Belgrad Die volle Dröhnung an Bitterkeit

Thomas Gruber berichtet von der Handball-EM
Thomas Gruber berichtet von der Handball-EM
SWP 26.01.2012
242 Sekunden vor der Schlusssirene führte Deutschland gegen Polen 31:29. Das Halbfinale bei der Handball-EM und Olympia schienen zum Greifen nahe. Am Ende stands 32:33 - ein bitterer K.o. für die DHB-Auswahl.

Bartosz Jurecki verbarg sein Gesicht und damit seine Tränen in einem Handtuch. Der polnische Nationalspieler, der für Magdeburg in der Handball-Bundesliga aufläuft, schluchzte herzzerreißend - der 100 Kilo-Koloss konnte sein Glück nicht fassen. Polen hatte Deutschland 33:32 (18:17) besiegt. Dabei hätten die deutschen Akteure um Bundestrainer Martin Heuberger allen Grund gehabt, loszuheulen. Alles gegeben, um am Ende mit leeren Händen dazustehen - die DHB-Auswahl musste die ganze Bitterkeit einer Niederlage in voller Dröhnung wahrnehmen.

Vom groß angekündigten selbstbewussten Auftreten war gegen die clever eingestellten Polen lange nichts auszumachen. Beim Stand von 9:12 (18. Minute) machte Torhüter Silvio Heinevetter entnervt Platz für Carsten Lichtlein, doch auch der Lemgoer blieb ungewöhnlich blass. Die 6:0-Deckung agierte nicht so spritzig wie zuletzt, so kamen die Polen, die mit sieben Akteuren antraten, welche über Bundesliga-Erfahrung verfügen, immer wieder zu guten Möglichkeiten. Zur Halbzeit führten sie 18:17, nach dem Seitenwechsel erhöhten sie gar auf 29:25 (46.). Obgleich Deutschland insgesamt 14 Strafminuten und eine Rote Karte für den überraschend starken Dominik Klein (58.) hinnehmen musste, gelang es der DHB-Auswahl dank des ausgeprägten Kampfgeistes, 242 Sekunden vor Schluss sogar mit 31:29 in Führung zu gehen. Dieser Treffer durch den glänzend aufgelegten Christian Sprenger ist besonders hervorzuheben, entsprang er doch per Gegenstoß in einer 4:6-Unterzahl-Situation. Doch nachdem ausgerechnet Kapitän Pascal Hens - wieder einmal wie so häufig bei dieser EM - zwei Fehlwürfe produziert hatte, drehten die Polen in den Schlusssekunden das Spiel. Olympia war damit auch passé. "Das hat diese Mannschaft nicht verdient", meinte Heuberger, "ich bin einfach nur traurig." Der Schutterwälder stellte sich demonstrativ vor sein Team, das bei diesem Turnier großartige Vorstellungen geliefert hatte: "Ich bin unheimlich stolz auf diese Mannschaft!" Einen weiteren Schlag musste er hinnehmen: In der drittletzten Minute blieb Michael Haaß nach einem Tempogegenstoß der Polen bei einer unübersichtlichen Situation am Boden liegen. Der Schmerz war bis unters Hallendach der mit nur rund 2000 Fans in der 20 000 Platz bietenden Arena wahrzunehmen. Der Göppinger musste ins Krankenhaus abtransportiert werden: "Er hat sich das Sprunggelenk luxiert, der Arzt hat es wieder eingerenkt", so Heuberger über das Malheur des Spielmachers. Rückraumspieler Holger Glandorf, der die gesamte Spielzeit über eng gedeckt worden war, stand dicht dabei: "Das hat gar nicht gut ausgesehen. . ." Nach dem Check in der Klinik war klar: Haaß hatte sich das Sprunggelenk gebrochen, er fliegt heute heim und wird operiert. Frisch Auf Göppingen muss wohl den Rest der Saison auf den Spielmacher verzichten.

Zu den seelischen Schmerzen über den so dünn verpassten Halbfinaleinzug kamen also noch die körperlichen hinzu. Abwehrchef Oliver Roggisch, mittlerweile vom Auftreten her der eigentliche Kapitän des deutschen Teams, sprach mit viel Gewicht in der Stimme: "Die Polen waren über 60 Minuten das bessere Team, wir sind selbst schuld an der Niederlage. Nun heißt es, den Kopf hochheben." Auf die Leistungen ist der gebürtige Schwenninger trotz des verpassten Ziele wie Olympia und EM-Halbfinale stolz: "Wir haben bei diesem Turnier teilweise sehr gute Spiele gemacht."

Polens Trainer Bogdan Wenta gratulierte der deutschen Mannschaft zu "einem richtig guten Spiel". Ein schwacher Trost. Der frühere deutsche Nationalspieler ergänzte: "Es war ein Spiel ohne Torhüter - auf beiden Seiten." Er hatte recht. Was die deutsche Statistik anbelangt: Heinevetter hielt nur drei von 20 Schüssen, Lichtlein acht von 24. Eine normale Leistung von einem der beiden hätte schon gereicht.