Die schwermütigen Gedanken an die üble Verletzung bei der Heim-WM 2017 hat Kim Naidzinavicius aus ihrem Kopf verbannt. Doch vor dem Auftakt der Weltmeisterschaft in Japan kommen bei der Kapitänin der deutschen Handball-Frauen die schmerzhaften Erinnerungen noch einmal hoch.

Wenn die DHB-Auswahl an diesem Samstag (07.00 Uhr) gegen Brasilien in das Turnier startet, liegt der Alptraum fast auf den Tag genau zwei Jahre zurück. „Ich versuche das komplett auszublenden und schaffe es in der Regel auch ganz gut - außer, ich werde danach gefragt“, sagt Naidzinavicius.

Am 1. Dezember 2017 erlitt die Rückraumspielerin im WM-Auftaktspiel gegen Kamerun schon nach 140 Sekunden einen Kreuzbandriss im linken Knie - das frühe Ende aller WM-Träume. Doch die Leidensgeschichte war damit noch nicht zu Ende. Zwei Monate nach dem Comeback im September 2018 folgte der nächste Schock, als Innen- und Außenmeniskus im gleichen Knie rissen. Die EM war damit ebenfalls futsch. „Ihre Ruhe und sicheren Pässe haben uns im Vorjahr gefehlt“, sagt Bundestrainer Henk Groener über Naidzinavicius.

Der Niederländer, dessen Vertrag beim Deutschen Handballbund kurz vor dem WM-Auftakt vorzeitig bis zum 31. Dezember 2021 verlängert wurde, hält viel von der Spielführerin. „Kim besitzt große Führungsqualitäten und ist seit Jahren eine zentrale Figur in ihrem Verein und der Nationalmannschaft“, lobt Groener.

Nach der schweren Zeit hofft die 28-Jährige vom deutschen Meister SG BBM Bietigheim nun auf ein persönliches Happy End in Form eines Olympia-Tickets, wie sie unlängst in einem Interview der „Handballwoche“ verriet: „Ich habe durch meine Verletzungen viel verpasst, würde aber alles für eine Teilnahme in Tokio eintauschen. Auf Olympische Spiele guckt man, seitdem man zum ersten Mal das Deutschland-Trikot übergestreift hat. Für mich ist es das Nonplusultra, ich will unbedingt dahin.“

Um den Olympia-Traum am Leben zu erhalten, muss die deutsche Mannschaft mindestens WM-Siebter werden. Damit hätte sie ein Ticket für eines von drei Qualifikationsturnieren im nächsten Frühjahr definitiv sicher. „Für mich und ein paar andere Spielerinnen ist es wahrscheinlich die letzte Chance, bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Deshalb wissen wir, was auf dem Spiel steht. Da macht man sich in gewisser Weise natürlich Druck“, sagt Naidzinavicius.

Dank ihrer Erfahrung kann sie damit ganz gut umgehen. Immerhin ist Naidzinavicius mit 101 Länderspielen die einzige Spielerin im deutschen WM-Aufgebot, die die 100er-Marke im DHB-Trikot geknackt hat. Ohne die schweren Verletzungen wären es noch viel mehr gewesen. Dennoch hadert sie nicht: „Ich hatte eine Phase, in der es nicht so gut lief, und habe daraus gelernt, andere Sachen wieder mehr zu schätzen.“

Momentan liegt der Fokus aber ausschließlich auf der WM, wo schon in der Vorrunde hohe Hürden warten. „Mit der Tatsache, dass nur drei Mannschaften in die Hauptrunde einziehen, hat man vom ersten Spiel an Druck. Brasilien muss deshalb geschlagen werden“, sagt sie. Weitere Gegner in der Gruppe B sind am Sonntag Australien (10.00 Uhr), Dänemark (3. Dezember), Welt- und Europameister Frankreich (4. Dezember) sowie Asienmeister Südkorea (6. Dezember). „Mit zwei Siegen können wir in einen positiven Run kommen“, sagte Naidzinavicius.

Sie selbst will dabei kräftig mithelfen. Sorgen um ihre Gesundheit macht sie sich nicht, denn das Knie bereitet keine Probleme - weder beim Sport noch im Alltag. „Ich schaue nur nach vorne“, betont Naidzinavicius. „Die Sache ist aus meinem Kopf raus.“

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