Herr Professor Nieß, in Deutschland sterben im Jahr 100 000 Menschen am plötzlichen Herztod, einige Hundert trifft es beim Sport. In den vergangenen Wochen hat es auch quer durch den Leistungssport etliche Fälle von plötzlichem Herztod gegeben. Häuft sich das oder ist das nur die verstärkte Wahrnehmung?

PROF. ANDREAS NIESS: In den letzten Monaten hätte man den Eindruck bekommen können, dass die Häufigkeit zunimmt. Ich würde das selbst nicht ganz ausschließen. Es gibt aber keine belastbaren Daten, die das belegen. Ob nur eine vermehrte Aufmerksamkeit und Berichterstattung ursächlich ist, müssen Studien klären.

Beim London-Marathon ist eine 30-Jährige gestorben, seit 1981 soll es dort zehn Tote gegeben haben. Ist das besonders gefährlich?

NIESS: Die Extrembelastung Marathon kann bei einer Herzerkrankung gefährlich sein. Gleichwohl ist beim Berlin-Marathon seit einiger Zeit die Zahl tödlicher Zwischenfälle rückläufig. Bei über 30 000 Startenden ist die Wahrscheinlichkeit gar nicht gering, dass ein gewisser Prozentsatz eine Herzerkrankung hat. Vorabinformation und eine gut organisierte Notfallversorgung sind beim Berlin-Marathon vorbildlich.

Das Herz des Fußballers Fabrice Muamba vom englischen Premier-League-Klub Bolton Wanderers stand am 17. März nach einem Zusammenbruch auf dem Spielfeld 78 Minuten lang still, und doch hat der Kongolese überlebt. Die Ärzte haben danach von einem medizinischen Wunder gesprochen - zu Recht?

NIESS: Diejenigen, die ihn reanimiert haben, müssen alles richtig gemacht haben. Dabei ist Reanimation nach einer Maximalbelastung besonders schwierig. Bei dem norwegischen Schwimm-Weltmeister Dale Oen war das vergangene Woche nicht erfolgreich, wahrscheinlich kam die Hilfe zu spät.

Ist der Leistungssport ein Risikofaktor, der den Herztod begünstigt?

NIESS: Die Häufigkeit des plötzlichen Herztods liegt bei 0,5 bis zwei Fällen pro 100 000 Sportler. Er ist nach wie vor eine Seltenheit. Bei einem gesunden Herzkreislaufsystem ist es unwahrscheinlich, dass körperliche Belastung allein den Tod zur Folge hat. Zumeist besteht eine Vorschädigung, wenn die nicht erkannt ist, kann dies fatal enden. Zusätzliche Stressoren wie z.B. extreme Hitze, können jedoch auch bei einem gesunden Sportler das Herzkreislaufsystem überfordern.

Lassen Sie uns über die Ursachen sprechen. Bei mehreren afrikanischen Sportlern ist es ja wegen der größeren Wanddicke des Herzens zu Todesfällen gekommen.

NIESS: Der Herzmuskel Farbiger ist etwas kräftiger als der weißer Menschen, was jedoch keine krankhafte Veränderung ist. Es gibt andererseits jedoch eine angeborene krankhafte Verdickung, die insbesondere bei unter 40-jährigen Sportlern zum plötzlichen Herztod führen kann. Insgesamt gibt es eine Reihe von Ursachen, die zwar größtenteils, jedoch nicht alle bei einer Vorsorgeuntersuchung erkennbar sind. Meistens sind Männer betroffen.

Stimmt es, dass Herzmuskelentzündungen oft die Ursache von Todesfällen sind?

NIESS: Ja. Entzündungen des Herzmuskels können im Rahmen eines Virusinfektes auftreten und Herzrhythmusstörungen auslösen. Das bedeutet gerade unter Belastung ein hohes Risiko für Rhythmusstörungen. Das gilt auch für Herzmuskelerkrankungen im rechten Herz. Es gibt auch Anomalien der Herzkranzgefäße, die auch ohne Arteriosklerose zu deren Verengung führen und einen Infarkt auslösen können.

Gibt es Erkenntnisse über weitere Ursachen?

NIESS: Es gibt die genetisch bedingte Ionen-Kanal-Erkrankung, die bis zu einem Drittel als Ursache genannt werden muss. Ein veränderter Ionentransport, vor allem von Natrium und Kalium, verändert die elektrische Erregung des Herzens und kann Rhythmusstörungen auslösen. Da sind Ultraschall oder Kernspintomographie nicht auffällig, oft jedoch das Ruhe-EKG.

Wie sieht es mit der Arteriosklerose als Ursache aus?

NIESS: Bei Sportlern über 40 Jahren gewinnt die Arteriosklerose der Herzkranzgefäße an Bedeutung, sie ist bei Älteren in über 80 Prozent Ursache des plötzlichen Herztodes.

Welchen Stellenwert hat Dopingmissbrauch bei Todesfällen im Spitzensport?

NIESS: Das prominenteste Beispiel ist ja der Radfahrer Tom Simpson, der beim Aufstieg auf den Mont Ventoux wegen hoher Dosen Aufputschmittel gestorben ist. Stimulanzien haben das Potenzial, den plötzlichen Herztod auszulösen. Anabole Steroide können den Herzmuskel schädigen. Länger eingenommen können sie Arteriosklerose fördern und das Infarktrisiko steigern.

Wie sieht es bei Epo und Wachstumshormonen aus?

NIESS: Epo kann tödliche Embolien auslösen. Wachstumshormone können zu einer Verdickung der Herzwand führen. Aber man kann nicht jedem, der gestorben ist, Doping unterstellen. Häufigere und spezifischere Obduktionen könnten helfen, insgesamt die Ursachen besser zu erfassen.

In Deutschland gibt es ein gutes Vorsorgesystem. Dennoch: Kann das noch verbessert werden?

NIESS: Man fragt sich natürlich immer, ob dies optimierbar ist. Die Bundeskader A bis C haben ein jährliches Anrecht auf eine Vorsorgeuntersuchung. Darüberhinaus untersuchen wir in Baden-Württemberg an den vier Zentren Tübingen/Stuttgart, Ulm, Freiburg und Heidelberg jedes Jahr über 2500 Sportler aus den D-Kadern des Nachwuchsbereiches. In Diskussion ist der notwendige Umfang der Untersuchung, und es ist in der Tat so, dass sehr viele Athleten untersucht werden müssen, um einen plötzlichen Herztod zu verhindern. Andererseits ist jeder verstorbene Sportler einer zuviel. Zudem werden bei den Untersuchungen auch andere Befunde wie zum Beispiel ein Bluthochdruck erhoben, deren Kenntnis und Behandlung den Sportler vor längerfristigen Schäden bewahrt.

Der Deutsche Fußball-Bund verlangt von jedem Spieler der ersten und zweiten Bundesliga jährlich eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, um die Spielberechtigung zu erhalten. Wie sieht es insgesamt im Profisport aus?

NIESS: Das ist im Profisport sehr unterschiedlich. Der DFB verlangt zudem ein Belastungs-EKG. Insgesamt gehen leider nicht alle Sportler zu den Untersuchungen, auch in den Bundeskadern nicht.