Von Carsten Muth

Es ist dieser eine Moment, der die Wucht und Eleganz der neuen Eintracht aus Frankfurt symbolisiert. Als Ante Rebic im vergangenen Mai im DFB-Pokalfinale gegen Bayern München mit dem Ball am Fuß seine Gegenspieler Niklas Süle und Mats Hummels stehen lässt und die Kugel anschließend über den Torwart zum 2:1 ins Tor lupft, steht die Eintracht vor dem ersten Titelgewinn seit 30 Jahren. Wenig später erzielt Mijat Gacinovic das 3:1 – der Triumph ist perfekt, Frankfurt zum fünften Mal DFB-Pokalsieger. Spieler, Funktionäre, Fans rasten aus. „Ekstase auf hessisch“, schreit ein Radioreporter der ARD in sein Mikro und bringt damit die Stimmung auf den Punkt.

Der Ausnahmezustand in Frankfurt, er hält bis heute an, die Euphorie vor dem Achtelfinal-Heimspiel am Donnerstag in der Europa-League gegen Inter Mailand (18.55 Uhr/Nitro und DAZN) ist ungebrochen.  Vor wenigen Tagen steht die heimische Arena mal wieder Kopf. 1:2 liegt die Eintracht gegen starke Hoffenheimer hinten. Dann treffen die Adler-Träger zwei Mal in der Nachspielzeit. Da ist sie wieder – die Ekstase auf hessisch.

Auf der Tribüne jubelt gegen Hoffenheim einer, der maßgeblich für den wundersamen Aufschwung der Hessen verantwortlich ist: Sportvorstand Fredi Bobic. Der 47-Jährige genießt den Augenblick, sagt: „Man kann sich nur manchmal zwicken. Das sind magische Momente.“ Bobic hat in den vergangenen Jahren einige Vertraute nach Frankfurt geholt, den neuen Chef-Analysten Sebastian Zelichowski etwa. Den kennt der frühere Sportchef des VfB aus gemeinsamen Zeiten in Stuttgart. Zelichowski entwickelt mit dem Software-Riesen SAP ein zentrales Datenmanagement für die Eintracht, von der alle Abteilungen des Lizenzspieler- Jugendbereichs profitieren, nicht zuletzt die Scouting-Abteilung.

So greifen Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner auf umfangreiches Datenmaterial zurück. Sie sind gut vernetzt, haben viele Kontakte, beweisen ein gutes Näschen bei Neuverpflichtungen. Die Wahl des neuen Trainers entpuppt sich als Glücksfall: Für den nach München abgewanderten Niko Kovac holt Bobic Adi Hütter. Der Österreicher, gerade Meister mit Zürich in der Schweiz geworden, passt zur Eintracht und seinem Multi-Kulti-Team. Auch wenn der Saisonauftakt in die Hose geht, der Titelverteidiger in der ersten DFB-Pokalrunde sensationell rausfliegt – beim Regionalligisten Ulm.

Bobic bewahrt Ruhe. Es zahlt sich aus. Plötzlich eilt die Eintracht von Sieg zu Sieg, setzt sich oben in der Tabelle fest, sorgt in Europa für Aufsehen. Auch und vor allem, weil das Team Offensivqualitäten besitzt wie seit den frühen 90er Jahren nicht mehr – als Uwe Bein, Andy Möller und Tony Yeboah für die Eintracht wirbelten.

Heute hat Frankfurt mit Ante Rebic, WM-Zweiter mit Kroatien in Russland, dem Franzosen Sébastien Haller und dem Serben Luca Jovic Top-Angreifer. Ebenfalls ein Volltreffer: Flügelflitzer Filip Kostic, früher beim VfB. Zusammen haben diese vier Spieler in der laufenden Saison alleine in der Bundesliga 38 Tore erzielt. Ein Spitzenwert.

Die Einkäufe Rebic, Haller, Jovic und Kostic gehen allesamt auf das Konto Bobics. Als dieser im Juni 2016 seinen neuen Job am Main antritt, um den langjährigen Chef Heribert Bruchhagen abzulösen, ist die Eintracht dem Abstieg gerade nochmal so entronnen. Bobic wird in Frankfurt nicht gerade begeistert empfangen. Viele Fans sind skeptisch, trauen dem Ex-VfBler schlicht nicht zu, sich in dem als schwierig, weil launenhaft geltenden Frankfurter Umfeld zu behaupten. Inzwischen wird der 47-Jährige mit Lob überschüttet.

Der „Kicker“ kürt ihn zum „Mann des Jahres“, die Eintracht rockt die Bundesliga, steht auf Platz fünf in Schlagdistanz zu den Champions-League-Plätzen. In der Europa-League hat das Team von Coach Adi Hütter noch kein Spiel verloren.

Nun wartet im Achtelfinal-Hinspiel also Inter Mailand. Das Stadion ist mal wieder ausverkauft. Kommende Woche zum Rückpiel werden 13 000 Eintracht-Fans ihr Team nach Mailand begleiten, in der Hoffnung, einen weiteren magischen Moment zu erleben. Und wo soll das alles noch hinführen? Der Frankfurter Rundschau gibt Fredi Bobic diese Antwort: „Wir setzen uns intern hohe Ziele – nur müssen wir das nicht nach außen blasen.“

Offiziell kein Bayern-Interesse an Top-Torjäger Jovic

Hinspiel Eintracht Frankfurts Trainer Adi Hütter sieht dem Achtelfinalspiel der Europa League gegen Inter Mailand mit Respekt und Zuversicht entgegen. „Es ist ein besonderer Gegner, gegen den es einer besonderen Leistung bedarf“, sagte der Österreicher. „Wir wollen uns eine gute Ausgangsposition verschaffen und zu Null spielen.“ Die Eintracht muss auf Stürmer Ante Rebic (Knieverletzung) verzichten. Das Rückspiel findet am 14. März in Mailand statt.

Poker Sportvorstand Fredi Bobic lässt sich im Poker um Top-Torjäger Luka Jovic (15 Bundesliga-Treffer) nicht aus der Reserve locken. „Er hat sich entwickelt. Er macht das toll. Er macht viele Tore“, sagte der Ex-Nationalspieler bei Sky90. Bobic betonte, dass er mit den Beratern Jovics „im sehr guten Austausch“ stehe. „Ich mache mir da gar keine Sorgen.“

Kontakt Angeblich haben der FC Barcelona und Real Madrid ein Interesse an der Verpflichtung Jovics. Auf die Frage, ob auch Rekordmeister Bayern München bei Jovic angeklopft habe, sagte Bobic, offiziell gebe es keinen Kontakt.