Fußball Russland zwischen Euphorie und Patriotismus

Moskau / Stefan Scholl 07.07.2018

Russland freut sich. „Hitler kaputt!“, ruft ein junger Mann in weißrotblauer Kriegsbemalung, als er hört, dass er es mit einem Deutschen zu tun hat. Aber danach redet er nur noch über Fußball. Er heißt Nikita und sitzt mit seinem Freund Oleg im Moskauer Café „Schokolodniza“. Sie trinken Wodka und Kirschsaft auf ihr Nationalteam.

Heute spielt Russland in Sotschi gegen Kroatien um den Einzug ins WM-Halbfinale. Zuvor hatte die Sbornaja sensationell den Favoriten Spanien aus dem Turnier geworfen. Russland ist in einen WM-Rausch geraten, Fußballbegeisterung und Hurra-Patriotismus vermischen sich. Viele Fans aber zwicken sich noch immer skeptisch in den Arm, um zu prüfen, ob sie diese WM nicht träumen.

„Jetzt können wir jeden schlagen, wir können Weltmeister werden“, jubelt Oleg. Aber Nikita grinst schräg. „Das ist alles getürkt, die Fifa hat im Voraus bestimmt, wie dieses Turnier ausgeht.“ „So ein Quatsch. Du glaubst doch nicht, dass die Spanier absichtlich verloren haben“, entgegnet Oleg.

Die allrussischen Freudengesänge über den erste Einzug der Sbornaja in ein WM-Viertelfinale seit 1970 übertönten sogar die landesweiten Proteste gegen die Erhöhung des Rentenalters. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrum betrachten 56 Prozent der Russen die WM als das eindrücklichste Ereignis im Juni, nur 31 Prozent sprachen von der Rentenreform.

Dabei zweifeln viele Russen weiter an den Künsten ihrer Kicker. „Unsere können keinen Fußball spielen“, sagt der Taxifahrer Ruslan, „sie hatten bisher nur Riesenglück.“ Und Denis, Lagerverwalter und ZSKA Moskau-Fan, schimpft: „Es gibt in Russland keinen Fußball. Nicht Leistung, sondern Schmiergeld zählt.“ Bekannte, erzählt er, hätten drei Wohnungen in Moskau verkauft, damit ihr Sohn im Profikader von Spartak Moskau spielen dürfe. Und viele Moskauer spekulieren jetzt eifrig, der Kreml habe seinen Einfluss bei der Fifa geltend gemacht, um der Sbornaja den Weg bei dieser WM zu ebnen. Nach dem Sieg über Spanien hissten Fans im Stadtzentrum auch „Danke Putin!“-Flaggen.

Einmalige Gelegenheit

Dabei hat bisher kein Fifa-Schiedsrichter die russische Mannschaft bevorteilt. Aber die seuchenhafte Lustlosigkeit, mit der Favoriten wie Deutschland oder Spanien auftraten, hat dazu geführt, dass Russland nach Kroatien nur noch England oder Schweden schlagen müsste, um das Endspiel zu erreichen. „Zum ersten Mal seit 1966 haben wir die Möglichkeit, um einen der ersten Plätze zu kämpfen“, schreibt das Fachblatt Sportexpress. „Eine einmalige Chance für diese Generation. Die nächste mag erst 2070 wieder kommen.“ Hier und jetzt könnten die russischen Fußballer „die Geschichte auf den Kopf stellen, sehr russisch, irrational, ohne Logik“.

Immer mehr Russen nehmen die Worte „Finale“ oder „Weltmeister“ in den Mund. „Es wird schon sehr schwer sein, die Kroaten zu schlagen, die sportlich in allen Bereichen überlegen sind“, sagt Samwel Awakjan, Chefredakteur des Fachportals championat.com. „Um ins Finale zu gelangen, muss schon sehr viel zusammenkommen.“ Schon vorhanden sind der Heimvorteil, die landesweite Begeisterung, eine ungewohnt disziplinierte und kampfstarke Mannschaft sowie die bisher gelungene Taktik von Russland-Coach Stanislaw Tschertschessow. „Wir hatten Glück, dass die Spanier praktisch ohne Trainer gespielt haben“, schränkt Alexei Lebedew, Sportchef der Zeitung Moskowski Komsomoljez, ein. Er tippe auf das Finale Brasilien – England, Russlands Chancen auf das Endspiel lägen bei einem Prozent.

Welche Chancen er den Russen gegen Spanien gegeben hätte? „Auch ein Prozent“ – der Experte grinst. Für Russlands Fußball scheint im Moment nichts unmöglich zu sein.

So wollen sie spielen

Russland: Akinfejew – Kutepow, Ignaschewitsch, Kudriaschow – Fernandes, Granat – Samedow, Sobnin, Kusjajew, Golowin – Dsjuba.

Kroatien: Subasic – Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic – Rakitic, Brozovic – Rebic, Modric, Perisic – Mandzukic.

Schiedsrichter: Ricci (Brasilien).

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