Schwimmen „Nach Gold schläft man nicht so gut“

Die deutsche Mixed-Staffel zeigt nach dem EM-Triumph über 4x200 Meter Freistil stolz ihre Goldmedaillen, von links: Henning Mühlleitner, die Ingersheimerin Annika Bruhn, Reva Foos und Jacob Heidtmann.
Die deutsche Mixed-Staffel zeigt nach dem EM-Triumph über 4x200 Meter Freistil stolz ihre Goldmedaillen, von links: Henning Mühlleitner, die Ingersheimerin Annika Bruhn, Reva Foos und Jacob Heidtmann. © Foto: Giorgio Scala/ Deepbluemedia /In
Von Sandra Bildmann 15.08.2018

Ich habe im ersten Moment gar nicht gecheckt, dass ich als Erste angeschlagen habe“, erzählt Annika Bruhn, „ich dachte nur: Jede Platzierung zählt, die Russin holst du jetzt auch noch.“ Das russische Mixed-Team war allerdings die einzige Staffel, die auf der Schlussbahn noch vor ihr lag. Weil Annika Bruhn auf einer Innenbahn schwamm, konnte sie die Konkurrenz nicht recht überblicken – und war im Ziel ganz baff: „Ich habe nicht gewusst, dass wir auf Goldkurs liegen.“

Mixed-Staffel schafft Sensation

Die Goldmedaille der deutschen Mixed-Staffel über 4x200 Meter Freistil war eine der großen Sensationen im Becken des Tollcross Swimming Centres in Glasgow. Kaum jemand hatte Annika Bruhn und ihre Kameraden bei der Europameisterschaft als Titelaspirant auf dem Zettel - nicht einmal sie selbst. „Wir wollten realistisch bleiben und hatten mit Bronze geliebäugelt“, erinnert sich die 25-Jährige im Gespräch mit der BZ, „wir sind alle über uns hinausgewachsen. Ich hatte ja auch nicht erwartet, dass ich eine 1:56er-Zeit auspacke.“

Für ihre Staffel-Etappe über ihre Paradestrecke 200 Meter Freistil benötigte die Ingersheimerin zum ersten Mal in ihrer Karriere nur 1:56,34 Minuten. Doch offiziell gilt diese Marke nicht, da bei Staffelübergaben die Reaktionsverzögerung am Start entfällt. Ihr Ziel: „Die Zeit im Einzel bestätigen.“ Denn das wollte bei der EM noch nicht klappen. Bei ihrem Einzelstart verpasste sie das Halbfinale und schied bereits im Vorlauf aus. „Man schläft nicht ganz so gut, wenn wenn man Gold geholt hat“, sagt Bruhn mit einem verschmitzten Unterton. Sie habe die Belastungen des Vortags kräftemäßig gespürt und den Tag gebraucht, um Energie zu sammeln.

Und dann flutschte es auch wieder: Nach Rang fünf mit der gemischten Lagenstaffel brachte die Athletin der Neckarsulmer Sport-Union, die früher für den SV Bietigheim ins Becken sprang, das auf dem vierten Rang liegende deutsche Frauen-Quartett als Schlussschwimmerin noch aufs Siegerpodest und erkämpfte Bronze über 4x200 Meter Freistil. Zum Abschluss der Titelkämpfe reichte es in der Mixed-Staffel über die 4x100-Freistil-Distanz zum fünften Platz.

Was ausschlaggebend für die herausragenden Platzierungen war, kann Annika Bruhn nicht genau sagen. „Erfolgshungrig sind wir auf jeden Fall immer“, betont die Kraul-Spezialistin, der Staffeln besonders viel Spaß machen: „Wenn noch ein Team mit dranhängt, quält man sich unterbewusst noch ein bisschen mehr.“ Gerade bei Staffeln sei man im Callroom direkt vor dem Rennen nicht alleine, könne sich ablenken und miteinander scherzen. „Aber man muss sich schon bewusst machen, worum es geht“, bemerkt Bruhn. Ihre Ziele will die Freistilschwimmerin nach der erfolgreichen EM aber nicht korrigieren. Primär möchte sie kontinuierlich ihre Zeit verbessern. Einen erneuten Einsatz bei Olympischen Spielen - 2020 dann in Tokio - nennt sie als Fernziel.

Als „Mini-Olympia“ bezeichneten viele die in den zurückliegenden Tagen zum ersten Mal veranstalteten European Championships, bei denen sieben Randsportarten gleichzeitig und an nur zwei verschiedenen Orten ausgetragen wurden. Für Annika Bruhn ein gelungenes Konzept, das aus ihrer Sicht in Zukunft etabliert werden sollte – auch wenn sie selbst vor Ort davon kaum etwas mitbekam, weil sie sich auf ihre Rennen konzentrierte.

Lange Liste von Gratulanten

Doch die Liste von Gratulanten nach ihrem Gold-Coup sei so lang gewesen, dass sie gar nicht alle beantworten konnte. „Ich war ganz überrascht, wie viele Leute meinen Lauf gesehen haben“, stellte die Ingersheimerin fest. Zudem habe sie sich gefreut, dass auch Athleten anderer Sportarten, wie zum Beispiel die Ruderer und Synchronschwimmerinnen, die ihre Wettkämpfe bereits beendet hatten, im Swimming Centre vorbeischauten und tatkräftig anfeuerten. Die Rechnung der Initiatoren der EC, die mit dem Wunsch angetreten waren, für die Randsportarten mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, scheint aufgegangen zu sein.

Mit ihren Erfolgen haben Annika Bruhn und ihre Sportlerkollegen ihren Teil dazu beigetragen. Gerade für die Schwimmer, die in den letzten Jahren bei großen Meisterschaften nicht so viele Plaketten aus dem Wasser fischen konnten, war die EM ein Erfolg - auch Dank Annika Bruhn, die dem Deutschen Schwimm-Verband zwei Medaillen sicherte. Die Ingersheimerin ist inzwischen zuhause angekommen und hat drei Wochen Sommerpause vor sich, bevor im September die neue Saison losgeht.

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