Stuttgart / ARMIN GRASMUCK  Uhr
Er galt als Leitfigur des neuen Stuttgarter Wegs. Doch nach dem desaströsen Saisonbeginn wirkt der starrköpfige Fußballlehrer aus dem Remstal desillusioniert und haltlos. Seine letzten Tage scheinen gezählt.

Der Mann eckt an. Es wirkt, als kenne er keinen anderen Weg. Oder ist das Verhalten nur ein Trick, um von den eigenen Fehlern abzulenken? Alexander Zorniger motzt und provoziert ohne Rücksicht auf Verluste. In der vergangenen Woche stänkerte der Trainer des VfB Stuttgart gegen RB Leipzig und ganz speziell gegen den Kollegen Ralf Rangnick. "Das hätte ich mir nicht erlauben können zu sagen, wir müssen nicht aufsteigen - im zweiten Jahr, mit einem runderneuerten Kader", sagte Zorniger in einem Interview dem MDR. Er attackierte auf fremdem Gebiet, ohne Not und ohne konkreten Hintergrund, in überheblich formulierten Worten, unstrukturiert und offenbar getrieben von blinder Aggressivität. Als hätte er keine anderen Sorgen. Am Tag darauf verlor der VfB 3:4 in Leverkusen. Die Spieler wirkten einmal mehr naiv bis desolat, am Ende überfordert - wie der Trainer in seiner ersten Saison in der Bundesliga.

Vor dem wegweisenden Heimspiel am Sonntag gegen Darmstadt (15.30 Uhr/Sky) scheint sich auch auf der Chefetage des Stuttgarter Traditionsklubs die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass Zorniger den Ansprüchen der Eliteklasse fachlich wie im persönlichen Auftritt keinesfalls gerecht zu werden scheint. Aus der Galionsfigur, die den in diesem Sommer neu beschriebenen Weg des höchst attraktiven Offensivspiels überzeugend und mit kernigem Charme in die Fußballwelt transportieren sollte, ist ein desillusioniert bis haltlos wirkender Vorarbeiter geworden, dem das schnelle und unerbittliche Profigeschäft über den Kopf wächst. Darmstadt, das weiß auch Zorniger, ist für ihn schon so etwas wie die letzte Chance. Gelingt dem VfB erneut kein effizienter Auftritt, ist die Schonfrist des Trainers faktisch abgelaufen. Die nüchterne Analyse der Tabelle zwingt die VfB-Bosse früher oder später zu handeln.

Stuttgarts Klubobere hatten Zornigers unstetes bis unprofessionelles Handeln bislang zu akzeptieren, weil es an schlüssigen Alternativen mangelte. Das massive Scheitern des Trainers fällt auch auf die sportliche Leitung des Vereins zurück, die dem auf dieser Ebene relativ unerfahrenen Fußballlehrer und der bunt zusammengewürfelten Mannschaft zutraute, die neue Spielphilosophie in dem brutalen Tagesgeschäft umsetzen zu können. Das in der Saisonvorbereitung offen zur Schau gestellte Selbstbewusstsein ist der bitteren Realität gewichen. Nach zehn Spieltagen steckt der VfB mitten im Abstiegskampf. Im Vergleich zu den Tiefphasen der vergangenen Jahre wirkt der Kader qualitativ jedoch keineswegs so stark besetzt, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis der positive Trend einsetzt.

Die Mitglieder aus Vorstand und Aufsichtsrat beschäftigen sich seit Wochen intensiv mit der unerwartet steilen Talfahrt ihrer Mannschaft. Sie konnten keinen nachhaltigen Fortschritt in der Arbeit des Trainers und im Auftreten der Spieler feststellen, die neuerliche Pleite in Leverkusen entsprach exakt dem Muster der Niederlagen zum Saisonstart. Im Sinne des Vereins ist die Klubspitze zum Handeln gezwungen. Spätestens nach dem Gastspiel bei den Bayern am 7. November droht Zorniger das Aus.

Der Trainer hat es verpasst, seine Mannschaft klar zu strukturieren. Selbst die leidenschaftlichen Anhänger aus der Fankurve, die ihn lange stützten, monieren mittlerweile, keine Linie im Spiel ihrer Lieblinge erkennen zu können. Die Stuttgarter Offensive wirkt phasenweise leidenschaftlich, oft aber brotlos. Im Mittelfeld, dem Herz des Spiels, fehlt die Kompaktheit, gerade bei einfachen und schnellen Angriffen des Gegners. Die Abwehr, speziell im Zentrum, ist mit der Härte und dem Tempo auf diesem Niveau zumeist überfordert. Der VfB wirkt schlecht aufgestellt. Es fehlt der homogene Mix aus Routine und jugendlicher Frische genauso wie die Führungsspieler, die der Mannschaft gerade in der Phase des Misserfolgs Kraft und Halt geben. Zorniger hat keine Flexibilität, entsprechend zu reagieren. Er beharrt auf seiner Spielidee - und lässt seine vermeintlich heißblütige Mannschaft regelmäßig in die eiskalten Konter der Kontrahenten laufen.

Rangnick, oft als Fußballprofessor tituliert, registriert die Pleiten des chronisch Aufmüpfigen mit einem milden Lächeln. Er steht für gereiften Sachverstand, klare Konzepte und höchste Professionalität.

Mit Gentner gegen Darmstadt

Einsatzbereit Im Heimspiel am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) gegen Aufsteiger Darmstadt 98 kann VfB-Trainer Alexander Zorniger voraussichtlich auf Christian Gentner zurückgreifen. Der Kapitän hatte zuletzt Probleme mit der Achillessehne. "Unsere Therapeuten haben einen guten Job gemacht und ihn wieder herangeführt", sagte Zorniger. Auch Geoffrey Serey Die, den eine Muskelverletzung geplagt hatte, steht wohl wieder zur Verfügung. Dagegen fällt Georg Niedermeier aufgrund von Rückenproblemen aus. Ungeachtet dessen hofft Zorniger darauf, den Schwung aus dem 2:0-Erfolg im DFB-Pokal bei Carl Zeiss Jena mitzunehmen. "Die Stimmung muss so sein, dass wir mit einer gewissen Lockerheit die maximale Konzentration und Leistung abrufen können", sagte der 48-Jährige.