Wie sich die Bilder doch glichen. Vor vier Jahren im russischen Kasan hatte es Tränen gegeben, leere Blicke, Entsetzen – nach dem Vorrundenaus bei der WM 2018. Was es danach auch gab: Das feste Vorhaben, dass so etwas nicht so schnell wieder passiert. Aber nun, 2022 in Katar: Tränen, leere Blicke, Entsetzen. Denn: Trotz des 4:2-Erfolgs gegen Costa Rica ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach drei Gruppenspielen der WM ausgeschieden. Das erneute Debakel, das sich beim 1:2 zum Auftakt gegen Japan angedeutet hatte, ist damit komplett. „Es ist unglaublich bitter, eine Katastrophe“, sagte Thomas Müller, „wir haben unglaublich viel investiert.“ Das große Unglück, ergänzte der Münchner, sei durch das Ergebnis zum Start gegen Japan passiert.
Eine Änderung hatte der Bundestrainer Hansi Flick gegenüber dem 1:1 gegen Spanien im zweiten Gruppenspiel vorgenommen. Thilo Kehrer stand nicht in der Startelf, Joshua Kimmich spielte stattdessen hinten rechts in der Viererkette. Ilkay Gündogan rückte dafür wieder ein Stück nach hinten, in der Offensive wurde Jamal Musiala in die Mitte geschoben – dafür war auf dem Flügel dann Platz für Leroy Sané, der neu in die Startformation rückte. Und das deutsche Team legte in diesem entscheidenden Spiel der WM-Gruppe E tatsächlich furios los. In der zehnten Minute ging der Plan, mit einem frühen Tor die Schleusen zu öffnen, dann auch auf.
Jamal Musiala passte auf David Raum, der Leipziger flankte auf Serge Gnabry – der Stürmer des FC Bayern köpfte die Kugel ins lange Eck. Perfekt war das Glück, als eine Minute später die Kunde vom spanischen Führungstreffer gegen Japan. Doch glücklich war schon wenig später keiner mehr im deutschen Lager. Das relativ stupide Anrennen nämlich blieb ein ums andere Mal erfolglos. Es gab Abschlüsse, Chancen, aber wie schon zu Turnierbeginn gegen Japan spiegelte sich die Dominanz nicht im Ergebnis. Und es kam noch schlimmer.
Nach der Pause glichen die Japaner aus, gingen gar in Führung, Deutschland war draußen – und der Schock darüber schien bei der DFB-Elf so tief zu sitzen, dass sie plötzlich jede Ordnung verlor. Zwei, drei Pässe, eine Flanke – schon waren die Costa-Ricaner vor dem deutschen Tor. Den ersten Versuch per Kopf parierte Manuel Neuer in seinem 19. WM-Spiel (Rekord für einen Torhüter) noch, beim Nachschuss von Yeltsin Tejeda war er dann machtlos. 1:1 stand es in der 58. Minute – und das Achtelfinale war plötzlich ganz weit weg.
Es folgte ein Aufbäumen, Musiala traf zweimal den Pfosten, Antonio Rüdiger einmal. Der eingewechselte Niclas Füllkrug versuchte es, aber das Tor fiel auf der anderen Seite. Ein hoher Ball an die Strafraumkante, ein Kopfball in die Mitte, ein langes Bein von Juan Vargas, ein Gestochere, an dem auch Celso Borgas beteiligt war. Dann war der Ball erneut im deutschen Tor (70.), was für Costa Rica einer Sensation gleichkam. Und für Deutschland die nächste Blamage bedeutete.
Kai Havertz (73. und 85.) und Niclas Füllkrug (89.) sorgten zwar noch für die Wende im letzten Gruppenspiel, das die deutsche Mannschaft noch 4:2 gewann. Das WM-Turnier aber ist – durch den Sieg der Japaner gegen Spanien – wie schon vor vier Jahren in Russland nach drei Spielen vorüber, bereits an diesem Freitag geht der Flug in die Heimat. Dazwischen war das deutsche Team bei der EM in England im Achtelfinale gescheitert.

Aufbruchstimmung dahin

Die Enttäuschung ist riesengroß, die Aufbruchstimmung, die Hansi Flick seit seiner Amtsübernahme im August 2021 entfacht hat, vollends dahin. Weil eine Mannschaft zahlreicher hochbegabter Spieler in den entscheidenden Momenten die individuellen Qualitäten nicht als Team auf den Platz gebracht hat. Wie es nun weiter geht?
Der Bundestrainer wird wohl bleiben, muss aber unangenehme Fragen beantworten. Routiniers wie Thomas Müller und womöglich Manuel Neuer werden künftig nicht mehr dabei sein, bis 2024 muss der Rest der teils noch jungen Mannschaft vor allem eines entwickeln: eine Siegermentalität. Nichts geringeres als die Europameisterschaft im eigenen Land steht an. Kein guter Zeitpunkt für eine weitere Blamage. Vermutlich ohne Thomas Müller, der seinen Rücktritt nach dem Schlusspfiff ankündigte.