Eishockey „Dem Nachwuchs eine Chance geben“

Die deutsche Nationalmannschaft hat mit ihrem sensationellen Auftritt in Südkorea Werbung für Eishockey gemacht.
Die deutsche Nationalmannschaft hat mit ihrem sensationellen Auftritt in Südkorea Werbung für Eishockey gemacht. © Foto: dpa
Bietigheim-Bissingen / Von Jan Simecek und Andreas Eberle 27.02.2018

Mit dem zweiten Platz beim olympischen Turnier in Pyeongchang hat sich die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft ins Rampenlicht katapultiert. Experten aus der Szene erhoffen sich nun einen Schub für die Sportart, mahnen zugleich aber Reformen an.

„Eishockey ist plötzlich überall ein Thema – selbst bei Leuten, die sich noch nie für diesen Sport interessiert haben oder für die Eishockey bisher nur eine Randsportart war“, sagt Tim Schüle, ehemaliger Junioren-Nationalspieler und in Bietigheim-Bissingen geboren und aufgewachsen. Die Medienpräsenz der letzten Tagen sei einzigartig gewesen. „So etwas gab es noch nie und wird es so schnell wohl auch nicht mehr geben“, meint Schüle. Der 27-jährige Verteidiger der Löwen Frankfurt hofft, dass das öffentliche Interesse auch noch bis zur nächsten WM, die im Mai in Dänemark stattfindet, anhält. Schüle kann sich vorstellen, dass durch Olympia der eine oder andere neue Fan auf den Geschmack gekommen ist: „Es wäre schön, wenn ein paar Leute denken: ‚Jetzt gehe ich auch mal ins Stadion und probiere es aus.‘“

Franz Steer, Trainer der Dresdner Eislöwen und Stiefvater von Silbermedaillengewinner Gerrit Fauser, und Steelers-Trainer Kevin Gaudet sind nicht oft einer Auffassung. Was den deutschen Sensationserfolg in Südkorea betrifft, sind sie sich jedoch einig: Um den Schwung für die Zukunft mitnehmen zu können, müsse sich im deutschen Eishockey etwas ändern. Darüber, was das sein soll, gehen die Meinungen aber auseinander. Gaudet fordert vor allem die sofortige Einführung der Verzahnung mit der DEL. „Ich habe in Wedemark und in Straubing erlebt, was man in der Jugendabteilung erreichen kann, wenn man die Chance hat, hoch zu gehen. Wir haben an beiden Standorten die Zahl der Jugendspieler verdoppelt“, so Gaudet.

Für Steer ist es dagegen gar nicht so sehr die fehlende Quantität im Jugendbereich. „Wir haben unten viele Spieler, aber da stellt sich die Frage: Wie kommen die in die DEL? Meine klare Antwort ist: Die DEL muss anfangen, die Ausländerzahl zu reduzieren, mehr junge Spieler einbauen“, sagt der Dresdner Trainer. „Wir haben diese absoluten Ausnahmetalente wie Schweden oder Finnland nicht, aber ich glaube, man muss unserem Nachwuchs eine Chance geben“, stellt Steer fest. „Und ich bin voll überzeugt: Wenn man zwei Ausländer in der DEL raus nimmt, merkt das niemand – weil die Qualität auch nicht mehr da ist.“

Ins gleiche Horn stößt Hans-Günther Neumann, Vorsitzender des Stammvereins der Steelers und damit nicht nur oberster Herr über die Nachwuchsabteilung, sondern auch über die Profis. „Wir müssen die Zahl der Ausländer reduzieren, davon bin ich ein absoluter Verfechter“, so Neumann. Gleichzeitig stimmt er aber auch Gaudet zu. „Ich muss da unserem Trainer recht geben, und das macht mir auch so langsam Sorgen: Wir sind perspektivlos. Der Auf- und Abstieg muss her.“ Der DEB müsse das, was in seiner Macht steht – die sei an dieser Stelle leider begrenzt – tun, um die Leute zu beeinflussen, damit das funktioniert.

Am eigenen Standort wolle man die Jugendarbeit intensivieren, so Neumann. „Und dann müssen wir eben schauen, dass die jungen Spieler eine Perspektive haben. Es kann nicht sein, dass wir Spieler, die bei uns hier top ausgebildet werden, woanders hingehen lassen müssen, weil sie hier bei uns nicht spielen“, sagt der Funktionär.

Berlin als Vorbild

„Um aus der Silbermedaille Kapital zu schlagen, müssten in der DEL mehr Plätze für deutsche Spieler geschaffen werden. Insofern ist der Erfolg jetzt eigentlich gar nicht gut, denn nun könnte man in der DEL auf die Idee kommen, dass man ja auch so erfolgreich ist“, gibt Steelers-Verteidiger Bastian Steingroß zu bedenken. Seine Heimatstadt Berlin sieht er da als Vorbild, wie es eigentlich in der DEL laufen sollte: „Berlin hatte immer viele junge Spieler. Das zahlt sich nun aus.“

Harald Bosch, Fanbeauftragter der Steelers, ist ganz bei seinem Trainer Gaudet. „Um den Hype mitzunehmen, muss der Auf- und Abstieg kommen. „Wenn wir aufsteigen sollten, bin ich der festen Überzeugung, dass hier am Standort Bietigheim jedes Spiel ausverkauft sein würde“, so der Steelers-Fanbeauftragte. Für ihn gilt Schwenningen, das ja den Steelers einst die Lizenz der Hannover Scorpions weggeschnappt hatte, als Paradebeispiel. „In der ersten Saison in der DEL sind da zehn Sonderzüge von auswärts gekommen.“

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