Mit dem Album auf Autogrammjagd

WOLFGANG KARCZEWSKI 26.07.2012
Obwohl seine Teilnahme bereits 40 Jahre zurückliegt, schwärmt Handballtorwart Uwe Rathjen noch heute von den Olympischen Spielen 1972 in München. Ab morgen fiebert er wieder mit den Athleten mit.

Als frischgebackene Deutscher Meister mit Frisch Auf Göppingen fuhren Uwe Rathjen und Peter Bucher mit der deutschen Handballnationalmannschaft zu den Olympischen Spielen nach München. Noch heute, 40 Jahre danach, sind die Erinnerungen des 69-jährigen Rathjen hellwach.

"Es herrschte eine sagenhafte Harmonie damals. Noch heute habe ich Kontakte zu vielen Spitzensportlern", sagt Rathjen, der mit Frisch Auf 1970 und 1972 die beiden bis dato letzten Meisterschaften für den Traditionsverein holte.

Mit einem Album bewaffnet lief der damals 29-Jährige durch das olympische Dorf, um Autogramme zu sammeln."Einmal saß ich neben Mark Spitz, der gerade seine erste Goldmedaille im Schwimmen gewonnen hatte. Er fragte mich na, wie gehts? und ich antwortete gut. Gib mir doch bitte ein Autogramm", erzählt Rathjen. Auch ehemalige Olympiasieger wie Jesse Owens, der bei den Spielen im Jahre 1936 in Berlin vier Goldmedaillen gewonnen hatte, lernte Rathjen in München kennen. Heute hat das Album einen Ehrenplatz in einem Schrank in seiner Wohnung im Göppinger Bodenfeld.

An die Ereignisse rund um das Attentat im olympischen Dorf kann sich Rathjen ebenfalls noch erinnern:"Wir wohnten damals nur zwei Häuser weiter. Wir haben gesehen, wie sich die Attentäter mit den Geiseln auf den Weg zum Flughafen Fürstenfeldbruck gemacht haben."

Obwohl bei der versuchten Befreiung der Geiseln vor den Toren Münchens weitere Menschen ihr Leben verloren, wurden die Olympischen Spiele fortgesetzt."Das war das beste, was IOC-Präsident Avery Brundage gemacht hat", ist Rathjen noch heuteüberzeugt."Die Spiele abzubrechen, hätte keinen Sinn gemacht." So konnte der Weltklasse-Torwart auch nach dem Attentat wieder auf Autogrammjagd gehen.

Das Motto"Dabei sein ist alles" galt damals nicht nur in sportlicher, sondern auch in finanzieller Hinsicht."Wir bekamen für jeden Tag 20 D-Mark von der Deutschen Sporthilfe. Und nach den Spielen gab es von Frisch Auf ein Dankesschreiben, dass man dabei war", erinnert sich Rathjen.

Doch das Finanzielle war dem Sportler egal:"Ich habe Handball gespielt, um die Welt kennen zu lernen, ich wollte Deutscher Meister werden, bei Olympischen Spielen und an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. All das habe ich geschafft", sagt Rathjen stolz. Eine Medaille war den deutschen Handballern im Jahre 1972 allerdings nicht vergönnt. Sie belegten am Ende Platz sechs.

Den heutigen Sportstars, die Millionen verdienen, gönnt er den Reichtum. Die Anstrengung sei das Geld wert, meint der gebürtige Kieler, der im schleswig-holsteinischen Itzehoe das Handballspielen erlernte. Traurig sei, so der 42-malige Nationalspieler, dass heutzutage nur Rekorde zählten."Und diese Leistungen sind wohl kaum durch gute Ernährung zu schaffen. Heute geht es doch nur ums Geld, alles ist Hollywood", kritisiert er.

Von seinem ehemaligen Mitspieler Peter Bucher, damals ebenfalls Augenzeuge der Geschehnisse rund um das Attentat, hat er nichts mehr gehört.

Wenn morgen die Spiele in London eröffnet werden, wird Uwe Rathjen am Fernsehgerät wieder dabei sein. Allerdings ist er kein Allesgucker, sondern sucht sich vielmehr gezielt seine olympischen Momente aus."Dazu zählt die Leichtathletik - und natürlich der Handball."

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