Frauenhandball „Es wäre ein Megaerfolg, wieder die Meisterschaft zu holen“

Trainer Martin Albertsen zeigt die Richtung an, wohin es gehen soll. In der Bundesliga-Tabelle am liebsten nach ganz oben.
Andreas Eberle 12.09.2018

Vor dem Bundesliga-Auftakt der SG BBM Bietigheim an diesem Mittwoch (19.30 Uhr) gegen Bayer 04 Leverkusen besuchte Frauen-Trainer Martin Albertsen (44) die BZ-Sportredaktion – und sprach im Interview darüber, was er in der neuen Handball-Saison mit seiner Mannschaft vorhat.

Ihre Mannschaft hat am Wochenende in Polen ihr erstes Saisonziel erreicht und den Sprung in die Champions League geschafft. Wie groß ist nun Ihre Erleichterung?

Martin Albertsen: Sehr groß. Zwei Monate lang haben wir auf diesen Sieg beim Qualifikationsturnier hingearbeitet. In der Vorbereitung sind wir extra gegen Gegner angetreten, die so ähnlich wie unser Auftaktgegner Bera Bera spielen. Der Stress in Polen war groß – mit der langen Reise, den beiden Duellen an zwei Tagen und den 3000 Zuschauern, die am Sonntag im Spiel gegen Lublin gegen uns waren. Wir sind jetzt sehr glücklich, dass wir die Champions League erreicht haben.

Wie schwer ist es, sofort den Schalter umzulegen, denn an diesem Mittwoch kommt Bayer Leverkusen zum ersten Bundesliga-Heimspiel in die Sporthalle am Viadukt?

Das ist eine maximale Herausforderung. Das Spiel wird zeigen, ob wir schon zu 100 Prozent dort sind, wo wir sein wollen. Profimannschaften schaffen das und richten den Fokus immer gleich auf die nächste Aufgabe. Die Vorbereitungszeit auf den neuen Gegner ist kurz. Für die Spielerinnen geht es darum, nicht nur körperlich wieder bereit zu sein, sondern auch mental – gerade nach so einem Erfolg wie am Wochenende. Da müssen wir jetzt unsere Klasse zeigen.

Die Bietigheimer Mannschaft gilt als so stark wie noch nie. Ist mit diesem Kader die deutsche Meisterschaft nicht fast schon Pflicht?

Wenn das so einfach wäre. Es ist nicht so, dass man nur gute Spielerinnen zu holen braucht und dann automatisch Meister wird – ganz egal, ob im Handball oder im Fußball. Dann könnte man ja sagen, Geld regiert die Welt. Dem ist aber zum Glück im Sport nicht so. Es geht darum, ein gutes Team aufzubauen. Außerdem muss man auch die Spielerinnen zur Verfügung haben. In der vergangenen Saison hatten wir viel Pech mit Ausfällen. Da musste ich ab und zu ein Spiel mit der halben Mannschaft bestreiten. Die Konkurrenz in der Bundesliga Frauen ist größer als früher. Es wäre ein Megaerfolg, die Meisterschaft wieder nach Bietigheim zu holen.

Rechnen Sie erneut mit einem Zweikampf zwischen der SG BBM und dem Meister Thüringer HC?

Ja. Und ich rechne auch damit, dass der THC und wir Probleme bekommen mit Teams wie Metzingen, Dortmund, Blomberg, Buxtehude und Leverkusen, gerade auswärts nach einer langen Anreise. Ich habe beim Thüringer HC noch nie einen besseren Kader gesehen, was die Feldspielerinnen angeht. Aber wir haben mit Dinah Eckerle ihre Torhüterin geholt, das ist schon eine kleine Schwächung im THC-Tor.

Verfügt Ihr Aufgebot über mehr Potenzial als in der Vorsaison?

Die Qualität hat insgesamt zugenommen. Mit Maura Visser und Kim Naidzinavicius sind zwei absolute Leistungsträgerinnen zurückgekommen. Die Breite im Kader ist größer als bisher. Wir verteilen die Minuten jetzt mehr auf die einzelnen Handballerinnen.

Wie schlagen sich die vier Neuzugänge Dinah Eckerle, Daniela Gustin, Laura van der Heijden und Kim Braun?

Alle vier machen nach den zwei Monaten Vorbereitung auf mich den Eindruck, als ob sie schon lange in Bietigheim spielen. Es hat mich überrascht, wie schnell sie sich in die Mannschaft integriert haben – sowohl teammäßig als auch in punkto Spielweise – dem schnellen und zielstrebigen Handball. Da kann ich den Neuzugängen nur ein großes Lob aussprechen. Und Dinah Eckerle hat von Anfang an gezeigt, dass sie eine Weltklasse-Torfrau ist.

Wird Kim Naidzinavicius ebenfalls wieder das Weltklasse-Niveau erreichen, das sie vor ihrem Anfang Dezember erlittenen Kreuzbandriss hatte?

Kim hat schon jetzt wieder internationale Spitzenklasse. Nach so einer schweren Knieblessur muss man sich Schritt für Schritt zurückkämpfen. Sie ist sehr schnell wieder aufs Spielfeld zurückgekehrt – viel früher als normal nach einem Kreuzbandriss. Ich hoffe und erwarte, dass sie im Lauf der Saison dann auch wieder ihr Weltklasse-Niveau erreicht. Wir und das Team werden ihr dabei helfen. Sie nimmt eine ganz zentrale Rolle in unserem Spiel ein und ist auch wieder unsere Kapitänin.

Und wie weit ist Maura Visser nach ihrer Babypause?

Der Verein und ich waren etwas skeptisch, ob Maura und Kim bereits zur Champions-League-Quali wieder zurück sind. In die Zukunft kann ja keiner schauen. Auch Maura hat nach der Schwangerschaft hart an ihrem Körper und der Fitness gearbeitet, um wieder in einem professionellen Zustand auf dem Feld zu stehen. Sie ist schon wieder genauso gut wie vor der Babypause. Auch davor kann ich nur den Hut ziehen.

Sportdirektor Gerit Winnen hat als mittelfristiges Ziel den Einzug ins Final Four der Champions League angegeben. Ist das Team schon in dieser Saison dazu in der Lage?

Es ist ein Traum, dass eine deutsche Mannschaft mal im Final Four in Budapest steht – und eine Riesenherausforderung. Klar belächeln viele solche Ambitionen, denn das hat noch kein deutscher Klub geschafft. Über Jahre hat es der Thüringer HC versucht und nie hinbekommen, obwohl er das mit seinem eingespielten und starken Kader und mit ein bisschen mehr Glauben an sich vielleicht hätte erreichen können. Man braucht aber auch etwas Glück dazu.

Welche Klubs sehen Sie in der Königsklasse als die Topfavoriten?

Die ersten drei Plätze werden wohl an Györi, CSM Bucuresti und Rostov-Don vergeben sein. Die vierte Position ist etwas offen, nachdem Vardar Skopje aus dem internationalen Frauenhandball aus finanziellen Gründen raus ist. Metz und Brest sind da sicherlich Kandidaten. Mit viel Teamgeist und einer außergewöhnlichen Topleistung ist vielleicht mal eine Überraschung möglich. Lasst uns doch träumen.