Nationalmannschaft Pfiffe gegen Gündogan überschatten letzten WM-Test der Nationalelf

Als wollte er seinen Spieler höchstpersönlich beschützen: Bundestrainer Joachim Löw nahm Ilkay Gündogan in den Arm, bevor er ihn in der 57. Minute einwechselte. Der Mittelfeldakteur wurde von den Zuschauern höchst unfreundlich empfangen. 
Als wollte er seinen Spieler höchstpersönlich beschützen: Bundestrainer Joachim Löw nahm Ilkay Gündogan in den Arm, bevor er ihn in der 57. Minute einwechselte. Der Mittelfeldakteur wurde von den Zuschauern höchst unfreundlich empfangen.  © Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images
Leverkusen / Armin Grasmuck 09.06.2018

Auch wenn der letzte Spieltermin vor der Beginn der Weltmeisterschaft und der kurzfristig eingeladene Gegner eher einen Pflichttermin der angenehmeren Sorte versprochen hatten: Die Partie gegen Saudi-Arabien barg auch spezielle Brisanz. Im Duell mit dem Außenseiter musste die deutsche Elf beweisen, dass ihr Angriffsspiel, in dem es zuletzt erheblich geklemmt hatte, funktioniert, also möglichst viele Chancen herausarbeiten und Tore schießen. Zündstoff versprach zudem die schwelende Debatte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die Spieler, die im Mai auf einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan posiert hatten und damit auch abseits des sportlichen Geschehens schwer in die Kritik geraten waren. Das 2:1, zu dem sich die deutsche Auswahl letztendlich plagen musste, zeigte deutlich, wie weit Toni Kroos und Kollegen noch von ihrer Bestform entfernt sind. „Wir haben so gut wie alles vermissen lassen“, musste Sami Khedira nach der Partie zugeben.

Diejenigen unter den gut 30 000 Zuschauern, die in die Leverkusener Arena gekommen waren, um ihren Unmut gegenüber Özil und Gündogan zu dokumentieren, konnten sich ihre Buhrufe zunächst sparen. Die beiden Mittelfeldspieler saßen auf der Auswechselbank. Bundestrainer Joachim Löw ließ die Mannschaft ran, die auch im ersten WM-Spiel am 17. Juni in Moskau gegen Mexiko auflaufen könnte – mit Thomas Müller, Marco Reus und Julian Draxler im offensiven Mittelfeld sowie Timo Werner in der der Spitze. Sie startete mit Einbahnstraßenfußball, der druckvoll auf das Tor der Araber ausgerichtet war. Und sie trafen: Joshua Kimmich spielte in der achten Minute mit einem starken Diagonalpass Reus im Strafraum frei, der direkt auf Werner weiterleitete. Der Torjäger knallte den Ball in den Kasten – 1:0.

Nach gut einer Viertelstunde verflachte die Partie. Die Saudis, die am Donnerstag das Eröffnungsspiel der WM gegen Gastgeber Russland bestreiten, deuteten vereinzelt an, dass sie auf flinken Füßen und mit einem klar erkennbaren Konzept unterwegs sind. Fahad Al-Muwallad tauchte gleich zweimal gefährlich vor dem Tor von Manuel Neuer auf. Er zielte einmal knapp vorbei, einmal etwas weiter.

Die gute Laune kippt

Kurz vor der Halbzeit schlugen die Deutschen erneut zu. In Werners scharfe Flanke von links warfen sich Müller und Gegenspieler Al-Faraj, vom Bein des Arabers rollte der Ball ins Tor – 2:0.

Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen Marc-André ter Stegen für Neuer und Niklas Süle für Jerome Boateng. Die deutsche Elf versuchte, den Druck wieder zu erhöhen. Müller zog in der 55. Minute von der Strafraumgrenze ab, doch der arabische Torhüter Abdullah Al-Muaiouf, der sich mit einem vom dem einstigen Welttorwart Oliver Kahn entworfenen Trainingsprogramm auf die WM vorbereitet, parierte vorzüglich.

Wenig später wurde es unangenehm. Laute Pfiffe hallten durch das Stadion, als Gündogan eingewechselt wurde. Die Atmosphäre kippte. Da half es nur wenig, dass sich der Bundestrainer wie ein Leibwächter neben seinem Spieler aufbaute und selbst aktiv wurde. Löw drehte sich zur Tribüne und forderte die Zuschauer auf zu klatschen. Vergeblich, wie sie herausstellen sollte. Wann immer Gündogan auch nur in die Nähe des Balls kam, wurden die Pfiffe wieder laut.

„Dass ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, hilft niemandem“, sagte Löw später in der ARD: „Was soll der Ilkay jetzt tun? Er hat ein Foto gemacht, okay. Aber er hat sich der Presse gestellt und sich zu den deutschen Werten bekannt. Da muss das Thema auch mal abgehakt sein.“ Das Thema habe beide Spieler beschäftigt, führte Löw aus: „Aber jetzt muss der Blick nach vorne gerichtet werden.“

Unter dem laut vorgetragenen Unmut schien auch das deutsche Spiel zunehmend zu leiden. Wie aus heiterem Himmel kamen die Gäste zum Anschlusstreffer. Nach einem Zweikampf zwischen Khedira und Taiseer Al-Jassam zeigte der Schiedsrichter in der 83. Minute auf den Elfmeterpunkt. Den Strafstoß von Al-Sahlawi konnte ter Stegen abwehren, doch Al-Jassam verwandelte im Nachschuss. In der Nachspielzeit hatte der Angreifer sogar noch den Ausgleich auf dem Fuß.

DFB erhöht Titelprämie

Die deutschen Weltmeister haben 2014 für den Triumph in Brasilien je 300 000 Euro kassiert. In Russland würden die deutschen Nationalspieler für die erfolgreiche Titelverteidigung jeweils 350 000 Euro erhalten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einigte sich mit den Spielern erneut auf eine stark leistungsbezogene Prämien-
regelung. Erst ab dem Einzug ins
Viertelfinale zahlt der Verband. sid

So spielten sie

Deutschland – Saudi-Arabien

2:1

Deutschland: Neuer/ 46. ter Stegen - Kimmich/81. Ginter, Boateng/46. Süle, Hummels, Hector - Kroos, Khedira - Müller/74. Brandt, Draxler, Reus/57. Gündogan - Werner/62. Gomez
Tore: 1:0 Werner (8.), 2:0 Othman (43., Eigentor), 2:1 Al-Jassim (85.)
Zuschauer:
30.210 (ausverkauft)
Gelbe Karte:
Al-Moqahwi

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