019 zog Kelly schließlich einen Schlussstrich. Seitdem erhält er für den Lebensunterhalt Bezüge von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), durch die Profisportler bei Berufsunfähigkeit abgesichert sind. „Ich hätte gerne gespielt, aber es ging leider nicht, auch wenn es mir sehr leid für die Fans tut“, bedauerte Kelly.

Seine insgesamt sieben Jahre bei den Steelers betrachtet er als die „schönste Zeit meiner Karriere“. „Bietigheim ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich so oft wie möglich hierher zurückkehren“, sagt der in Abbotsford (British Columbia) geborene 1,93-Meter-Schlaks, der mit seiner Freundin Alyce mittlerweile wieder in der Nähe von Vancouver lebt.

Erster Titelgewinn ragt heraus

Das herausragende Ereignis sei für ihn der erste Steelers-Titelgewinn im Jahr 2009 gewesen. „Das war nicht nur die erste Meisterschaft für unsere Stadt, sondern auch meine erste als Spieler. Der Sieg in den Playoffs gegen München, die damalige Mannschaft mit Spielern wie Doug Andress oder Brent Walton, die Meisterparty, die Begeisterung in der Stadt – das war alles besonders“, erinnerte sich Kelly, der in der zweithöchsten deutschen Liga gleich zweimal als Spieler des Jahres ausgezeichnet wurde. Auch die Titelgewinne 2015 und 2018 in der DEL2 sind eng mit seinem Namen verknüpft. Ohne Kelly, sagen Insider, wäre es wohl nie so weit gekommen. „Auch meine letzten Jahre in Bietigheim waren toll, weil wir immer eine einzigartige und großartige Gruppe waren. Die Jungs sind heute alle meine Freunde. Gerade wenn du als Spieler schon etwas älter bist wie ich in den 30ern, weißt du das zu schätzen“, stellte der kanadische Sympathieträger fest.

Gesundheit hat Priorität

Was er nun nach seiner Karriere macht, ist noch offen. „An erster Stelle steht die Gesundheit. Ich werde mir Zeit lassen, mehrere Optionen prüfen und dann das Passende für mich finden. Bis dahin will ich wieder völlig gesund werden und das Leben genießen“, sagte Kelly, der auch eine Zukunft im Sport nicht ausschließt: „Eishockey wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. Die nächste Karriere wird vielleicht auch etwas damit zu tun haben, möglicherweise auch mit jungen Spielern.“

Einstweilen nutzt er die freie Zeit für seine Hobbys. Kelly ist ein passionierter Angler und Motorradfahrer und reist auch gerne. Zuletzt waren er und seine Freundin mit dem Wohnmobil in Kanada unterwegs. Außerdem ist er ein Familienmensch. Ehrensache, dass bei der Abschiedsgala am Donnerstag auch die Familie vor Ort war: Mama Diane, die fünf Jahre ältere Schwester Kriston, Schwager Kelly Dean, Nichte Abby sowie Neffe Memphis.

Dass er bis heute kaum Deutsch spricht und Interviews stets auf Englisch führen muss, scheint Kelly selbst ein bisschen unangenehm: „Ich habe zwar Unterricht genommen und alles versucht, aber eigentlich sollte ich besser Deutsch können. Ich bedaure, dass ich mich da nicht mehr angestrengt habe.“

Aus der Nummer 7 wird die 27

Bleibt die Frage, warum er in all den Jahren ausgerechnet auf die Nummer 27 Wert gelegt hat. Die Antwort liegt in der Vergangenheit. Als Nachwuchsspieler habe er eigentlich die Sieben gehabt, verriet Kelly. Als er dann zu den Junioren wechselte, sei diese allerdings schon an einen älteren Teamkollegen vergeben gewesen. „Dann habe ich eben als Alternative die 27 gewählt und bin bis zum Schluss dabei geblieben. Und die Zahl hat mir Glück gebracht und hängt jetzt sogar unter dem Bietigheimer Hallendach. Das ist eine ganz große Ehre für mich“, sagte die Steelers-Legende.

Eine große Eishockey-Karriere in Zahlen


313 Spiele hat Justin Kelly für die Bietigheim Steelers bestritten. Seine Premiere feierte er am 12. Oktober 2007 in der alten Ellental-Eisarena im Zweitliga-Spiel gegen die Landshut Cannibals (1:0). Seinen letzten Auftritt im Bietigheimer Trikot hatte er am 22. April 2018 beim 2:0-Sieg in Garmisch-Partenkirchen, als die Steelers gegen den SC Riessersee den Titelgewinn perfekt machten.

61 weitere DEL2- Partien absolvierte Kelly 2013/14 für die Ravensburg Towerstars. In seiner letzten Aktivensaison für den Deggendorfer SC kam er auf zwölf Einsätze, ehe er sich am 21. Oktober 2018 in Kaufbeuren erneut eine schwere Gehirnerschütterung zuzog und seine Karriere im Februar 2019 beenden musste.

417 Scorerpunkte hat Kelly in den sieben Spielzeiten gesammelt, in denen er für die Steelers auf Torejagd gegangen ist. Dabei hat der Mittelstürmer 156 Treffer selbst erzielt und 261 weitere vorbereitet. In seiner Ravensburger Saison kam er auf 96 Zähler (35 Tore, 61 Vorlagen), bei Deggendorf auf weitere sieben (zwei Tore, fünf Assists).

3 Meisterschaften hat Kelly mit Bietigheim gewonnen, darunter war 2009 auch die erste Meisterschaft des Klubs in der Zweiten Liga. 2015 und 2018 folgten in der DEL2 die Titel zwei und drei.

2 Mal wurde Kelly als Spieler des Jahres ausgezeichnet – 2010 und 2016. Weitere Ehrungen waren: Bester Center der Liga (2009, 2010), bester Torschütze der Playoffs (2009), Topscorer der Hauptrunde (2010), Topscorer der DEL2 (2016) sowie Topscorer der Playoffs (2018).

2010 wagte Kelly den Sprung in die DEL – die höchste Spielklasse in Deutschland – und heuerte für eine Saison bei den Krefeld Pinguinen an (60 Spiele, 12 Tore, 21 Assists). Ein weiteres Jahr in der Eliteklasse verbrachte er 2011/12 bei den DEG Metro Stars in Düsseldorf. Für die Rheinländer bestritt er aber verletzungsbedingt nur 21 Duelle, in denen er ein Tor und drei Vorlagen verbuchte.

27 war von der Juniorenzeit an Kellys Nummer. Diese hängt nun seit Donnerstagabend unter dem Dach der Bietigheimer EgeTrans-Arena – neben der Nummer 44 von Dirk Wrobel und der Nummer 19 von Craig Teeple. Die 27 will der Verein künftig nie mehr vergeben. ae