Belgrad Die Show der Torhüter

Thomas Gruber berichtet von der Handball-EM
Thomas Gruber berichtet von der Handball-EM
SWP 23.01.2012
Die deutschen Handballer erstaunen einen immer mehr bei der EM: Gegen Gastgeber Serbien und deren lautstarke 18 000 Fans gelang trotz eines Sieben-Tore-Rückstands drei Sekunden vor Schluss ein 21:21.

"Unsere Fehler waren teilweise so haarsträubend, das ist doch nicht unser Level", schimpfte Göppingens Spielmacher Michael Haaß, als er auf die erste Halbzeit des EM-Hauptrundenspiels gegen Serbien zurückblickte. Die deutschen Handballer hatten sich einen Fehlstart geleistet, der gar kein Ende nehmen wollte. Während die frenetisch angefeuerten Gastgeber ständig an ihrem Vorsprung herum bastelten, leistete sich die DHB-Auswahl einen Fehlwurf nach dem anderen. Nachdem in der 23. Minute endlich der 6:7-Anschluss durch Patrick Groetzki geschafft war, folgten drei deutsche Lattentreffer, die postwendend bestraft wurden. Mit einem 7:12-Rückstand ging es in die Kabinen - es sollte noch schlimmer kommen. Nach 35 Minuten lag die Mannschaft um den erneut indisponierten Kapitän Pascal Hens 8:15 zurück, ein Debakel schien sich anzubahnen. Die Serben hatten mit Darko Stanic einen Torwart zwischen den Pfosten, der die deutschen Angreifer ein ums andere Mal entzauberte. "Er war einfach stark", hatte Haaß für seinen künftigen Mannschaftskollegen bei Frisch Auf Göppingen ein Lob parat und ergänzte: "Er hat uns schon den Zahn gezogen, vor allem, als er den Wurf von Lars Kaufmann trotz eines 35-Meter-Anlaufs pariert hat." Da hatte der Flensburger nach quälend langer Aufholjagd die Möglichkeit zum 17:17-Ausgleich vergeben.

Doch einer auf dem Parkett war noch stärker als der serbische Torhüter: Deutschlands Rückhalt Silvio Heinevetter - was der Berliner hielt, das war schon Weltklasse. Vor allem mit Linskaußen Ivan Nikcevic lieferte er sich "ein Privatduell", wie Heinevetter zugab, "bei allem Hass, der im Spiel war, wir haben uns danach ganz nett unterhalten". Zuvor waren die Serben letztmals in der 54. Minute mit 21:19 in Führung gegangen, doch in einer turbulenten Schlussphase erzielte Sven-Sören Christophersen die beiden Treffer zum 21:21 - wobei der Ausgleich recht spektakulär fiel. Nach sekundenlangem Zurufen im Belgrader Hexenkessel konnte Heinevetter acht Sekunden vor Schluss endlich vom Feld geholt werden, um eben mit Christophersen einen siebten Feldspieler im grünen Trikot einzuwechseln. Nach einer schönen Angriffsvariante, die so nicht geplant war, wie Haaß zugab, netzte der Berliner Christophersen drei Sekunden vor der Schlusssirene zum umjubelten Punktgewinn ein.

Für die Serben fühlte sich das Unentschieden wie eine Niederlage an: "Ich bin schon ein bisschen traurig", so der künftige Göppinger Stanic, "was uns gefehlt hat, das war Hilfe von der Bank - mit Auswechselmöglichkeiten war Deutschland einfach besser besetzt." Frisch Auf jedenfalls kann sich auf einen starken Neuzugang freuen.

"Es war eine gute Erfahrung für unser Team, nicht aufgegeben zu haben, die Mannschaft ist phänomenal", lobte Bundestrainer Martin Heuberger seine Mannen. Extra-Streicheleinheiten gab es für Heinevetter, den er für den "besten Torhüter des Turniers" hält. Der sehr eigenwillige Torwart hatte natürlich eine eigene Sichtweise: "Im Nachhinein kann man sagen: ,Toll, dass wir den Rückstand aufgeholt haben. Aber das ist doch scheiße. Wir dürfen doch erst gar nicht in eine solche Lage kommen", sprach Heinevetter Klartext.

Abwehrchef Oliver Roggisch, der sich trotz gebrochener Nase jedem noch so harten serbischen Angriff entgegenstemmte und sogar zwei Tore beisteuerte, stellte der Mannschaft ein tolles Zeugnis aus: "Es ist einfach schön zu sehen, wie sich jeder einzelne im Team weiter entwickelt hat." Das sind Worte, die eigentlich auch dem Kapitän gut zu Gesicht stehen würden, doch Hens verzog sich wieder kommentarlos. Und Heuberger weiß mittlerweile, dass er da eine "Aktion Sorgenkind" am Laufen hat. "Kein Kommentar", sagte der Schutterwälder, als er auf den formschwachen Rückraumspieler angesprochen wurde.

Eine weitere Baustelle innerhalb des Teams ist das mangelhafte Überzahlspiel. "Das ist schon während des gesamten Turniers ein Manko", meinte Heuberger. Unlängst hatte er sogar, wenn auch nicht ganz ernst gemeint, davon gesprochen, dass eine Überzahl für Deutschland einer Bestrafung gleich komme.

"Jetzt kommen noch zwei richtige Gradmesser", blickt Haaß auf die Partien heute gegen Dänemark (18.20 Uhr/ZDF) und am Mittwoch gegen Polen (16.15 Uhr/ZDF) voraus. Das Halbfinale ist in Sicht, ebenso eines der beiden Tickets für die Olympia-Qualifikation.