Fußball-WM Russland nutzt Gunst der Stunde

Die russischen Fans feierten den 5:0-Erfolg im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien ausgelassen.
Die russischen Fans feierten den 5:0-Erfolg im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien ausgelassen. © Foto: Rebecca Blackwell/dpa
Moskau / Stefan Scholl 16.06.2018

Schauspieler Sergei Besrukow und seine Popband „Krestny Papa“ brachten rechtzeitig zum ersten Sieg der Sbornaja in diesem Jahr die patriotische Fußball-Hymne „Durchbruch“ heraus: „Die Zähne zusammenbeißen, bis zum Gehtnichtmehr, Blut spucken, die Dinger machen…“. Nach dem 5:0 gegen Saudi-Arabien prophezeit Besrukow schon Finale und Sieg.

Russlands Seele ist bekanntlich voller Poesie, diese Poesie aber nie völlig schmerzfrei. Und der Petersburger Kultrocker Sergei Schnurow widmete sein neuestes Gedicht auf Instagram der strammen Erhöhung des Rentenalters, den die Regierung am Tag des WM-Anpfiffes ganz nebenher verkündet hatte: von 60 auf 65 Jahre für Männer und von 55 auf 63 Jahre für Frauen. Ärgerlich gerade für russische Männer, deren durchschnittliche Lebenserwartung nur bei 67,5 Jahren liegt.

Einsparung gering

Kremlsprecher Dmitri Peskow verteidigte die Reform gestern damit, dass „Russland nicht im Vakuum lebt“, ein Hinweis darauf, dass schon in ganz Europa das Pensionsalter geliftet wurde. Experten aber hegen Zweifel. „Am Ende spart der Staat etwa 400 Milliarden Rubel jährlich“, sagt Professor Igor Rodionow von der Moskauer Hochschule für Wirtschaft. Umgerechnet 5,5 Milliarden Euro, für den öldollargetränkten russischen Fiskus eher ein Pappenstiel. Und laut Rodionow kann auch die Masse der arbeitstätigen Russen in den nächsten Wochen ohne schlechtes Gewissen nonstop Fußball gucken. Schon jetzt würden 80 Prozent des vaterländischen Bruttosozialprodukts von 5 der 73 Millionen Werktätigen geschaffen: „Die anderen beschäftigt man eigentlich nur, damit sie sich nicht langweilen.“ Außer dem Rentenalter soll übrigens auch die Mehrwertsteuer steigen, von 18 auf 20 Prozent. „Das bedeutet für alle 1,5 Prozent mehr Inflation“, schimpft Rodionow. „Aber sie haben den Zeitpunkt geschickt gewählt, die WM beginnt, und alle sind mit Unsinn beschäftigt.“ Harte Worte, nicht nur gegenüber den Fußballfans.

Auch das russische Parlament glänzt rechtzeitig zum Turnier mit einer bemerkenswerten Debatte: Dürfen russische Frauen Sex mit nichtrussischen WM-Schlachtenbummlern haben? Tamara Pletnjewa, Vorsitzende des Duma-Aussschusses für Familien, Frauen- und Kinder, ermahnte im Radio die Russinnen, auf intime Beziehungen mit Ausländern zu verzichten. Unziemliches Verhalten russischer Frauen führe zur Geburt unehelicher Kinder, aber auch wenn die Ausländer eine Ehe eingingen, ende das schlecht: „Wir müssen unsere eigenen Kinder gebären.“

Aber es kam Widerspruch aus dem  Ausschuss für Körperkultur. „Je mehr Menschen aus verschiedenen Ländern sich ineinander verlieben, je mehr Kinder geboren werden, umso besser“, verkündete Ausschusschef Michail Degtjarew. „Weil diese Kinder sich in vielen Jahren daran erinnern, dass die Liebesgeschichte ihrer Eltern 2018 begann, in Russland, bei der WM.“ Die Veranstaltung hat jedenfalls sehr russisch begonnen.

Kaum Einfluss auf die Ökonomie

Die WM wird Russland nach Einschätzung seiner Nationalbank nur ein geringes Wirtschaftswachstum bringen. Aufs Jahr gerechnet sei ein Plus von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten zu erwarten, sagte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina: „Dafür wird sich die Weltmeisterschaft positiv auf die Erwartung und Stimmung der Russen wie der Gäste auswirken.“ dpa

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