Turbulenter Bundesliga-Start „Tohuwabohu“, „Humbug“: Neue Saison, alter Videobeweis-Ärger

Schiedsrichter Patrick Ittrich stand bei der Partie zwischen Wolfsburg und Schalke im Mittelpunkt. Foto: Peter Steffen
Schiedsrichter Patrick Ittrich stand bei der Partie zwischen Wolfsburg und Schalke im Mittelpunkt. Foto: Peter Steffen © Foto: Peter Steffen
Berlin / Von Florian Lütticke und Sebastian Stiekel, dpa 26.08.2018

Die Hoffnung auf einen reibungslosen Neustart des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga ist nach nur einem Spieltag gleich wieder verpufft.

Spieler und Trainer schimpfen und spotten über den Assistenten im Kölner Video-Keller, die Schiedsrichter auf dem Rasen agieren völlig verunsichert, Zuschauer im Stadion bleiben weitgehend ratlos. Ganz Fußball-Deutschland rätselt: Warum klappt in der Bundesliga nicht, was mit Unparteiischen aus aller Welt bei der WM bestens funktionierte?

Selbst Videobeweis-Befürworter und -Nutznießer Karl-Heinz Rummenigge appellierte direkt nach dem Saisonauftakt an den Deutschen Fußball-Bund, eine „Taskforce“ zu gründen, „die sich darum kümmert, dass hier nun endlich professionell gearbeitet wird“. Die Schiedsrichter würden „hier im Stich gelassen.“ Er sehe den DFB eigentlich „gut gerüstet“, sagte Video-Projektleiter Jochen Drees am Sonntag bei Sky zum Vorstoß des Bayern-Vorstandschefs. „Aber ich bin auch einer, der sagt, man muss alle Impulse und alle Hilfen, die von anderswo kommen, annehmen.“

Wie sehr die Dauerdebatte um den Videobeweis die Referees inzwischen durcheinander bringt, bewies Patrick Ittrich in der Schlussphase der Partie VfL Wolfsburg gegen FC Schalke 04 (2:1). Nach seinem Elfmeterpfiff für den Revierclub zeigte der Schiedsrichter Wölfe-Verteidiger John Anthony Brooks versehentlich Rot, erkannte seine Verwechslung aber sofort selbst und zückte dann doch Gelb. „Ich habe selten so ein emotionales Spiel erlebt“, gestand Ittrich, der während des Spiels zweimal durch den Video-Assistenten korrigiert wurde. „Deshalb war es auch ein so schweres Spiel für mich.“

Die Probleme wirken hausgemacht. „Es gibt zu viele Überprüfungen, der Chef muss auf dem Spielfeld sein“, bemängelte Ex-Schiedsrichter Markus Merk bei Sky. Im Gegensatz zur WM in Russland, wo nach offizieller Zählweise nicht einmal in jedem dritten Spiel der Videobeweis zum Einsatz kam, gab es gleich an zahlreichen Bundesliga-Standorten Zündstoff. „Mir hat der Schiedsrichter heute leidgetan, die Konfusion hat Köln reingebracht“, kritisierte Schalkes Manager Christian Heidel und sprach von „Tohuwabohu“. „Der Schiedsrichter hätte wahrscheinlich ein wunderbares Spiel gemacht, wenn der Video-Assistent sich nicht gemeldet hätte.“

Ittrich zeigte Schalkes Matjia Nastasic nach einem Foul zunächst die Gelbe Karte, ehe er den Serben nach dem Studium der Videobilder mit Rot vom Platz stellte (66.). Bei Wolfsburgs Wout Weghorst lief es kurz darauf genau umgekehrt. Erst sah der Niederländer wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit die Rote Karte. Nachdem Ittrich seine Entscheidung aber erneut überprüft hatte, bekam der Stürmer nur Gelb und durfte weiterspielen (69.).

Bei Hoffenheim richtete sich der Unmut gegen Schiedsrichter Bastian Dankert und dessen Video-Gehilfen Sören Storks. Der größte Streitpunkt war der Elfmeter nach angeblichem Foul an Bayerns Franck Ribéry vor dem spielentscheidenden 2:1 für die Münchner. Die Aktion überprüfte Dankert erstaunlicherweise nicht per Videobeweis.

„Wir haben es bei der Weltmeisterschaft gesehen: Da hatten wir einen leitenden Schiedsrichter aus Simbabwe, einen Vierten Offiziellen aus Saudi-Arabien, und im Videoraum saß einer aus Uruguay“, sagte Hoffenheims Manager Alexander Rosen. „Es gab keine Testphase - und der Videobeweis wurde zu etwas gemacht, was er sein soll, nämlich eine wunderbare, sinnvolle und gerechte Einrichtung. Und dann kommen wir Deutschen und haben das, was wir heute erlebt haben.“ Nürnbergs Trainer Michael Köllner sieht das ähnlich, er schimpfte nach der 0:1-Niederlage seines Teams bei Hertha BSC über „Humbug“.

Der ARD-Experte und langjährige Erstliga-Referee Jürgen Jansen stellte deshalb „auch die Qualitätsfrage“ bei den deutschen Spielleitern. „In den letzten Jahren sind sieben, acht sehr erfahrene Schiedsrichter ausgeschieden. Das ist Fakt. Dafür sind viele junge Schiedsrichter nachgekommen, die schon eine sehr hohe Qualität haben, aber sicher noch nicht die Kompetenz von 150 bis 200 Bundesliga-Spielen mitbringen“, sagte der 57-Jährige in einem Interview des Radiosenders WDR2. „Deshalb fehlt sicherlich manchmal auch die Qualität der Entscheidungsfindung auf dem Platz.“

Dabei zeigte sich, dass auch die propagierten Neuerungen für die Zuschauer wie textliche Einblendungen auf den Leinwänden noch nicht für die nötige Klarheit sorgen. So bekommen die Fans zwar beispielsweise angezeigt, dass wegen eines Fouls überprüft wird, Details dazu erfahren sie aber nicht. In den deutschen Stadien könnten derzeit unter anderen aus technischen Gründen keine Videos abgespielt werden, sagte Ex-Schiedsrichter Drees erneut. „Das müssen wir als Prozess verstehen und versuchen, uns dahinzubewegen.“

Hintergründe zum Spieltag auf der DFL-Homepage

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