VfB Stuttgart VfB Stuttgart: Großes Comeback mit kleineren Schönheitsfehlern

Stuttgart / Wolfgang Scheerer 17.08.2017
Beim Zweitliga-Meister und Aufsteiger ist die Ruhe in der Saisonvorbereitung jäh unterbrochen worden durch den überraschenden Rauswurf von Sportvorstand Schindelmeiser. Nun nimmt Michael Reschke zusammen mit Trainer Hannes Wolf die anspruchsvolle „Mission Klassenerhalt“ in Angriff.

Für einen Aufsteiger ist die Bundesliga kein Wunschkonzert. Das ist auch VfB-Trainer Hannes Wolf klar. Auf die Misstöne vor dem Start hätte der 36 Jahre alte gebürtige Bochumer trotzdem lieber verzichtet. Mit der Aktion, in der heißen Phase Jan Schindelmeiser zu feuern (der Wolf nach Stuttgart holte) und einen neuen Sportvorstand zu installieren, Michael Reschke vom FC Bayern, liegt der VfB in der Turbulenzen-Tabelle schon weit vorn.Höchste Zeit, dass der Ball rollt.

Nach dem glücklichen Weiterkommen im DFB-Pokal beim Viertligisten Energie Cottbus muss der Zweitliga-Meister zum Auftakt am Samstag (15.30 Uhr) in Berlin bei Hertha BSC antreten. Eine Woche später folgt das Heimspiel gegen Mainz 05. Nicht nur für die Mannschaft mit dem roten Brustring ist das eine große Sache, auch für Trainer Wolf und seinen Präsidenten Wolfgang Dietrich. Beide feiern ihre Erstliga-Premiere.

Ob „feiern“ die passende Vokabel ist, wird sich schnell zeigen. Wieder und wieder hat sich der VfB durch Fehlstarts in Schwierigkeiten gebracht und dann, übernervös und verkrampft, gegen den Abstieg gespielt. Regelmäßige Wechsel auf der Trainerbank und an der Vereinsspitze waren die Folge. Der VfB machte sich selbst immer wieder zum Gespött der Liga, setzte am Ende schließlich alles auf Nachwuchstrainer Jürgen Kramny, der den Absturz in die zweite Liga nicht mehr zu verhindern wusste. Am 14. Mai 2016 war der Abstieg nach dem 1:3 in Wolfsburg Fakt.

Mit Wolf gelang dann, solide, aber nicht souverän, am letzten Zweitliga-Spieltag der direkte Wiederaufstieg. Belohnung: Sein Vertrag wurde im Juli vorzeitig um ein Jahr bis zum Sommer 2019 verlängert. Sogar bis 2020 hat der neue Sportvorstand Reschke, 59, unterschrieben. Er gelte, so teilte der VfB bei der Verpflichtung mit, „in der Branche als Teamplayer“. Das klang für viele wie ein letzter Seitenhieb auf Vorgänger Schindelmeiser, der gerade auch wegen seiner Alleingänge geschasst worden sein soll. Der 53-Jährige will sich genau das nicht anhängen lassen: „Beim VfB Stuttgart gibt es nicht einen einzigen Spieler, der nicht als Produkt eines Teamprozesses verpflichtet wurde“, entgegnete er. Tatsache ist, dass der Aufsichtsrat unter Führung von Präsident Dietrich mit der Person des Sportvorstandes zunehmend
seine Probleme hatte. Die Summe einzelner Punkte habe zum Rausschmiss geführt, ließ Dietrich sich widerwillig eine Antwort entlocken. Bis zum Fall um Weltmeister Kevin Großkreutz, der nach der „Prügel-Affäre“ Knall auf Fall gehen musste, galt Dietrich als die Führungsfigur, die endlich für die ersehnte Ruhe im Verein sorgt. Nun sind er und sein Aufsichtsrat diejenigen, die für einen viel debattierten Paukenschlag verantwortlich sind.

Versteht man Hannes Wolf richtig, gab es von seiner Seite nichts auszusetzen an Schindelmeisers professioneller Einstellung:  „Auf persönlicher Ebene und auch von der Zusammenarbeit war das gut. Es ist krass gewesen, dass es so einen Wechsel gibt“, ließ sich der Trainer zitieren. Auslöser für den Rauswurf soll die Verpflichtung des früheren Bayern-Verteidigers Holger Badstuber gewesen sein. Schindelmeiser war wie Wolf offenbar dafür, der restliche Vorstand dagegen. Weil der Wechsel von Schindelmeiser doch fix gemacht wurde, musste er wohl gehen.

Womit die Neuzugänge angetippt sind: Badstuber, zuletzt von den Bayern an Schalke ausgeliehen, aber nicht weiterbeschäftigt, soll die VfB-Abwehr stabilisieren, ist mit seiner Verletzungsgeschichte (unter anderem zwei Kreuzbandrisse) aber ein unsicherer Kantonist. Er versichert: „Ich bin seit einem Jahr gesund. Mein Körper funktioniert sehr gut.“ Linksverteidiger Dennis Aogo, zuletzt ebenfalls bei Schalke, ist bereits 30. Er war auf Klubsuche. Dritter Ex-Nationalspieler: Ron-Robert Zieler, 28. Bei Leicester City nur zweiter Mann im Tor, verdrängt er in Stuttgart prompt den Australier Mitch Langerak als Nummer eins.

Zieler, Aogo (Ersatz für den verletzten Emiliano Insua) und Badstuber sind die drei bisher bekanntesten Namen im neuen VfB-Kader. Der Torhüter ist neben dem griechischen Nationalstürmer Anastasios Donis von Juventus Turin auch der zweitteuerste Neuzugang: jeweils vier Millionen Euro sollen sie den VfB kosten. Als „Königstransfer“ gilt der kongolesische Spielmacher Chadrac Akolo vom FC Sion. Dazu wurden einige Talente geholt. Viel Zeit für Experimente bleibt dem Trainer nicht mehr. Das Erstliga-Comeback steht unmittelbar bevor.

Das Personal

Zugänge: Holger Badstuber (FC Bayern München/ablösefrei), Ailton Ferreira Silva (GD Estoril Praia, Brasilien/1,0 Millionen Euro), Ron-Robert Zieler (Leicester City, England/4,0 Millionen), Dzenis Burnic (Borussia Dortmund/ausgeliehen), Chadrac Akolo (FC Sion, Schweiz/6,0 Millionen), Anastasios Donis (Juventus Turin, Italien/4,0 Millionen), Orel Mangala (RSC Anderlecht, Belgien/1,8 Millionen), Dennis Aogo (FC Schalke 04/ablösefrei).

Abgänge: Jan Kliment (Bröndby IF, Dänemark/verliehen), Boris Tashchy (MSV Duisburg/ablösefrei), Toni Sunjic (Dynamo Moskau, Russland/700 000 Euro), Benjamin Uphoff (Karlsruher SC/ablösefrei), Alexandru Maxim (FSV Mainz 05/3,0 Millionen), Florian Klein (Ziel unbekannt/ablösefrei), Jean Zimmer (Fortuna Düsseldorf/verliehen).

Weitere Transfers sind bis zum 31. August möglich. Durch die beschlossene Ausgliederung der Fußball-Profiabteilung in eine AG hätte der VfB noch Reserven.

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