Corona hat die große Karriere von Handball-Ikone Gudjon Valur Sigurdsson vorzeitig beendet - seinen Einstieg in die neue Laufbahn aber zu diesem Zeitpunkt erst ermöglicht.
„Ohne Corona hätte ich sicher weitergespielt“, sagte der 40-Jährige am Rande seiner Vorstellung als Trainer des in die 2. Bundesliga abgestürzten Traditionsvereins VfL Gummersbach: „Und wenn es Corona nicht geben würde und ich trotzdem aufgehört hätte, wäre die Saison bis Juni gegangen. Dann wäre ich sicher nicht sofort als Trainer eingestiegen. Sondern hätte nach 20 anstrengenden Jahren erstmal ein paar Monate Urlaub gemacht.“
So endete die Karriere eines der größten Handballer dieses Jahrtausends durch die Hintertür. Kein Abschiedsspiel, nicht einmal ein bewusster letzter Auftritt am Ende einer Welt-Karriere mit einem Champions-League-Sieg, Olympia-Silber mit Island, acht Meisterschaften in fünf Ländern und dem internationalen Rekord von 1875 Nationalmannschaftstoren.
„Ein stiller Abschied ist aber gar nicht so schlecht“, sagt Sigurdsson. So fielen auch die Dramatik und der Abschiedsschmerz weg. „Es war nicht leicht aufzuhören“, sagt der „Eiskrieger“: „Aber jetzt bin ich damit im Reinen.“ Nach einigen Wochen der Ruhe daheim in Island stürzt er sich voller Euphorie und Ehrgeiz in die neue Aufgabe im Bergischen. „Bis vor kurzem war ich ein alter, erfahrener Spieler. Nun bin ich ein junger, unerfahrener Trainer“, sagt er.
Dass die Corona-Zeit auch ein schwieriger Startzeitpunkt sein könnte, mindert seine Freude nicht. „Klar ist es schwierig. Aber das ist einer der Punkte, die es richtig reizvoll machen“, sagt Sigurdsson: „Natürlich gibt es Schwierigkeiten mit den Finanzen. Aber das ist bei fast allen Vereinen in jeder Sportart gleich. Ich freue mich trotzdem deutlich mehr, als ich nervös bin oder Angst habe.“
Das Ziel mit dem zwölfmaligen Meister und früheren Europacup-Sieger Gummersbach sei „ganz klar der Aufstieg“. 2019 war der VfL erstmals aus der Bundesliga abgestiegen, den direkten Wiederaufstieg hatte er verpasst. Und natürlich wurde auch der Stammverein von Heiner Brand finanziell sehr geplagt in den letzten Monaten. „Man hört von staatlichen Förderungen und Krediten. Wir sind in den Vereinsfarben zwar auch blau-weiß, aber wir sind eben doch nicht Fußball“, sagt Geschäftsführer Christoph Schindler mit Blick auf den FC Schalke 04, der angeblich eine Bürgschaft des Landes NRW erhalten wird. „Fakt ist“, gesteht Schindler: „Wir sind aufgrund unserer Vergangenheit nicht kreditwürdig. Obwohl wir im vergangenen Jahr drei Millionen Euro Schulden abgebaut haben.“
Ein Vorteil sei, dass es „Stand jetzt nicht von der Hand zu weisen ist, dass es vom Papier her eine gute Situation ist“, sagt Schindler: „Weil es in diesem Jahr zwei Aufsteiger gab und keine Absteiger runterkommen.“ Trotzdem sei das Motto für Sigurdssons Premieren-Saison so klar wie herausfordernd. „Mit weniger finanziellen Mitteln mehr sportlichen Erfolg haben.“ Eine große Aufgabe für einen Neuling. Aber „Eiskrieger“ Sigurdsson liebt ja die Herausforderung.
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