Bietigheim-Bissingen / Jan Simecek

Die Bundesliga-Handballerinnen der SG BBM Bietigheim haben das Spitzenspiel beim Thüringer HC verloren. Einige Spielerinnen ließen hinterher die Köpfe hängen, als ob damit auch die Meisterschaft futsch sei. Im BZ-Interview spricht SG-Sportdirektor Gerit Winnen über das Spiel und was es für das Meisterschaftsrennen in den verbleibenden sechs Partien bedeutet.

Wie ist die Stimmungslage mit etwas Abstand zur Niederlage beim Thüringer HC?

Gerit Winnen: Die Enttäuschung ist immer noch riesig, weil der verlorene Punkt zum Greifen nahe war. Wir haben das Spiel genauestens analysiert und unsere Schlüsse daraus gezogen. Jetzt gilt es, den Blick nach vorne zu richten, die hart erarbeitete Ausgangslage, die wir innehaben, mit aller Kraft zu verteidigen und die Pole Position zu nutzen. Unser Vorteil ist, dass wir sechs Spieltage vor Schluss mit elf Toren Vorsprung nach wie vor an der Tabellenspitze stehen – das wollen wir jetzt unbedingt ausbauen und erfolgreich ins Ziel bringen.

Die Ex-Bietigheimerin Ann-Cathrin Giegerich hat direkt nach dem Spiel gesagt, dass der Thüringer HC vielleicht mental etwas stärker war. Wie fällt da die eigene Analyse aus?

Das Spiel stand gegen Ende Spitz auf Knopf. Natürlich hatte der THC diesen immensen Heimvorteil aufgrund der mit fantastisch-frenetischen Fans dicht bepackten Halle. Trotzdem konnten wir vor allem in der zweiten Hälfte eine hervorragende Leistung abrufen und hatten, wie erwähnt, die Chance auf diesen womöglich vorentscheidenden Punktgewinn, die wir leider nicht genutzt haben. Mental zeigte sich die Mannschaft gewohnt stark, auf jeden Fall gleichwertig zum THC, zumal wir jede Menge internationale Erfahrung im Kader haben. Die Meinung von Ann-Cathrin ist subjektiv. Ich kann sie aber durchaus nachvollziehen.

Der angesprochene Heimvorteil bestand nicht nur aus der enorm lauten Kulisse. Der THC hat es auch mit einigen Tricks versucht. Beispielsweise wurde bei Auszeiten nur auf Bietigheimer Seite laute Musik eingespielt. Was kam davon auf der SG-Bank an?

Beim THC wird schon immer mit diesen kleinen Tricks gearbeitet. Das gehört dort offensichtlich zum Business dazu und wir wurden aufgrund der letztjährigen Erfahrungen aber nicht wirklich davon überrascht. Außer dem schon traditionellen unangenehmen Geruch in der Gästekabine könnten hier noch viele Beispiele angeführt werden. Derlei Spielchen zu unterbinden zählt gewiss nicht zu den Aufgaben eines Ligaclubs. Wir von der SG BBM kehren nur vor unserer eigenen Haustür und verhalten uns ausschließlich professionell und fair.

Was bedeutet die Niederlage für den Titelkampf?

Durch das denkbar knapp verpasste Unentschieden ist jetzt wieder alles offen. Wir werden weiterhin den Fokus auf jede einzelne Ligabegegnung legen sowie um jedes Tor kämpfen. Wenn wir weiter konzentriert arbeiten, könnten wir am letzten Spieltag weiterhin auf Position eins der Tabelle stehen. Das hätte sich die Mannschaft, der Verein und das gesamte großartige Umfeld, allen voran die Fans, die uns auch in Bad Langensalza auf fantastische Weise unterstützt haben, absolut verdient.

Sechs Partien sind noch zu absolvieren. Der Thüringer HC sagt von sich, dass er das deutlich schwerere Restprogramm hat. Welche Gegner stellen für die beiden Titelanwärter noch die größte Gefahr dar?

Bei der Leistungsdichte an der Spitze ist jedes Spiel mitentscheidend. Dass dem THC das schwerere Programm bevorsteht, steht aufgrund der Tabellenkonstellation so nur auf dem Papier. Das brisante Derby in Neckarsulm, das schwere Auswärtsspiel in Oldenburg sowie die Heimspiele gegen Blomberg-Lippe, Dortmund und Göppingen sind nun wahrlich keine Selbstläufer. Beide Restprogramme sind also durchaus vergleichbar. Insbesondere da der THC bei seinen Heimpartien als haushoher Favorit gilt. Wir sind sehr gut beraten, nur auf uns zu schauen und von Spiel zu Spiel zu denken. Alles andere sollten wir ausblenden – in dem Wissen, dass es um jeden einzelnen Punkt sowie jedes einzelne Tor geht. Ich halte mich an das bewährte Sprichwort: „Wer vorher rechnet, muss zweimal rechnen“.

Es gab in dieser Saison schon Spiele, bei denen die SG BBM bei deutlicher Führung frühzeitig den Fuß vom Gas genommen hat. Das wird es also nicht mehr geben?

Die Partien, auf die Sie hindeuten, beziehen sich allesamt auf eine Phase der extremen Belastung. Damals befanden wir uns im Terminschlauch aus deutschem Pokal, internationalem Wettbewerb und Ligabetrieb. Jetzt sind wir im Endspurt, auf der Zielgeraden der deutschen Meisterschaft. Jede der noch verbleibenden Spielminuten werden wir unter Vollgas bestreiten.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es trotz der Niederlage im Spitzenspiel mit dem Titelgewinn klappt?

Wir spielen bislang eine hervorragende Bundesligasaison. Der gesamte Kader steht uns bis auf Daniela Gustin topfit zur Verfügung. Die Trainingssteuerung von Martin Albertsen ist genauestens dosiert. Der Wille der Mannschaft, den Titel zum zweiten Mal zu holen, ist enorm.