Wenn sich 1200 Teilnehmer - Übungsleiter, Trainer, Erzieherinnen und Lehrer aus mehr als 300 Vereinen und Institutionen - drei Tage lang bei einer Tagung drängen, muss das Thema wohl eine hohe Bedeutung haben. Unter dem Motto "Bildung durch Bewegung - von Anfang an" ihres 3. Kinderturn-Kongresses haben der Schwäbische (STB) und der Badische Turnerbund (BTB) in 170 Seminaren und Workshops eine Thematik aufgegriffen, die zwar nicht neu ist, die in einer bewegungsarmen, reizüberfluteten Welt aber geradezu dramatisch an Brisanz gewinnt.

"Wir verändern uns zunehmend von einer Bewegungs- in eine Sitzgesellschaft", betonte STB-Präsident Wolfgang Drexler. Gerade die Ganztagesschule hat die Chance, das wenigstens ein Stückweit zu verändern. "Bewegung wird ein grundsätzlicher Baustein im Ganztagesangebot werden. Das heißt, wir haben eine einzigartige Chance, regelmäßig Bewegung im Alltag der Kinder zu verankern." Die Entscheidung, ob und wie sich ein Kind bewege, verlagere sich, so Drexler, vom Elternhaus auf die Bildungsträger.

Prof. Renate Zimmer von der Universität Osnabrück stimmte zu: "Die Ganztagesschule birgt noch viel mehr Möglichkeiten und Chancen, als dies aus meiner Sicht bisher genutzt wird." Die Schule dürfe auf keinen Fall zur Aufbewahranstalt werden. Grundsätzlich müsse der Bewegung im Ganztagsschulbetrieb ein viel höherer Stellenwert als bisher eingeräumt werden, "ohne dass das Schulfach Sport dadurch beschnitten werden darf".

Zunehmend in den Fokus rückt aber auch die frühe Kindheit, das Spezialgebiet der Sportwissenschaftlerin, die das Auditorium mit einem hervorragenden Impulsreferat plus anschließendem Workshop faszinierte: Bewegung als elementare Handlungs- und Ausdrucksform, mit der das Kind die Welt entdeckt und erforscht, als Kennzeichen seiner Lebensfreude und Vitalität. Da sind vielseitige Bewegungserfahrungen und viel Eigenaktivität gefragt, zum Beispiel in Bewegungslandschaften ab dem frühen Alter von anderthalb Jahren. "Die Turnstunde als Modell fürs Leben", nennt es Renate Zimmer, "frühkindliche Bildung braucht Bewegung." Je jünger die Kinder sind, desto bedeutsamer sind dabei die körperlich-sinnlichen Erfahrungen.

Zum Beispiel beim für Kinder verlockenden Balancieren über eine Mauer. "Wenn die Mauer höher ist, als 70 Zentimeter, muss ja bei uns eine Matte ausgelegt werden. Aber damit bereiten wir die Kinder nicht aufs Leben vor. Lassen Sie die Matte mal weg!", rief die Erziehungswissenschaftlerin, die selbst auch eine Kinderturngruppe leitet, den Übungsleitern zu. Ein Signal gegen die zunehmende "Weichboden-Mentalität". Abrutschen vom Hindernis, vielleicht ein Kratzer oder blauer Fleck, das gehört mitunter dazu. Gerade die Eltern von Vier- bis Sechsjährigen sollten nicht überbehütend eingreifen. In jedem Fall wird die Handlung von den Kindern als selbst verursacht wahrgenommen. "Die Frage ist doch: Wird eine neuartige schwierige Situation als unüberwindliches Problem oder als eine besondere Herausforderung erlebt?", sagte Renate Zimmer.

Das Ineinandergreifen von Sprache und Bewegung ist der Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung wichtig: weg von isolierten Sprachprogrammen hin zu alltagsbasierten, authentischen Erlebnissen, die benannt werden. Das soll die Einheit von Wahrnehmen, Handeln, Fühlen und Denken herstellen. Bewegungshandeln als Ausgangspunkt sprachlicher Prozesse.

Ein breites Fundament an Bewegungen ist für die kindliche Entwicklung entscheidend. Insofern darf eine Spezialisierung auf eine Sportart nach den Worten der Professorin nicht vor dem Alter von acht bis neun Jahren erfolgen. "Wichtig ist, dass die Sportart sehr spielorientiert ist. Handball darf nicht nur Handball sein. Beim Fußball muss man noch was anderes machen: Koordination und Reaktion. Man darf nicht zu sehr spezialisieren." Eine gute Grundausbildung sei nötig.

Insgesamt rät Renate Zimmer den Eltern angesichts des "Frühförderungswahns", in den viele verfallen, zu mehr Gelassenheit. "Ich erlebe, dass Eltern heute sehr unter Druck sind. Sie sind ständig in Sorge, was für ihre Kinder gut ist", sagte sie der SÜDWEST PRESSE: "Sie sollten ihren Kindern etwas zugestehen und ihnen einen Vertrauensvorschuss geben, ohne dass das gleich einen Stil von Verwahrlosung hat." Wie sollte sich die Gesellschaft ändern, um der Bewegung schon von kleinen Kindern den notwendigen Stellenwert zu geben? Zimmer: "Sie sollte dem Bedürfnis nach aktivem Tun mehr nachgeben, und die Institutionen sollten den Raum für Hunger nach Bewegung schaffen."

Bildung durch Bewegung