Als Silvio Heinvetter in der zweiten Halbzeit für Andreas Wolff aufs  Feld kam, wurde es in der mit 13 500 Zuschauern ausverkauften Berliner Arena richtig laut. Die Handball-Fans feierten den Füchse-Keeper, der sich bei der WM und der Vorrunde in seiner Heimatstadt mit der Rolle der Nummer zwei im Tor zufrieden geben muss. Ein Moment, der an dem sonst so abgebrüht auftretenden Heinevetter nicht spurlos vorbeiging. „Da war schon ein wenig Pipi in den Augen“, gestand der 34-Jährige.

Die Stimmung vor dem 30:19-Auftaktsieg Deutschlands gegen Korea war ohnehin emotional aufgeladen. Das historische erste Spiel des vereinigten koreanischen Teams, der Start der DHB-Auswahl in die Heim-WM, der auch der Auftakt zu einem neuerlichen Wintermärchen werden soll. Da kam einiges zusammen. „Das waren schon Gänsehautmomente bei der Nationalhymne“, sagte Bundestrainer Christian Prokop und lobte seine Spieler für deren ersten Auftritt. „Sie sind geduldig und souverän gestartet. Das muss an einem Tag, auf den man so lange hingefiebert hat, nicht zwingend so sein.“

Zumal es ein Auftakt unter erschwerten Bedingungen war. So ließ Hassan Moustafa, der ägyptische Präsident des Weltverbands IHF, seinen Worten bei der Eröffnungsrede freien Lauf. Mit der Folge, dass die WM und damit auch die Partie mit achtminütiger Verspätung begann. „Das sorgte bei Teilen der Mannschaft für Unmut“, sagte Keeper Andreas Wolff. Die deutschen Spieler hatten wegen der Eröffnungsfeier ohnehin bereits 30 Minuten vor Anpfiff das Spielfeld verlassen und sich in den Katakomben der Arena warmhalten müssen.

Davon war zunächst nichts zu sehen, schnell zogen die deutschen Spieler auf 6:2 davon. Dann geriet die Partie durch ein paar Zeitstrafen ins Stocken. „Wir mussten uns erst einmal an die Linie der Schiedsrichter gewöhnen“, sagte Henrik Pekeler. Dass Koreas Kim Dongmyung bereits nach elf Minuten und einem Schlag an den Kopf von Steffen Fäth vom Platz musste, ist für den Kieler nicht nachvollziehbar: „Das hat jeder gesehen, dass das keine Rote Karte war.“

Die kleinliche Gangart der Schiedsrichter könnte für die deutschen Handballer heute im zweiten Spiel gegen Brasilien (18.15 Uhr/ZDF) ein Problem werden. „Sie haben eine südamerikanische Mentalität und neigen wie Neymar ein wenig zur Theatralik“, warnte Pekeler. Brasiliens Fußball-Superstar war bei der WM im vergangenen Jahr wegen seiner Schauspieleinlagen in die Kritik geraten. Eine Unart, die wohl auch ein paar seiner ballwerfenden Landsmänner an den Tag legen. „Da müssen wir clever sein und vielleicht mal die Finger weglassen“, fordert Pekeler.

Richtigen Mittelweg finden

Für die Abwehr gilt es, den richtigen Mittelweg zu finden. Denn Bundestrainer Christian Prokop erwartet, dass seine Spieler mit derselben Physis zu Werke gehen, wie die robusten Brasilianer. Dass das Team von Trainer Washington Nunes durchaus zum Stolperstein werden kann, haben die Olympischen Spieler 2016 in Rio gezeigt, als Deutschland in der Vorrunde dem Gastgeber mit 30:33 unterlag. Gegen den zweiten der Panamerika-Meisterschaft setzt Prokop erneut auf eine starke Abwehr, gute Torhüter und das Gegenstoßspiel. „Der eine oder andere Brasilianer ist nicht ganz so ehrgeizig im Rückzug“, hat Prokop bei der Videoanalyse erkannt. Heute zeigt sich, ob sein Team daraus Kapital schlagen kann.

Dschungelcamp oder Handball


Der deutsche Handball-Bund (DHB) kann sich über eine tolle Einschaltquote freuen. Im Schnitt verfolgten 6,11 Millionen Zuschauer den Auftaktsieg gegen Korea (30:19). Damit hatte das ZDF einen Marktanteil von 23,6 Prozent. „Davon sind selbst wir ein Stück weit überrascht“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Allerdings bekommen die Handballer nun Konkurrenz. Nachdem Bundestrainer Christian Prokop gesagt hat, dass er davon ausgeht, dass auch seine Spieler die Partien der Gruppengegner anschauen, meinte Keeper Silvio Heinevetter: „Bei uns Spielern ist noch nicht ganz sicher, ob wir die schauen. Zur Zeit ist es fifthy-fifthy, ob Dschungelcamp oder Handball.“