Ludwigsburg / Jan Simecek  Uhr

In gut einem Monat, am 24. September, startet die Basketball-Bundesliga (BBL) in die Saison 2019/20. Derzeit trudeln gerade die Spieler der MHP Riesen Ludwigsburg in der Barockstadt ein, um am Sonntag mit der Saisonvorbereitung zu starten. Grund genug, um mit dem Vorsitzenden Alexander Reil vorauszuschauen, aber auch noch einmal zurückzublicken.

Wo stehen die MHP Riesen aktuell?

Alexander Reil: In dieser Woche geht das ganze Organisatorische über die Bühne, die medizinischen Checks und alles, was so dazu gehört. Und am Wochenende steht dann das erste Training auf dem Programm. Sportlich kann man also noch gar nicht sagen, wo wir stehen. Wir haben aber wieder eine ganz neue Mannschaft. Vor allem für die Trainer wird das die ganz spannende Herausforderung, wie schnell sich daraus ein Team formen lässt.

Warum gab es diesen großen Umbruch?

Nach der vergangenen Saison war es sicherlich keine große Überraschung, dass so viele Neuzugänge kommen. Wir hoffen, dass wir damit wieder mehr Spieler haben, die unsere Philosophie, unsere Tugenden aufs Parkett bringen, zu sagen, ich kann auch ein Spiel verlieren, aber ich habe 100 Prozent gegeben. Das ist uns letzte Saison nicht so gut gelungen.

Das Problem, immer wieder neue Teams aufbauen zu müssen, haben ja aber auch andere Klubs in der Liga, die nicht über einen großen Geldbeutel verfügen.

Naja, manche mehr, manche weniger. Aber das ist schon eine große Herausforderung, denn du startest immer wieder bei Null. Jetzt könnte man natürlich sagen: Warum macht ihr es nicht anders? Aber das ist auch zumindest Teil einer Philosophie. Wir haben die letzten Jahre – wenn man die letzte Saison mal ein bisschen außen vor lässt – eigentlich immer mehr als erwartet abgeliefert. Wir hatten dazu Spieler, die in unser Budget passen. Dann haben die aber sehr, sehr gute Leistungen gezeigt, und dann sind sie eben für uns nicht mehr haltbar. Das wissen wir, und damit müssen wir eben auch umgehen.

Inwieweit ist mit so vielen Veränderungen im Team ein bestimmtes Ziel planbar? Beispielsweise die erneute Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb.

Natürlich setzt man sich Ziele. Natürlich ist es auch schön, wenn du zum Schluss die Playoffs erreichst. Aber mit unseren Rahmenbedingungen gibt es keine Garantie darauf. Wieder international zu spielen, wäre sozusagen die Kür.

Was bedeutet es für die MHP Riesen, in diesem Jahr nicht auf internationalem Parkett dabei zu sein?

Wir hätten gerne international gespielt. Aber wir haben uns letzte Saison einfach sportlich nicht qualifiziert. Ich finde das dann auch richtig so, weil die sportlichen Kriterien letztlich zählen. Wir haben jetzt dadurch den Nachteil, weniger Spiele zu haben. In den letzten Jahren hat uns der internationale Wettbewerb auch geholfen, schneller als Team zusammenzufinden. In Gegenzug haben wir den Vorteil, uns auf die Bundesliga konzentrieren zu können.

Macht das auch finanziell einen Unterschied?

Man hat international sicherlich Einnahmen, aber auch insbesondere durch Reisen erhebliche Ausgaben. Insofern macht das sicherlich keinen großen Unterschied.

Obwohl schon im vergangenen Jahr mit einigen sehr jungen Spielern gespickt, wurde der Kader der Riesen noch einmal um einiges verjüngt. War das so beabsichtigt, oder doch eher eine finanzielle Notwendigkeit?

Wir sind tatsächlich aufgrund vieler Faktoren rund zwei Jahre jünger geworden. Wir gehen davon aus, dass es mit Spielern, die sich noch beweisen wollen, die sich noch für höhere Aufgaben empfehlen wollen, die auf dem Papier nicht so satt sind, vielleicht einfacher ist, unsere Tugenden und unser Spielsystem umzusetzen. Wobei das natürlich nicht heißen soll, dass ältere Spieler grundsätzlich weniger geben.

Obwohl es in der vergangenen Runde stellenweise nicht so gut lief, stehen die Fans voll hinter der Mannschaft. Ist das ein Pfund, mit dem die Riesen wuchern können?

Ich sage immer, das war keine schlechte Saison. Sie war nicht so gut, wie die Jahre davor, aber die Fans haben auch in den schlechteren Spielen die Mannschaft immer 100 Prozent unterstützt. Das muss man ganz klar sagen, und das ist wichtig. Ich hoffe, dass wir in der kommenden Saison wieder mehr vom Feld zurückgeben können.

Dabei ist die Spielweise von Trainer John Patrick ja nicht so spektakulär wie teilweise bei anderen Teams.

Der Fokus liegt bei ihm mehr auf der Verteidigung. In letzter Konsequenz funktioniert Sport aber relativ einfach: Erfolg macht attraktiv. Was bringt es dir, wenn du zwar toll offensiv spielst, aber die Mannschaft fast jedes Spiel verliert? Das ist dann auch nicht mehr wirklich attraktiv. Ich glaube, dass wir trotz oder gerade wegen des Spielstils über die letzten Jahre erfolgreich waren. Deshalb gibt es keinen Grund, da etwas zu ändern.

Im Raum Stuttgart/Ludwigsburg/Bietigheim-Bissingen gibt es sehr viel hochklassigen Sport. Wie wirkt sich das auf die Rahmenbedingungen aus, beispielseise auch im Vergleich mit Ligakonkurrenten wie Ulm oder Vechta, die quasi das Monopol haben?

Klar ist, wenn du ist einer Region so viele Angebote an hochklassigem Sport hast, dann ist das auch immer ein Stück weit Wettbewerb. Wir versuchen, uns da durchzusetzen. Und wenn man sich über die letzten Jahre Spielklasse, Anzahl der Zuschauer und auch Erfolge anschaut, glaube ich schon, dass wir in der Region hinter dem VfB Stuttgart schon die Nummer zwei sind. Obwohl der VfB jetzt ja wieder nur noch zweitklassig ist. Insgesamt verschärft das aber natürlich die Wettbewerbssituation. Aber dem müssen wir uns stellen und uns nicht beklagen.

Ähnlich sieht es ja auch in der Liga aus. Die wird zumindest gefühlt immer enger. Ist es tatsächlich so, oder zieht die Spitze wie Bayern München doch eher davon und das Hauen und Stechen um die übrigen Playoff-Plätze wird nur größer?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Spitzenklubs noch weiter vom Rest der Liga entfernen und dass dahinter eine sehr hohe Breite vorhanden ist, die um die letzten drei Playoff-­Plätze kämpft. Das sind teilweise sieben, acht Mannschaften, die um drei Plätze kämpfen. Das macht es sehr schwer und deshalb auch nicht ansatzweise planbar. Wenn du mal eine schlechte Saison hast, Spieler verletzt sind, musst du aufpassen, dass du nicht ganz unten rein rutschst.

Wie weit kann man jetzt schon einschätzen, wer oben mitspielen, wer mit um die letzten Playoff-Plätze kämpfen wird und wer um den Klassenerhalt bangen muss?

Das sind die üblichen Verdächtigen, wie in den vergangenen Jahren. Lediglich mit dem Unterschied, dass ich glaube, dass München noch stärker sein wird, Berlin, Oldenburg aber auch Ulm noch einmal aufgerüstet haben. Vorne diese vier, fünf sind nicht unsere Kragenweite. Das muss man ganz klar sagen. Und dann kommt ein Feld mit acht Mannschaften, die völlig ausgeglichen sind.

Gibt es trotz dieser Unwägbarkeiten ein konkretes Saisonziel, was die Platzierung betrifft?

Nein. Wir wollen versuchen, unsere Philosophie wieder stärker aufs Parkett zu bringen. Das ist ein ganz wichtiges Ziel. Charaktere, Eigenschaften, Einstellungen. Wir waren ja einmal dafür bekannt, dass man nicht gerne gegen uns spielt. Das wollen wir wieder stärker umsetzen, als im vergangenen Jahr. Wenn uns das gelingt, haben wir eine Chance auf die Playoffs.

Zur Person

Alexander Reil ist seit 2002 hauptamtlicher Vorsitzender der MHP Riesen Ludwigsburg, der ausgegliederten Profiabteilung der BSG Basket Ludwigsburg. Der 51-Jährige ist zudem seit 2014 Präsident der AG Basketball-Bundesliga, in deren Vorstand er seit 2008 saß. Vor seinem Engagement im Ludwigsburger Basketball hat er Betriebswirtschaftslehre studiert und ein Autohaus geführt. sim

Harter Auftakt in die Vorbereitung

NAch dem Trainingsstart am Sonntag fordert Riesen-Trainer John Patrick sein Team gleich richtig. Drei Tage später, am Mittwoch den 21. August, steht ein erster Test gegen die MLP Academics Heidelberg unter Ausschluss der Öffentlichkeit an. Zum Abschluss der ersten Trainingswoche hat Patrick noch ein weiteres Testspiel gegen den Playoff-Viertelfinalisten Brose Bamberg angesetzt. sim