Eishockey „Die Jungs müssen sich ihre Eiszeit verdienen“

Der neue Steelers-Coach Hugo Boisvert hat künftig beim DEL2-Meister das Sagen. Für den 42-jährigen Deutsch-Kanadier ist Bietigheim die erste Station als Cheftrainer.
Der neue Steelers-Coach Hugo Boisvert hat künftig beim DEL2-Meister das Sagen. Für den 42-jährigen Deutsch-Kanadier ist Bietigheim die erste Station als Cheftrainer. © Foto: Julia Rahn
Bietigheim / Von Andreas Eberle 14.09.2018

Zum ersten Mal wird Hugo Boisvert an diesem Freitag (20 Uhr) als Chefcoach der Bietigheim Steelers bei einem DEL2-Spiel an der Bande stehen. Gegner ist der Neuling Deggendorfer SC. „Hier in Bietigheim herrscht bereits eine Siegermentalität. Ich muss nicht bei Null anfangen“, sagt der Deutsch-Kanadier im Interview.

„Ahle Worscht“ oder Maultaschen, hessisch oder schwäbisch – was ziehen Sie kulinarisch vor?

Hugo Boisvert: Ich habe hier schon einen Zwiebelrostbraten mit Spätzle probiert. Den habe ich sehr gemocht. Ich bin auch gespannt auf die Maultaschen. Einen Freund habe ich bereits gefragt, welche Sorte da am besten ist und was man dazu isst. In Kassel habe ich aber auch die „Ahle Worscht“ gern gegessen. Ich hoffe, ich bekomme welche, wenn ich mal wieder dort zu Besuch bin oder wir bei den Huskies spielen.

Die erste Station als Cheftrainer gleich beim Meister und dem erfolgreichsten Klub der vergangenen Jahre. Empfinden Sie das als Bürde?

Das ist eine riesige Herausforderung. Lieber fange ich aber bei einer besseren Mannschaft an als bei einer nicht ganz so guten. In Bietigheim besteht jedes Jahr die Chance, viele Spiele und die Meisterschaft zu gewinnen. Ich muss nicht bei Null anfangen, hier herrscht bereits eine Siegermentalität. Woanders muss man diese als neuer Trainer oft erst aufbauen. Kevin Gaudet, Marc St. Jean und Volker Schoch haben in den letzten Jahren bei den Steelers einen Riesenjob gemacht.

Das Publikum ist verwöhnt, die Erwartungen der Fans sind enorm. Wie gehen Sie mit der hohen Anspruchshaltung und dem Erfolgsdruck um?

Über solche Dinge denke ich gar nicht groß nach. Wichtig für mich ist, dass wir uns verbessern – jeden Tag, jede Woche. Wenn sich jeder Spieler verbessert, wird auch die Mannschaft besser. Darauf ist meine Konzentration gerichtet. Auch wenn wir gewinnen, gibt es immer noch etwas zu verbessern. In ein paar Monaten sind wir also hoffentlich stärker als jetzt zu Saisonbeginn.

Viele Experten sehen in den Steelers den Topfavoriten. Sie auch?

Man wird sehen. In der Liga gibt es sehr viel Konkurrenz. Kassel und Ravensburg haben sich verbessert, Frankfurt hat im Sommer einen guten Job gemacht. Dasselbe gilt für den ESV Kaufbeuren, der sich mit Spielern vom SC Riessersee verstärkt hat. Und Dresden hat mit Jordan Heywood und Jordan Knackstedt ebenfalls zwei Topspieler verpflichtet.

Bisher hat es noch kein Meister geschafft, seinen Titel zu verteidigen. Ein Ansporn?

Das ist sicher eine Motivation für die Jungs. Die neuen Spieler wollen unbedingt einen Titel gewinnen, und die bisherigen wollen dieses Gefühl nach einer Meisterschaft noch einmal erleben. Wir werden die Motivation hochhalten – und das ist auch wichtig, um erfolgreich zu sein.

Welchen Eindruck haben Sie von der Mannschaft?

Wir haben eine gute und gesunde Mischung von erfahrenen und neuen jungen Spielern. Der bewährte Kern der Mannschaft ist geblieben. Die jungen Spieler wollen unbedingt spielen und werden den älteren Profis Druck machen. Es ist immer gut, intern Konkurrenz zu haben. Das gefällt mir, denn das fördert die Leistung. Ich bin froh, dass wir mit Nikolai Goc und Willie Corrin die Abgänge von Rob Brown, Dominic Auger und Adam Borzecki kompensieren konnten. Aber Vorbereitung ist Vorbereitung. Entscheidend ist, was die Spieler jetzt am Saisonbeginn machen.

Das Team ist jünger geworden. Werden Sie den Talenten und den Förderlizenzspielern im Aufgebot auch regelmäßige Eiszeit geben?

Im Sport musst du dir alles verdienen. Die Jungs werden Eiszeit bekommen, wenn sie sich diese Eiszeit auch verdient haben. Nur allein im Kader zu stehen, reicht nicht. Es geht um Leistung. Wir haben schon viele individuelle Gespräche geführt, die Rolle der Jungs ist klar. Sie kennen die Erwartungen, die wir an sie haben. Max Lukes hatte zum Beispiel eine super Vorbereitung. Warum sollte er also auch nicht in ganz engen Spielen auf dem Eis sein?

Wie schlägt sich das Eigengewächs Fabjon Kuqi unter all den Stars?

Fabjon hat einen super ersten Eindruck hinterlassen. Er ist körperlich bereit, um in der DEL2 zu spielen. Regelmäßig in der Zweiten Liga zu spielen, ist aber schon eine große Herausforderung und ein Riesenschritt für einen 17-Jährigen. Auch er muss sich jeden Einsatz verdienen. Wenn er aufläuft, muss er einen positiven Einfluss auf unser Spiel haben.

Sie haben mit Sinisa Martinovic und Ilya Sharipov zwei herausragende Torhüter. Gibt es eine Nummer eins?

Nein, das ist ein gesunder Konkurrenzkampf – wie auf den anderen Positionen auch. Beide haben im Finale gegen Garmisch starke Leistungen gezeigt und hatten einen großen Anteil an der Meisterschaft.

Wer steht im Auftaktduell gegen Deggendorf zwischen den Pfosten?

Schauen wir mal.

Ihr Vorgänger Kevin Gaudet hat immer davon geträumt, mit Bietigheim einmal in der DEL zu spielen. Haben auch Sie diesen Traum?

Auf jeden Fall. Das ist ein Ziel der Steelers. Für mich wäre es optimal, an meiner ersten Station als Cheftrainer mit dieser Mannschaft nach oben zu gehen. Das wäre der Wahnsinn. Aber bis dahin wartet noch viel harte Arbeit auf uns. Wenn es soweit ist, wollen wir bereit sein.

Wie beurteilen Sie als gebürtiger Kanadier die Abkehr vom nordamerikanischen System und die Einführung einer Aufstiegsregelung zur DEL2- Spielzeit 2020/2021?

Im europäischen Sport ist der Auf- und Abstieg sehr wichtig. Die Entscheidung darüber ist immer spannend. Ich freue mich, dass es nun endlich eine Aufstiegsregelung gibt. Als Spieler habe ich sowohl in der Abstiegs- als auch in der Aufstiegsrunde gespielt. Das ist ein Reiz für die Teams und die Fans. Wenn du den Klassenerhalt geschafft hast, ist es dasselbe Gefühl, als wenn du gerade Meister geworden bist.

Zur Person: Hugo Boisvert

Drei Jahre lang war Hugo Boisvert (42) Assistenzcoach von Rico Rossi bei den Kassel Huskies, ehe er zu dieser DEL2-Saison den Cheftrainer-Posten bei den Bietigheim Steelers übernahm. Während seiner aktiven Laufbahn spielte der einstige Mittelstürmer für die Ohio State University, die Orlando Solar Bears, die Grand Rapids Griffins (alle USA) sowie für den EV Duisburg, Kassel und die Dresdner Eislöwen. Boisvert ist verheiratet und hat eine Tochter (15) und einen Sohn (11). In der Freizeit spielt er gern Golf und hört Musik – „alles außer Klassik, von Schlager bis zu den ,Böhsen Onkelz’“. Sein Lieblingsverein sind die Montreal Canadiens aus der NHL. ae

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