Schwerpunkt Frankreich „Aus der Zeit in Frankreich werden wir viel mitnehmen“

Tim Dahlhaus, hier noch im Zweitliga-Trikot der SG BBM Bietigheim, hat sich in der Ersten Liga Frankreichs etabliert.
Tim Dahlhaus, hier noch im Zweitliga-Trikot der SG BBM Bietigheim, hat sich in der Ersten Liga Frankreichs etabliert. © Foto: Hansjürgen Britsch
Bietigheim-Bissingen / Andreas Eberle 07.07.2018

Tim Dahlhaus ist einer von zwei deutschen Handballern, die in der Saison 2018/2019 für einen französischen Erstliga-Verein auflaufen. Welche Erfahrungen er im Nachbarland seit seinem Wechsel 2017 von der SG BBM Bietigheim zu Pays d’Aix Université Club gemacht hat, erzählt der 25-jährige Rückraumspieler im BZ-Interview.

Aus welchem Grund haben Sie sich entschieden, im Sommer 2017 den Schritt nach Frankreich zu wagen?

Tim Dahlhaus: Meine Frau Monika und ich wollten noch einmal eine ganz andere Lebenserfahrung machen, bevor wir mit dem Thema Familie anfangen. Uns hat es gereizt, mal ein anderes Leben, ein anderes Land und einen anderen Handball kennenzulernen. Aus dieser Zeit werden wir viel mitnehmen.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie nach Aix-en-Provence gezogen sind?

In Bietigheim war der Sport in der Zweiten Liga semiprofessionell und ich habe noch zusätzlich eine Ausbildung gemacht, während ich hier in Frankreich unter Profibedingungen arbeite. Mit Monika verbringe ich aber dennoch mehr Zeit im Vergleich zu meinen dreieinhalb Jahren in Bietigheim. Wir sehen uns im Alltag, abgesehen von den Auswärtsspielen, mehr als früher.

Bleibt Ihnen noch Zeit für den einen oder anderen Abstecher in Ihre niedersächsische Heimat?

Der Abstand zur Familie ist durch den Wechsel nach Frankreich unweigerlich noch größer geworden: Jetzt sind es 1300 Kilometer nach Papenburg statt davor 600. Ich bin nur zweimal im Jahr zu Hause – im Sommer und im Winter. Wir spielen zwar immer unter der Woche, haben aber auch immer Samstagmorgen eine Einheit. Da lohnt es sich nicht, am Samstagnachmittag noch kurz nach Deutschland zu fliegen.

Wie klappt die Verständigung mit den Teamkollegen und den Trainern?

Ohne Französischkenntnisse war es am Anfang schwierig, auch wenn viel auf Englisch ging. Ich hatte in der Schule nur ein Jahr Französisch, wir haben beide praktisch bei null angefangen. Mittlerweile können wir uns gut verständigen. Vor zwei Wochen haben wir ja auch in Aix-en-Provence geheiratet. Dafür mussten wir alles auf Französisch klären – weil die Franzosen teilweise nicht englisch sprechen wollen oder es auch nicht können.

Wie fällt das sportliche Fazit nach Ihrer ersten Saison bei Pays d’Aix Université Club aus?

Der Verein hat seine bisher beste Saison absolviert und sich mit Platz fünf für den Europapokal qualifiziert. Wir haben Paris und Montpellier geschlagen und gegen Nantes unentschieden gespielt. Das wird schwer zu toppen sein. Ich persönlich habe mich von anfangs mäßigen Spielzeiten auf ausgeglichene Spielzeiten hochgearbeitet und bin immer besser ins Team reingekommen. In der Rückrunde habe ich immer die ersten 15 Minuten jeder Halbzeit gespielt, also insgesamt etwa 30 Minuten.

Was haben Sie sich für das zweite Jahr vorgenommen?

Wir wollen im EHF-Pokal so weit wie möglich kommen. Dass man im ersten Jahr nicht vom Finale ausgehen kann, ist aber klar. Ein weiteres Ziel ist wieder die Top fünf und damit die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb. Ich persönlich möchte natürlich noch bei meinen Spielzeiten zulegen und an meiner Effektivität arbeiten.

In der nächsten Saison spielen nur zwei Deutsche in der französischen Eliteklasse – Uwe Gensheimer und Sie. Warum sind es nicht mehr?

Das müssen sie die anderen fragen. Deutschland wurde bis jetzt immer als die stärkste Liga der Welt gehandelt, und Handball hat dort einen großen Stellenwert. Das ist sicherlich ein Grund. Für einen Wechsel nach Frankreich spricht, dass die Liga sehr stark geworden ist. Beim Final Four der Champions League waren drei Teams aus Frankreich vertreten, das Finale war auch eine rein französische Angelegenheit. Eine Rolle spielt auch, ob man so eine Erfahrung überhaupt machen möchte und sich auch auf eine schwierige Sprache wie Französisch einlassen will. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Unterscheidet sich der Handball, der im Land des Weltmeisters gespielt wird, von dem in Deutschland?

Für meine Begriffe ist der Handball in Deutschland noch aggressiver, körperlicher und schneller. In Frankreich wird viel Wert auf Technik gelegt. Die Abwehr ist dafür nicht so massiv wie zum Beispiel ein deutscher Innenblock. Wenn ich Bietigheim und Pays d’Aix miteinander vergleiche: Bei der SG BBM haben wir einen deutlich schnelleren Handball gespielt und auf Tempo, frühes Stören und Aggressivität in der Abwehr gesetzt. In Frankreich geht es mehr um Kompaktheit und das Blocken von Bällen.

Wo ist die Atmosphäre in den Hallen besser?

Das kommt auf die Halle an. Wir haben im Oktober 2017 eine neue Arena bekommen, in die 6000 Zuschauer reinpassen. Gegen Paris war es rappelvoll, da hat die Hütte gebrannt. In Kiel bei 10.000 Zuschauern ist die Stimmung natürlich auch toll. Wir haben eine gute Fankultur im Verein. Da hat sich eine Gruppe von 50 Leuten gefunden, die bei jedem Spiel mit Gesängen und Liedern, in einheitlichen T-Shirts und mit Bannern aufläuft. In Frankreich gibt es aber zum Beispiel mit Ivry einen Verein, bei dem gar keine Stimmung ist und Langeweile pur herrscht. Solche Hallen und Klubs hast du aber überall.

Gibt es etwas, das Sie in Frankreich vermissen?

Ganz klar Brötchen. Hier gibt es nur Baguette. Manchmal hätte ich auch ganz gerne die deutsche Pünktlichkeit und Ordentlichkeit zurück. Gerade hier in Südfrankreich nimmt man es nicht so genau mit Zeiten, Terminen und Versprechen.

Und was schätzen Sie an ihrem Leben in Frankreich?

Hier lebt es sich sehr mediterran.Wir genießen das Wetter, und es gibt kaum Regentage. Wir haben einen Garten, in dem sich auch unser Labrador Bruno austoben kann – und ans Meer haben wir es auch nicht weit. Das alles hat man nicht überall.

Werden wir Sie irgendwann wieder in der Bundesliga sehen?

Mal sehen, was im Lauf des nächsten halben Jahres so passiert. Das ist die Zeit, in denen sich die nächsten Optionen auftun werden. Im Sport ist das immer ein Thema von Angebot und Nachfrage. Ich bin für alles offen.

Zur Person: Tim Dahlhaus

Von Februar 2014 bis Sommer 2017 trug Tim Dahlhaus das Trikot der SG BBM Bietigheim. Zuvor spielte er im rechten Rückraum des ASV Hamm- Westfalen. Zur Saison 2017/2018 schloss sich der in Papenburg im Emsland geborene Linkshänder dann dem französischen Erstliga-Verein Pays d’Aix Université Club an, bei dem er einen Zweijahresvertrag unterschrieb. Während seiner Zeit in Bietigheim-Bissingen machte Tim Dahlhaus bei Möbel Hofmeister eine Ausbildung zum Kaufmann für Marketing und Kommunikation. Vor zwei Wochen hat der 25-Jährige seine langjährige Freundin Monika geheiratet. ae

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