Ein Mann unter Strom. Er lebt das Spiel mit, bebt in der Coachingzone. Sein Platz auf der VfB-Bank bleibt 90 Minuten unbesetzt. Alexander Zorniger braucht ihn nicht. Sein erstes Spiel als Cheftrainer in der Stuttgarter Arena verfolgt er stehend, gibt energisch die aus seiner Sicht notwendigen Anweisungen, wenn beispielsweise eine Lücke nach hinten zu schließen ist.

Hochkarätig ist der Gegner: Manchester City. Wie wertvoll aber ist das Ergebnis - ein 4:2 nach begeisternder erster Halbzeit mit 4:0-Führung zur Pause? "Wir wissen, wo wir herkommen, wo wir vor acht Wochen waren. Auch wenn Manchester ein großer Name ist, wir werden das nicht überbewerten", sagt Sportvorstand Robin Dutt. Der Trainer ist, ohne Unheil heraufbeschwören zu wollen, ebenfalls zurückhaltend: "Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft trotz Super-Generalprobe aus dem DFB-Pokal fliegt. Es wird meine Aufgabe in dieser Woche sein, das Level so hoch zu halten." Für den VfB beginnt die Spielzeit 2015/2016 am Samstag beim Drittligisten Holstein Kiel. Eine Woche nach der ersten Pokalrunde starten die Stuttgarter mit dem Heimspiel gegen Köln in die Bundesliga - als letzte Mannschaft am Sonntag, 16. August, um 17.30 Uhr.

Tempofußball hat Zorniger angekündigt, gegen ManCity mit Stars wie Samir Nasri, Raheem Sterling und Jesus Navas hält die Mannschaft 60 Minuten sein Versprechen. Dann sind die Akkus der Spieler ziemlich ausgesaugt, im Gegensatz zu denen des Trainers. Er wechselt jetzt munter durch, gibt jedem der elf Spieler auf der Bank eine Chance, gönnt den bis dahin Überragenden ihren verdienten Applaus: Spielmacher Daniel Didavi, Flügelstürmer Philip Kostic, dem neuen Torjäger Daniel Ginczek.

Vor 40.100 Zuschauern eröffnete Kostic (15. Minute) die Gala gegen den englischen Vize-Meister. Didavi (31.) und Ginczek mit einem Doppelschlag (36./37.) trafen außerdem gegen die abwehrschwache Elf des chilenischen Trainers Manuel Pellegrini. "So ein Tag, so wunderschön wie heute. . ." schallte es durchs Stadion. Der Nachholbedarf der VfB-Anhänger ist groß. Das war nicht zu überhören.

Kelechi Iheanacho (84.) und der Ex-Wolfsburger Edin Dzeko (89.), beide kurz vorher eingewechselt, erzielten die Treffer für die Gäste. Die waren zwar mit einer Multi-Millionen-Truppe gekommen, doch einige Top-Spieler blieben von vornherein auf der Insel: der angeschlagene Yaya Touré ebenso wie die in der Copa America eingesetzten Sergio Agüero, Martin Demichelis, Fernandinho oder Pablo Zabaleta. Die Premier League beginnt bereits nächstes Wochenende. Angesichts der Fülle an Alternativen muss Trainer Pellegrini vor West Bromwich Albion also trotzdem nicht grauen.

Außerdem schien sein Team ehrlich überrascht vom Einsatz der Stuttgarter, die so ehrgeizig begannen, als ginge es jetzt schon um Punkte, nicht nur ums Prestige.

Die eigentliche Überraschung dabei war nicht der starke Auftritt eines Didavi, Kostic oder Ginczek, sondern die neue Rolle Adam Hlouseks. Der 26-jährige Tscheche gab ein vielversprechendes Debüt als Innenverteidiger. "Ich suche seit ein paar Wochen Europa nach einem Mann für diese Position ab", sagte Robin Dutt schmunzelnd. "Wäre mir so einer aufgefallen, ich hätte ihn sofort geholt." Es spricht viel dafür, dass die Zuschauer am Samstag die künftige Startelf erlebt haben.

Der Auftritt macht Mut, der Trainer ist mit dem Stand der Vorbereitung zufrieden: "Alles, was ich sehen wollte, habe ich gesehen: Aggressivität, Tore und eine ordentliche Verteidigung." Die zwei Wochen bis zum Bundesliga-Auftakt könne man dennoch gut gebrauchen, um dann das Tempo über die volle Spielzeit zu halten, meint Dutt. Alex Zorniger an der Seitenlinie gelingt das jetzt schon spielend.

Cacau ist wieder Stuttgarter

Rückkehrer Ex-Nationalstürmer Cacau ist wieder in Stuttgart. Er hält sich im Training der zweiten Mannschaft des VfB fit. "Ich kann dort Spaß haben und trainieren", sagte der gebürtige Brasilianer, der noch keine Entscheidung über seine Zukunft im Profifußball getroffen hat, am Rande des Testspiels gegen Manchester City. "Ich warte, bis was Gutes kommt." Der inzwischen 34 Jahre alte Cacau hatte von 2003 bis 2014 für den VfB gespielt und vorm Abschied nach Japan großen Anteil daran, dass die Stuttgarter nicht abgestiegen sind. Nach einem Jahr bei Cerezo Osaka ist er nun mit seiner Familie wieder "daheim".