Die Handball-Frauen des Thüringer HC haben dem Meister SG BBM Bietigheim den DHB-Pokal im letzten Moment noch entrissen – mit einem 24:23-Sieg am Sonntag im Endspiel des Final Four. „Auch wenn der zum Greifen nahe Traum vom Double jäh zerplatzt ist, überwiegt der Stolz“, sagt Sportdirektor Gerit Winnen (44) im Interview mit der BZ.

Haben Sie in der Nacht zum Montag nach dem Handball-Krimi im Finale überhaupt ein Auge zugemacht?

Gerit Winnen: Es steht außer Frage, dass dieses Finale mit seinem für die SG BBM unfassbar tragischem Ausgang an Dramatik kaum zu überbieten war. Unmittelbar im Anschluss an diese Niederlage und bis in den späten Abend habe ich unzählige Gespräche geführt, dabei jede Menge Kritik geerntet, aber auch viel Lob und Anerkennung für die in der gesamten Saison erbrachte Leistung erfahren. Dass mich der knapp verpasste Pokalsieg mental extrem aufreiben und auch in der kurzen Schlafphase nicht zur Ruhe kommen lasse würde, ist allzu menschlich. Alle Beteiligten haben so vieles für den Traum vom Double investiert – allen voran die Mannschaft und der Trainer, aber auch das gesamte Umfeld bis hin zu unseren treuen Fans. Sie alle hätten den Pokalsieg mehr als verdient gehabt.

Zum dritten Mal in Folge hat die SG den DHB-Pokal im entscheidenden Turnier verpasst, wie gehabt taucht kein baden-württembergischer Klub in der Siegerliste auf. Liegt ein Fluch auf diesem Wettbewerb?

Das Olymp Final Four in der Stuttgarter Porsche-Arena ist ein großartiges Event und Saison- Highlight, das bis vor zwei Jahren nicht auf einem solchen Level im Frauenhandball existierte. Die zweite knappe Pokalfinalniederlage in Folge ist zwar zweifellos schmerzhaft, aber auch diese Phase werden wir überwinden und unsere Lehren daraus ziehen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, was in den letzten elf Minuten passiert ist und wie die eigentlich doch sehr erfahrene Mannschaft eine Vier-Tore-Führung noch verspielen konnte?

Das Finale erreichte bereits ab der ersten Minute ein sehr hohes Niveau: verbissene Abwehrreihen, überragende Torhüterinnen, Tempospiel, taktische Raffinessen und eine SG-BBM-Frauenmannschaft in Topform. Wir hatten uns in der 49. Minute einen Vier-Tore-Vorsprung herausgearbeitet, als plötzlich, für mich auch zum jetzigen Zeitpunkt noch vollkommen unerklärlich, der sprichwörtliche Faden abriss.

Haben den Spielerinnen in der Endphase vielleicht auch die Nerven einen Streich gespielt?

Über die gesamte Saison hinweg haben die Spielerinnen mentale Stärke bewiesen. In der Schlussphase wurde die THC-Torhüterin Jana Krause unnötig warmgeworfen, die beiden Pfostentreffer bei den Siebenmetern gehören eindeutig in die Schublade Wurfpech. Durch die vielen vergebenen Möglichkeiten und den dahinschmelzenden Vorsprung wuchs zusehends der Druck. Der siegbringende „Buzzerbeater“ aus zwölf Metern Entfernung war dann aus Sicht der Thüringer der krönende Schlusspunkt einer für nicht mehr möglich gehaltenen Aufholjagd.

Abgesehen vom diesem dicken Ende – wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

Wir hatten einen überragenden Start in die Champions-League- Saison. Sicherlich war das Ausscheiden aus den internationalen Wettbewerben ernüchternd, wobei der verletzungsbedingte Ausfall unserer Kapitänin Kim Naidzinavicius besonders schwer ins Gewicht fiel. Die gewonnene deutsche Meisterschaft ist mit Sicherheit der wichtigste Titel. Auch wenn der zum Greifen nahe Traum vom Double jäh zerplatzt ist, überwiegt der Stolz. Die Mannschaft und Martin Albertsen haben eine herausragende Saison abgeliefert – mit Gold in der Liga und Silber im Pokal.

Sowohl Albertsen als auch THC-Trainer Herbert Müller schwärmten vom internationalen Spitzenniveau, das beide Teams gezeigt hätten. Lassen solche Leistungen die Hoffnung zu, dass vielleicht doch mal ein deutscher Vertreter den Sprung ins Final Four der Champions League schafft?

Was das Erreichen des Champions-League-Final-Four angeht, sind wir vorsichtig. Wir werden nächste Saison wieder parallel an drei Wettbewerben teilnehmen und können mit einer schlagkräftigen Mannschaft in verletzungsfreiem Zustand auch international den nächsten Schritt in unserer Entwicklung gehen. Die Champions League ist erfahrungsgemäß nochmals eine andere Welt. Hier spielen seit Jahren die ganz großen internationalen Traditionsklubs die Titel unter sich aus, allen voran Ungarns Serienmeister Audi Györi ETO.

Mit welchen Zielen geht die SG BBM in die Spielzeit 2019/20?

Wir wollen in der Bundesliga den Titel verteidigen, das Final Four 2020 in Stuttgart erreichen und, wenn alles perfekt läuft, die Hauptrunde in der Champions League erfolgreich absolvieren.

Rechnen Sie auch in der neuen Erstliga-Runde mit einem Zweikampf der beiden Spitzenvereine Thüringer HC und Bietigheim?

Der Thüringer HC stellt für die kommende Saison eine noch stärkere Mannschaft als in der abgelaufenen und steht mit Blick auf den wirtschaftlichen Kraftakt, der zur Bildung dieses Kaders notwendig gewesen sein dürfte, einmal mehr in der Pflicht, einen Titel zu gewinnen. Der BVB aus Dortmund hat sich namhaft verstärkt. Ich denke, diese beiden Teams werden den Titel gemeinsam mit der SG BBM ausmachen.