Belgrad Angst vor Randale

Belgrad / SWP 27.01.2012
Die Handball-EM hatte viele Facetten: Da waren Fans, die ihre Mannschaften heißblütig und originell anfeuerten, aber auch die Gegner unsportlich behandelten. Heute droht Ungemach: Serbien empfängt Kroatien.

"Kommen Sie in unser wunderschönes Land, erzählen Sie zu Hause, dass es hier sicher ist." Exakt zu dem Zeitpunkt, als Jose Manuel Froehling von der Nationalen Tourismus Organisation Serbiens die Vorzüge des Balkanstaates pries, durch den sich 588 Kilometer lang die Donau wunderschön breit macht, da kam die Eilmeldung, dass serbische Gewalttäter kroatische Handball-Fans auf deren Heimweg überfallen hatten. Nach jüngster Bestandsaufnahme gab es zwölf Verhaftungen, insgesamt wurden mindestens 35 Autos demoliert.

Einen weiteren Vorfall gab es in Novi Sad, einer zusätzlichen Spielstätte dieser EM: Nach der Partie Kroatien gegen Ungarn wurden zwei Autos auf einem gesicherten Hotelparkplatz, so die offizielle Version, mit Benzin übergossen und angezündet. Das eine Fahrzeug gehörte laut serbischen Medienberichten dem kroatischen Handballfunktionär Vlado Lipovic, das andere Miro Kojcin, einem ehemaligen Handballer.

Heute um 20.15 Uhr (Sport1) spitzt sich die Situation weiter zu, wenn im zweiten Halbfinale Gastgeber Serbien eben die Kroaten erwarten. Tiefer Hass ist in Momenten wie diesen zu spüren, obwohl es "nur" um Sport geht. Die Polizei hat für heute höchste Alarmbereitschaft angekündigt, insgesamt werden 5000 Sicherheitsbeamte rund um die Sportarena in Belgrad und auf der Hauptverbindungsstrecke nach Zagreb positioniert sein.

Immer wieder fällt Serbien im Umfeld sportlicher Veranstaltungen, sei es Fußball, Wasserball oder nun eben Handball durch rechtsextremistisch geprägte Hooligans auf. Ging es zwischen den lebenslustigen Mazedoniern und den Serben während der EM-Tage überwiegend friedlich einher, kann der Konflikt zwischen Serben und Kroaten jeden Moment neu entflammen. Im heutigen Halbfinale geht es um den Einzug ins Endspiel, wo der Sieger des anderen Halbfinals (Dänemark oder Spanien) wartet. Die Serben verdrängen mit ihren aktuellen sportlichen EM-Erfolgen die Alltagssorgen, die sie schwer drücken. Angefangen beim abgewerteten Dinar, Rekordarbeitslosigkeit über Korruption bis hin zur Staatsverschuldung nahe an der Pleite - da ist ein Spektakel wie die Handball-EM gerade willkommen.

Willkommen sind Gäste allemal, von den Konflikten verschont blieben die wenigen deutschen Fans, die zur EM angereist sind. Jens, Mitglied einer zehnköpfigen Reisegruppe der TS Göppingen, etwa berichtet, dass es "null Probleme" gegeben habe, bis auf eine Ausnahme, als ein Taxifahrer die Schwaben ordentlich übers Ohr gehauen hätte, so der 36-Jährige. Dies kann freilich in jeder anderen Großstadt auch passieren.

Vorsicht ist dennoch geboten. "Im Notfall können die fünf Minuten, die Sie benötigen, diese Broschüre jetzt zu lesen, entscheidend sein", steht mahnend im Vorwort eines Heftchens, das in einem Hotel unweit der 20 000 Fans fassenden Sportarena ausliegt. Unter anderem wird da auf einen zusätzlichen Sicherheitsriegel am Innern der Zimmertür hingewiesen: "Es empfiehlt sich, diesen Riegel immer zu benutzen, wenn Sie im Zimmer sind, besonders während des Schlafes."

Ruhig ists ohnehin nie - Belgrad, diese pulsierende Millionen-Metropole vor den Schluchten des Balkans, wird heute zum Schauplatz eines besonderen Halbfinals werden, das ist gewiss. Serbiens Staatschef Boris Tadic, der im schwelenden blutigen Konflikt mit dem Nordkosovo, das zum sportpolitischen Glück nicht an dieser EM teilnimmt, eine zentrale Figur darstellt, will den Hit gegen Kroatien vor Ort verfolgen. Als er während eines Vorrundenspiels in Ni eine Begegnung besuchte, genügten vier Bodyguards um ihn. Damit wird Tadic heute wohl nicht auskommen.

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