Metzingen Tränen und Wunder

Metzingen / ALEXANDER MAREIS 29.06.2015
Zu kaum einem Verein und seiner Entwicklung passt die Zeitspanne der letzten 25 Jahre besser als zu den Handballerinnen der TuS Metzingen. Das Vierteljahrhundert seit 1990 hat unfassbare Geschichten zu bieten.

Praktisch mit der Erhebung zur Großen Kreisstadt 1990 kam auch das aktuelle Metzinger Sportaushängeschild auf Touren. Zwar war die TuS Metzingen bereits 1987 in die 2. Bundesliga aufgestiegen, verließ das nationale Oberhaus damals aber nach nur einer Spielzeit wieder und beendete die Saison 1987/88 der 2. Bundesliga Süd unter zehn Teams auf dem achten Platz - die letzten drei (Metzingen, SG Kleenheim, TSV Dachau) mussten runter. Die TuS gewann nur vier ihrer 18 Ligaspiele. Der Höhenflug war zunächst von kurzer Dauer. Was als Eintagsfliege begann, wurde ab der Saison 1991/92 zu einem Synonym für Beständigkeit. Die TuS Metzingen avancierte zum Zweitligadauerbrenner. Von 1991 bis 2012 sollte die zweithöchste deutsche Spielklasse zur Heimat der Ermstälerinnen werden.

Viele der Spielzeiten verliefen im gesicherten Tabellenmittelfeld, die ganz großen Aufreger und Ausreißer fehlten zunächst. 1991/92 schloss die TuS in der 2. Bundesliga Süd unter zwölf Teams als Ranglistenachter ab, mit satten 13 Punkten Puffer auf den zehnten Platz und damit ersten Abstiegsrang, den seinerzeit die TSF Ludwigsfeld einnahmen. Der souveräne Meister DJK SC Wiesbaden und die mit klarem Abstand folgenden Verfolger 1. FC Nürnberg, TSV Rot-Weiß Auerbach und SV Allensbach nisteten sich in dieser Runde Anfang der Neunziger Jahre im oberen Tabellenbereich ein. Auch im zweiten Zweitligajahr in Folge, 1992/93, behauptete sich die TuS Metzingen im gesicherten Mittelfeld, ging als Tabellensiebter unter zwölf Mannschaften mit 21:23 Punkten in die Sommerpause. Etwas brenzlig wurde es 1993/94, als der letztliche Tabellenachte aus der Sieben-Keltern-Stadt mit 17:23 Zählern nur knapp vor der Abstiegszone (Platz zehn TG Osthofen mit 14:26 Zählern) landete. Auch 1994/95 war kein gutes Jahr für die TuS: Platz zwölf unter 14 Teams. Gut, dass damals der Tabellensiebte TuS Eintracht Wiesbaden aus nicht sportlichen Gründen abstieg, sodass am Tabellenende nur der Letzte VfL Meißen runter musste.

1995/96 als Wachrüttler

Die missratene Runde war ein Wachrüttler: 1995/96 avancierte die TuS nach ihrer bisher schlechtesten Saison zur großen Überraschung und zauberte ihre bis dato beste Runde aufs Hallenparkett: Rang drei, 36:16 Punkte (nur fünf weniger als Meister HSG Herrentrup-Blomberg). Und tatsächlich gelang ein Jahr später noch eine Steigerung: Mit fünf Punkten Vorsprung vor Verfolger TSV Rot-Weiß Auerbach sicherte sich die TuS die Meisterschaft in der 2. Bundesliga Süd unter Trainer Jörg Plankenhorn. Es folgte freilich kein triumphaler Aufstieg in die 1. Bundesliga, sondern der erste große Katzenjammer. Aus finanziellen Gründen wurde auf die Herausforderung 1. Liga verzichtet, die Leistungsträgerinnen Marion Heiser und Stefanie Urbisch verließen den Verein ebenso wie Trainer Jörg Plankenhorn. "Wir können die 1. Liga finanziell nicht stemmen", hatte Abteilungsleiter Hans Vollmer betont. Nach der großen Enttäuschung für viele Beteiligten stand eine schwierige Saison vor der Türe, ein personeller Umbruch war unausweichlich. Er gelang überraschenderweise: Platz drei in der Saison 1997/98 (18 Punkte hinter dem souveränen Meister Hessen Hersfeld) konnte sich unter diesen Voraussetzungen sehen lassen. Das Niveau ließ sich aber nicht halten: 1998/99 ging es auf Platz acht herunter, der Sicherheitsabstand zum ersten Absteiger (dem Ranglisten-13. Eintracht Baunatal) betrug aber beruhigende zehn Zähler.

Aufschwung 2000

Die Millenniumsaison brachte wieder einen Ausreißer nach oben: Platz drei für Metzingen (43:9 Punkte), nur fünf Zähler hinter Meister DJK/MJC Trier. Der Zweitliga-Dino nistete sich auch 2000/2001 oben ein, schloss als Vierter mit 35:17 Punkten ab. 2001/2002 ging es wieder einen Platz hoch auf drei (41:11), acht Punkte hinter dem ungefährdeten Meister 1. FC Nürnberg. Die Ermstälerinnen bewiesen 2002/03 endgültig, dass sie ein konstantes Spitzenteam darstellen - abermals Dritter mit 37:15 Punkten, sieben Zähler hinter Meister TuS Weibern. Die Jahre der Beständigkeit setzten sich fort: Platz vier 2003/04 mit 40:16 Punkten, sieben Zähler hinter Meister SG Kirchhof. Auf Platz fünf fielen die Ermstälerinnen dann 2004/05 zurück, der Abstand zu Meister FA Göppingen betrug hierbei schon satte 17 Punkte.

Dramen ab 2005

Die Zweitliga-Hitparade sah 2005/06 einen weiteren leichten Abstieg der Sieben-Keltern-Städterinnen, die als Sechster mit 34:22 Punkten ins Ziel kamen. Meister wurde erneut der TuS Weibern (47:9). 2006/2007 wurde dann erneut zu einem Sensationsjahr und einem Mega-Aufreger. Sportlich hatte die TuS - nach den eher unauffälligen Spielzeiten zuvor - geradezu sensationell den Meistertitel errungen, wurde aber nach einigen Punktabzügen auf Platz fünf (31:17) zurückgestuft. Anna-Lena Artschwager, eine 18-jährige Nachwuchsspielerin, war damals mehrmals unerlaubt auf dem Spielberichtsbogen gestanden oder zu Kurzeinsätzen gekommen - das Reglement sah nur maximal zwei Einsätze bei den Aktiven vor. "Wir sind Opfer der technischen Umstellung geworden", versuchten die TuS-Verantwortlichen beim Verband HBVF (Handball-Bundesliga-Vereinigung Frauen) den Fehler zu entschuldigen, stießen aber auf taube Ohren und unerbittliche Richter. Im ersten Jahr des neu eingeführten elektronischen Spielberichts versaute ein Formfehler und ein Unterschätzen der technischen Tücken dem Meister den verdienten Lohn seiner auf dem Hallenparkett gezeigten Glanzleistungen. Zum zweiten Mal nach 1997 konnte die TuS als Erster nicht in die 1. Liga hochklettern. Statt dessen durfte die HSG Sulzbach/Leidersbach nach oben. Dass unter diesen katastrophalen Umständen 2007/08 immerhin ein sicherer Mittelfeldrang als Siebter (23:21 Punkte) erreicht wurde, bewies, welcher Teamgeist und welche Moral im Kader der Metzingerinnen steckten. 2008/2009 bestätigte die TuS nahezu diese Platzierung, diesmal als Achter mit 20:24 Punkten.

Sparen an allen Ecken und Enden hieß es im August 2009: Den TusSies fehlten 82 000 Euro, die gravierende Finanzlücke war die Folge einer im Metzinger Sport beispielloser Geldveruntreuung - ein Fall, der bundesweite Aufmerksamkeit erregte und den Handball im Ermstal an seine Grenzen brachte. Der Gesamtvereins-Vorsitzende der TuS Metzingen, Siegfried Grabowski, machte den Ernst der Lage klar: "Wir müssen Geld suchen und wenn es im Straßengraben liegt."

Hätte die TuS die Finanzlücke nicht schließen können, wäre ihre Frauenhandball-Mannschaft vom Zweitliga-Spielbetrieb zurückgezogen worden. "Wir stehen vor der dritten schweren Krise der Zweitliga-Handballerinnen nach 2004 und 2007", gestand Grabowski.

Carmen Baumgärtner, die Geschäftsführerin der TuS Metzingen Handball-Bundesliga GmbH, legte ihr Amt nieder, ihr Ehemann Andreas Baumgärtner, der Chef der Zweitliga-Handballerinnen, trat ebenfalls zurück.

Ferenc Rott, der Ehemann von TuS-Spielertrainerin Edina Rott, wurde neuer Geschäftsführer der TuS Metzingen Handball-Bundesliga GmbH und schaffte ein Wunder. Zunächst verordnete er einen radikalen Sparkurs, reduzierte den Kader und fand ein offenes Ohr bei den Spielerinnen, die auf einen stattlichen Anteil ihres Gehalts verzichteten, bei Benefizaktionen zur Rettung des Metzinger Handballs mitmachten und einen unglaublichen Zusammenhalt im Kampf ums Überleben demonstrierten.

Sponsoren erhöhten ihre Zuwendungen und es wurde sogar ein Spendenkonto unter dem Namen "Rettung für die TusSies" bei der Kreissparkasse Metzingen eröffnet.

Der frühere Fußballtorwart, der in Ungarns 1. Liga den Kasten hütete, bei Traditionsklubs wie Honved Budapest sogar mit Ungarns ewiger Superstar-Legende Ferenc Puskas (stand 1954 mit den favorisierten Magyaren gegen Deutschland im WM-Finale, feierte viele große Erfolge mit Real Madrid) zu tun hatte, brachte den zu Kentern drohenden Kahn wieder auf Kurs und die märchenhafte Wende im Ermstal. Es ging langsam bergauf, aber unaufhaltsam. Wieder als Siebter schloss man 2009/10 ab (19:25).

2010 leitet Wunder ein

2010/11 ging es wieder nach oben - als Vierter sammelten die Ermstälerinnen 27:13 Punkte. Es folgte der bis dahin zu verzeichnende Höhepunkt der Metzinger Handballgeschichte: In der erstmals eingleisigen 2. Bundesliga spielten die von Edina Rott gecoachten TusSies, die sich nun auch Pink-Ladies nannten und in pink-schwarzer Spielkleidung antraten, die Konkurrenz aus Nord und Süd gleichermaßen in Grund und Boden. Als strahlender Meister mit 50:10 Punkten (fünf Zähler vor Verfolger TuS Weibern) wurde man zum dritten Mal auf dem sportlichem Wege Zweitligameister und genoss erstmals auch den Lohn dafür - der erste Aufstieg in die 1. Bundesliga war perfekt.

Seither entwickeln sich die TusSies kontinuierlich und beständig - jedes Jahr bessere Platzierungen, einen größeren Etat, mehr Sponsoren und höhere Zuschauerzahlen. Platz zehn (11:33 Punkte) unter zwölf Teams im ersten Bundesligajahr 2012/13, Platz sechs (31:33) in der Saison 2013/14 und der sagenhafte dritte Platz mit 41:11 Punkten (20 von 26 Spielen wurden gewonnen) in der gerade beendeten Spielzeit 2014/15. Nach nur drei Jahren im nationalen Oberhaus stehen die TusSies in der Ewigen Tabelle der 1. Liga bereits auf Rang 27 (83:77 Punkte, 80 Spiele, 39 Siege, 5 Remis, 36 Niederlagen) unter den 82 Teams, die bislang auf höchster deutscher Ebene agieren durften. Bayer 04 Leverkusen (1189:501 Punkte) führt vor dem HC Leipzig (842:276) diese Rangliste an. Der Abonnementmeister der letzten Jahre, der Thüringer HC, liegt nur auf Rang 14. Noch besser für Metzingen sieht es in der Ewigen Tabelle der 2. Bundesliga (in der alle Teams aus Nord und Süd gewertet sind) aus: Zweiter mit 655:421 Punkten und 13361:12361 Toren hinter Rotts Ex-Team HSG Bensheim/Auerbach (758:514), die allerdings vier Jahre mehr auf dem Buckel im Unterhaus hat und somit mehr Pluspunkte sammeln konnte. Letztlich sind Bensheim (26 Jahre), der SV Allensbach (24), Union Halle-Neustadt (23) und die TusSies (22) die Dinosaurier der 2. Bundesliga, in deren Ewiger Tabelle sich 142 Vereine tummeln - 141 davon hat die TuS sportlich hinter sich gelassen.

Ein Vierteljahrhundert Handballgeschichte in Metzingen - eindeutig die schillernsten in der TuS-Chronik, mit enormen Krisen, unfassbaren Enttäuschungen, einem kaum in der heutigen Zeit zu erlebenden Teamgeist, mit großen Trainern, unvergesslichen Spielerinnen und einem alles in den Schatten stellenden Aufstieg aus Ruinen.

Bosse wie Hans Vollmer, Dieter Rösler, Peter Brugger, Andreas Baumgärtner oder Ferenc Rott steuerten das TuS-Schiff auf unterschiedliche Art und Weise durch ruhige wie stürmische Gewässer. Spielerinnen wie Ania Rösler, Laura Steinbach, Maren Baumbach, Nadine Krause, Annamaria Ilyes oder Shenia Minevskaja rissen die Zuschauer mit Glanzleistungen von den Sitzen. Seit Metzingen im Oktober 1990 zur Großen Kreisstadt erhoben wurde, hat sich Bemerkenswertes getan in der Öschhalle. Glücklich darf vor allem derjenige sein, der jetzt die Chance hat, alles hautnah mitzuerleben. Denn gegenwärtig schreibt die TuS das glanzvollste Kapitel in ihrem spannenden Buch - 2015/16 startet ein deutsches Spitzenteam als Bundesliga-Titelmitfavorit durchaus ambitioniert erstmals im EHF-Pokal, einem mit der UEFA Europa League im Fußball zu vergleichenden Wettbewerb.

Die Trainer der Metzinger Handballerinnen seit 1990

1990 bis 1991 Klaus Sauer

1991 bis 1994 Hans-Jürgen Beutel

1994/1995 Curt Thiemann

1995 bis 1997 Jörg Plankenhorn (1997 Meister 2. Bundesliga)

1997/98 Sylvia Leis

1998 bis 2000 Karl-Heinz Herth

2000/2001 Hans-Jürgen Beutel (zweite Amtszeit)

2001/2002 Jörg Plankenhorn (zweite Amtszeit)

2002 bis 2004 Jürgen Krause

2004 bis 2007 Emir Hadzimuhamedovic (2007 Punktabzug, statt Meister nur Platz 5 in 2. Liga)

2007 bis 2009 Jochen Griesmeier

2009 bis 2013 Edina Rott (2012 Meister 2. Liga)

2013 bis 2015 Alexander Job

ab 2015 Csaba Konkoly

SWP

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