Interview „In dem Sport kann man nicht nur als Kumpeltyp herumlaufen“

Nachdenkliche Pose: Der neue Trainer Ralf Bader will mit dem Underdog SG BBM Bietigheim in der Ersten Bundesliga bleiben.
Nachdenkliche Pose: Der neue Trainer Ralf Bader will mit dem Underdog SG BBM Bietigheim in der Ersten Bundesliga bleiben. © Foto: EIBNER/Wolfgang Frank
Bietigheim / Andreas Eberle 25.08.2018

Der bisherige Drittliga-Coach Ralf Bader hat die Aufgabe übernommen, den Bundesliga-Aufsteiger SG BBM Bietigheim in der stärksten Handball-Liga der Welt zum Klassenerhalt zu führen. Im Interview spricht der 37-Jährige über die Rolle als Außenseiter, die holprige Vorbereitung und seinen Karrieresprung.

Wie fühlt es sich an, Trainer eines Vereins zu sein, der als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt wird?

Ralf Bader: Da spüre ich zwei Dinge in mir. Zum einen bin ich motiviert, allen zu zeigen, dass man trotzdem erfolgreich arbeiten kann. Zum anderen muss ich zugeben, dass es schon kribbelt, weil die Aufgabe, die vor uns liegt, sehr schwierig ist.

Es ist leichter aufzusteigen als drinzubleiben – teilen Sie dieses Mantra, mit dem sich die Erstliga-Aufsteiger Jahr für Jahr konfrontiert sehen?

Das sehe ich auch so. Ich habe es zweimal als Spieler erlebt, und zweimal ist letztlich der Fall eingetreten. Mit Pfullingen haben wir nach dem Aufstieg immerhin dreimal den Klassenerhalt geschafft, und mit Neuhausen/Erms sind wir nach einer Saison knapp wieder abgestiegen. Da waren wir in einer ähnlichen Situation wie jetzt die SG BBM und ein klarer Außenseiter. Trotzdem haben wir es geschafft, den Kampf um den Klassenerhalt bis zum zweitletzten Spieltag offen zu gestalten.

In der ersten Bietigheimer Bundesliga-Saison 2014/2015 ging die Mission Klassenerhalt kolossal daneben. Was ist diesmal anders?

Das ist für mich schwierig zu beantworten, weil ich beim ersten Mal nicht live dabei war. Ich möchte mir kein Urteil über Dinge erlauben, an denen ich nicht beteiligt war. Anders ist auf jeden Fall die Vorerfahrung des Vereins. Gewisse Fehler, die eventuell gemacht wurden, werden jetzt dadurch nicht mehr gemacht. Uns allen muss bewusst sein, dass wir bis zum Schluss als Team und als Verein zusammenhalten müssen – egal, wie es sportlich läuft. Und dann muss man abrechnen, ob die Arbeit gut war und was herausgekommen ist.

Was macht Sie zuversichtlich, dass die SG BBM in der Liga bleibt?

Da muss ich in meine Mannschaft hineinschauen. Wir haben einen großen Kader, den wir ganz bewusst mit jungen und talentierten Spielern gespickt haben. Dass das noch keine Bundesliga-Spieler sind, ist uns allen klar. Wir wollen die Saison intensiv nutzen, um dieses Team weiterzuentwickeln. Dabei hoffen wir, dass das Potenzial so freigesetzt wird, dass es auch sportlich reicht.

Stichwort Mehrklassengesellschaft. Wie weit ist die SG BBM von den anderen Teams entfernt, was das Leistungsvermögen anbelangt?

Innerhalb der Liga gibt es Riesen-Unterschiede. Für die ersten sechs, sieben Teams brauchen wir schon ein Fernglas. So geht es aber jedem Aufsteiger. Das Mittelfeld ist dagegen in den vergangenen Jahren deutlich breiter geworden, auch nach unten hin. Es kann ganz schnell gehen, dass eine Mannschaft, die man auf Platz acht gehandelt hat, auf Rang zwölf landet. Unser Abstand ist schon groß. Aber für uns geht es auch nicht darum, um Platz zehn zu spielen. Wir müssen schauen, an welchem Tag welche Mannschaft verwundbar ist. Da gilt es, unsere Topleistung zu zeigen, um die Punkte einzusammeln.

Werden es diesmal mehr als 13 Punkte, die Bietigheim 2014/2015 geholt hat, damals noch in einem 19er-Feld mit drei Absteigern?

Den größten Vorteil, den es seit einem Jahr gibt, sehen viele gar nicht. Früher hat man 20, 22 Punkte gebraucht, um in der Liga zu bleiben. Durch die Regelung mit nur noch zwei Absteigern können 15 Zähler reichen. Das hat die Vorsaison gezeigt. Vielleicht genügen auch mal 13 oder 17 Punkte. Mit einem guten Monat oder einer guten Phase in der Rückrunde kann man den Nichtabstieg schaffen.

Die Resultate in der Vorbereitung ließen zu wünschen übrig. Sogar gegen unterklassige Klubs gab es Niederlagen. Lag das nur an den Ausfällen?

Da haben mehrere Punkte hineingespielt. Es wird oft unterschätzt, wenn ein neuer Trainer kommt. Da ändert sich schon einiges. Natürlich sind wir auf Spielsysteme eingegangen, die bisher in Bietigheim erfolgreich waren. Uns allen war aber klar, dass wir uns nach dem Abgang von zwei zentralen Spielern und mit den vielen neuen zentralen Spielern erst wieder mehr oder weniger neu erfinden müssen. Durchwachsen war die Vorbereitung nicht nur, weil wir nicht eingespielt waren, sondern vor allem, weil dazu noch die vielen Ausfälle kamen.

Wie haben die Neuzugänge ins Team hineingefunden?

Die Integration der neuen Spieler ist sehr gut vorangeschritten. Zunächst einmal ist da die soziale Komponente zu nennen, die der SG BBM und mir sehr wichtig ist. Das haben wir schon sehr gut geschafft. Handballerisch sehe ich bei dem einen oder anderen auch schon große Fortschritte. Dieser Prozess muss in den nächsten Wochen aber noch deutlich voranschreiten. Ich bin nicht unzufrieden, aber wir haben da noch Potenzial nach oben.

Von der Dritten in die Erste Liga und das mit 37 – hätten Sie vor einem Jahr so einen Karrieresprung für möglich gehalten?

Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, auch wenn die Erste Liga von Anfang an mein Ziel war. Ich habe bis 35 Bundesliga-Handball gespielt, war schon ab 20 Jugendtrainer in allen Altersklassen und habe mich bei meinen Vereinen da immer sehr engagiert. Nach meiner Karriere als Spieler war schnell klar, dass ich unbedingt als Trainer weitermachen will, ohne Wenn und Aber. Für mich selbst habe ich damals einen Fünfjahresplan gemacht, der allerdings in die Zweite Liga münden sollte. Jetzt ist es nach zwei Trainer-Jahren die Erste Liga – das ist ein Megasprung.

Kumpeltyp oder Schleifer – was für ein Trainer sind Sie?

Weder das eine noch das andere würde mich richtig beschreiben. Ich bin in meiner Art und Weise, wie ich mit Menschen umgehe, schon modern und offen – und sicher kein verschlossener Schleifertyp. Aber ich weiß auch, dass man in dem Sport nicht nur als Kumpeltyp herumlaufen kann, sonst verliert man den einen oder anderen Spieler auf diesem Weg, weil sie nicht damit umgehen können. Ich denke, ich bin die goldene Mitte und kann mich je nach Situation anpassen.

Zur Person: Ralf Bader

Bei seiner ersten Trainerstation führte Ralf Bader den TSV Neuhausen/Filder auf Anhieb in die Dritte Liga Süd und etablierte den Klub dort. Als Spieler ging der Linkshänder für den VfL Pfullingen und den TV 1893 Neuhausen aufs Feld und schaffte mit beiden Teams 2002 und 2012 den Aufstieg in die Erste Liga. Mit diesen Vereinen spielte er danach auch in der Eliteklasse. In Tübingen studierte der 37-jährige Bader von 2002 bis 2009 Sportwissenschaft auf Diplom. Bei der SG BBM Bietigheim beerbte er im Sommer Aufstiegscoach Hartmut Mayerhoffer (jetzt Frisch Auf Göppingen). Als Hobbys nennt er Filme schauen mit seiner Verlobten, Musik hören und Joggen. ae

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