Radsport „Ich habe viel richtig gemacht“

Alexander Krieger (zweiter von links) bei der Zieleinfahrt der ersten Etappe der Deutschland-Tour in Bonn.
Alexander Krieger (zweiter von links) bei der Zieleinfahrt der ersten Etappe der Deutschland-Tour in Bonn. © Foto: Papadopulous
Vaihingen / nac 29.08.2018

Für Platz 38 im Gesamtklassement der Deutschland-Tour kann ich mir nichts kaufen“, sagt Alexander Krieger etwas enttäuscht. Dennoch fällt das Fazit des Radprofis aus Vaihingen für die viertägige Rundfahrt positiv aus – mit einer Einschränkung: die zweite Etappe von Bonn nach Trier.

Alexander Krieger hat definitiv auf sich aufmerksam gemacht. Im Konzert der ganz Großen mit dem Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas (Sky), dem Zweiten der Frankreich-Rundfahrt, Tom Dumoulin (Sunweb), dem Deutschen Meister Pascal Ackermann (Bora-Hansgrohe) oder den deutschen Sprintstars Marcel Kittel und Rick Zabel (beide Katusha-Alpecin) mischte der Radprofi des drittklassigen luxemburgischen Leopard-Pro-Cycling-Team fast immer weit vorne mit. Sein persönliches Ausrufezeichen setzte Krieger gleich am ersten Tag. Nach 157 Kilometern von Koblenz nach Bonn sprintete der 26 Jahre alte Vaihinger um den Sieg mit. Am Ende wurde er knapp geschlagen Fünfter. „Wäre die Ziellinie ein paar Zentimeter weiter hinten gewesen, wäre ich vielleicht Dritter geworden“, berichtet Krieger.

Alleinkämpfer im Sprint

Dass er dabei Alleinkämpfer war und nicht wie beispielsweise Ackermann von seinen Mannschaftskameraden in den Sprint gezogen wurde, sieht der Vaihinger nicht als Nachteil. „Am Ende ist es natürlich einfacher, wenn man einen Zug wie Ackermann hat, der sich das ganze Rennen um nichts kümmern musste“, erklärt Krieger. „Ich hatte dagegen vor dem eigentlichen Sprint schon mehr Stress. Ich musste mich immer wieder alleine zurückkämpfen. Aber wir sind eben ein Ausbildungs- beziehungsweise Nachwuchsteam. Da fehlt uns in der Breite etwas die Qualität.“

Doch genau das macht auch wiederum die Stärke des 26-Jährigen aus. „So wie ich da vorne rumfahre, das können nicht viele“, sagt er mit etwas Stolz in der Stimme. „Ich habe viel richtig gemacht, um überhaupt in der Position gewesen zu sein, um um den Sieg mitzufahren.“

Auf der ersten Etappe merkte Krieger allerdings auch schon, dass seine Muskeln übersäuern und zumachen. „Ich hatte eigentlich mit fünf Tagen Vorlauf meine Schuhplatten gewechselt und die auch so eingestellt wie die alten. Doch durch die neuen Platten hatte ich etwas weniger Spiel an den Fersen. Und mein Körper ist sensibel und reagiert schnell auf Veränderungen“, erzählt der Vaihinger. An Tag zwei über 196 Kilometern von Bonn nach Trier hat er „die Kurbel nicht mehr richtig rumbekommen. Ich bin unflüssig auf den Pedalen rumgetrampelt“, berichtet er. Statt vorne mitzufahren, was er sich wieder vorgenommen hatte, verlor er rund viereinhalb Minuten auf die Spitze. „Das hat mich mächtig geärgert. Denn ich bin nicht aufgrund eines Leistungseinbruchs abgehängt worden“, so Krieger.

Alte Pedale am Rad

Um wieder etwas mehr Bewegungsfreiheit mit den Füßen zu bekommen, montierte er für die dritte Etappe über 177 Kilometer entlang der Mosel und der Saar von Trier nach Merzig alte Pedale an sein Fahrrad. Außerdem ließ er sich zwei Mal von einem Physiotherapeuten behandeln. „Als ich losgefahren bin, war es aber wie am zweiten Tag“, berichtet der 26-Jährige. „Doch rund 50 Kilometer vor dem Ziel hat sich tatsächlich wie vom Physiotherapeuten prognostiziert alles zum Guten gewendet. Die Muskeln sind aufgegangen.“ Das setzte positive Energie bei Krieger frei. Die letzten 67 Kilometer über zwei Runden auf der berühmten Saarschleife dünnten das Fahrerfeld mit vier von fünf Bergwertungen des Tages aus. Doch der Vaihinger war mit rund 30 Mitstreitern ganz vorne dabei.

Doch wenige hundert Meter vor dem Ziel stürzte rechts Lennard Kämna (Sunweb). Das Feld machte eine Welle nach links, um dem Gestürzten auszuweichen. „Da sind sich Patrick Konrad von Bora-Hansgrohe und ein Fahrer von BMC Racing, wahrscheinlich Jürgen Roelandts, aneinander hängen geblieben“, berichtet Krieger. Konrad stürzte ebenfalls und riss den Vaihinger mit sich. „Wenn man bei 60 Kilometern pro Stunde am Hinterrad des Vordermanns klebt, kann man nicht mehr ausweichen“, erklärt Krieger. Damit war der Traum von einem Podestplatz an diesem Tag auch ausgeträumt. Krieger: „Dabei hatte ich mir viel für den Sprint ausgerechnet. Denn die besten Sprinter des Feldes hatten wir schon abgehängt.“

Wenigstens hatte der Vaihinger Glück im Unglück. Lediglich die Hüfte hatte einige Schürfwunden von dem Sturz davongetragen, und das Knie und die rechte Hand waren lädiert. Aber die Deutschland-Tour ging für Krieger weiter. Doch die Schlussetappe über 207 Kilometer von Lorsch nach Stuttgart hatte es in sich. „Nach anfänglichem Gespringe – einmal war eine krasse Gruppe mit Fahrern aus einigen großen Teams weg – ging es relativ entspannt über die ersten beiden Berge. Doch dann kamen Rémi Cavagna (Quick-Step Floors) und Vasil Kiryienka (Sky) weg. Bis zu sechs Minuten betrug ihr Vorsprung. „Das sind zwei Brummer. Die haben richtig große Motoren. Dennoch hat sich jeder im Feld gefragt, wie man zu zweit so schnell fahren kann“, erzählt Krieger. Deshalb hat das Feld viel investiert, um dagegenzuhalten.

Am Herdweg in Stuttgart stellte das Feld die Ausreißer dann endlich. „Da in der Gesamtwertung noch viel offen war, haben Schachmann und Dumoulin das Rennen schnell gemacht und das Feld gesprengt“, berichtet Krieger. Auch der Vaihinger musste abreißen lassen. „Es ist ja nicht so, dass man in diese Steigung ausgeruht reinfährt“, erklärt der Vaihinger. „Dennoch hatte ich oben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Aber unsere Gruppe hat nicht harmoniert. Und vorne haben sie gut durchgezogen.“ Letztlich kam Krieger mit 27 Sekunden Rückstand ins Ziel.

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