Fußball Marcel Reif im Interview: „Es ist obszön, aber der Markt gibt es her“

München / Von Armin Grasmuck 10.02.2018

Der Meister der profunden Analyse hält den Ball am liebsten flach. Marcel Reif spricht leise, präzise und auf den Punkt. Über Jahrzehnte hat er die großen und größten Partien des Fußballs für das Fernsehen kommentiert. Im Interview wirft er einen kritischen Blick auf den professionell kickenden Spielbetrieb.

In der Skala von eins bis sechs: Welche Note geben Sie der Bundesliga in der laufenden Saison?

Marcel Reif: Alles in allem als ist es etwa eine Drei. In der Spitze, die Bayern mit Heynckes, ist es ’ne Zwei, der Hamburger Sport-
Verein ist notorisch eine Fünf. Im internationalen Vergleich ist die Bundesliga nur Mittelmaß.

Ist die Zukunft des 72 Jahre alten Trainers das Spannendste, was Bayern im Frühjahr 2018 zu bieten hat?

Um es vorsichtig auszudrücken: Das ist eine Geschichte, die mir unbehaglich wird. Jupp Heynckes ist ein 72-jähriger Mann, der sich vom Fußball verabschiedet hatte. Auch weil Trainer in der Bundesliga ein Job ist, der extrem fordert. Heynckes hat den Bayern einen Freundschaftsdienst erwiesen, genauer gesagt Uli Hoeneß, das hat wunderbar funktioniert. Er hat eine gesundheitlich angeschlagene Frau zuhause, er hängt an seinen Tieren und an dem Leben nach der Trainerkarriere. Es war klar ausgemacht, dass er nur bis zum Ende der Saison aushilft. Und jetzt bringen ihn die Bayern in die Position, dass er ihnen – seinen Freunden – für die nächste Saison absagen muss. Das empfinde ich als ungehörig.

Spielen Hoeneß und Rummenigge auf Zeit, weil sie keinen passenden Nachfolger für Heynckes haben?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, die Bayern wollen die Uhr anhalten. Sie wollen Zeit gewinnen für den Umbruch, auch in der Philosophie, den sie machen müssen. Da geht es nicht nur um den Trainer, sondern auch um die Zukunft des gesamten Vereins.

Welcher Trainer hat das Potenzial und den Charakter, erfolgreich in München zu arbeiten?

So kompliziert kann es ja nicht sein: Also Thomas Tuchel, wenn er nicht zu Arsenal oder Chelsea geht. Oder doch Julian Nagelsmann. Da glaube ich jedoch zu wissen, dass er mit Dortmund einig ist. Es geht wohl nur noch um den Zeitpunkt. Oder Hasenhüttl. Oder Niko Kovac, der es in Frankfurt gut macht und klug genug ist, der Eintracht keine großen Versprechen abzugeben.

Braucht es in München kein Kaliber von internationalem Rang wie zuletzt Van Gaal, Guardiola, Ancelotti oder eben Heynckes?

Ist Mourinho ein großer Trainer? Wenn du den holst, weißt du, du kriegst eine sehr spezielle Kultur. Wobei, Kultur ist hier das falsche Wort. Es ist eher ein Aggregatzustand und deshalb nicht Bayern-­like. Deutschsprachig soll er sein. Wer bleibt da noch?

Joachim Löw? Oder Jürgen Klopp?

Ist Jogi Löw wahnsinnig genug, als Weltmeister die Bayern zu übernehmen? Da müsste ich mich völlig in ihm getäuscht haben. Und wenn Jürgen Klopp Liverpool noch einmal in die Champions League führt, läuft er über den Mersey und die ganze Stadt singt die Lieder der Beatles dazu. Er passt perfekt in diese Stadt und zu diesem Klub.

Was ist in dieser Saison drin für die Bayern, die scheinbar die Meisterschaft schon abgehakt haben und sich nun auf den DFB-Pokal und die Champions League konzentrieren?

Es fällt ihnen schwer, sich für die Liga zu motivieren, weil sie so klar vorne liegen, ohne geglänzt zu haben. Natürlich werden sie Meister und Pokalsieger. Und in der Champions League? Gegen Besiktas kommen sie im Achtelfinale weiter, aber gegen Paris haben sie in der Gruppenphase gesehen, wo ihre Grenzen sind. Warum? Weil Geld Tore schießt. Bayern kann an einem Abend jeden Gegner schlagen. Ein Abend wird im Halbfinale aber nicht reichen. Wer hier vom Triple schwafelt, ist verrückt geworden.

Was sagt es über die Qualität der Bundesliga aus, wenn der Tabellenzweite nach Punkten näher an der Abstiegszone als am Ersten liegt?

Früher sagten wir: Qualität ist, wenn jeder jeden schlagen kann. Dann denkst du kurz nach und sagst: Hmm, ist vielleicht doch nicht so gut. Dann kommt die Europa League, Östersund, das soll nicht respektlos klingen, und Braga, und die verhauen unsere Bundesligisten. Jeder schlägt jeden, das ist kein Qualitätsmerkmal.

Der VfB Stuttgart wirkte zuletzt einmal mehr ungeheuer turbulent. War es richtig, Trainer Wolf zu entlassen?

Nur, wenn er wirklich gesagt hat, dass er nicht mehr an die Spieler heran kommt. Aber: Hat man ihm geholfen? Waren die Worte von Sportchef Reschke so klug, dass sie den Trainer gestärkt haben? Da wage ich Zweifel anzumelden. Bei allen Unzulänglichkeiten, die in der Zusammenstellung des Kaders offenkundig wurden: Ich dachte, sie haben einen Weg und den wollen sie gehen. Jetzt scheinen sie die Nerven verloren zu haben, weil sie bemerkten: Ach ja, das ist die Bundesliga, in der es sich erstmal zu etablieren gilt.

Ist Tayfon Kurkut der Mann, der den VfB retten kann?

Er galt als hoffnungsvoller Mann in Hannover, das lief, aus welchen Gründen auch immer, schief. Es folgten Kaiserslautern und Leverkusen, hat alles nicht funktioniert. In Stuttgart glauben sie, er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Welche Klubs haben Sie in dieser Saison positiv überrascht?

Die Konstanz von Leverkusen hat mich beeindruckt, genauso wie die Leipziger, die sich nach einem Durchhänger berappelt haben. Freiburg überrascht mich nicht: Bei denen sind Wunder als Geschäftsmodell vorgesehen.

Wecken die Freiburger in Ihnen das romantische Gefühl, dass es selbst in der Zeit astronomisch ansteigender Ablösesummen nur Elf gegen Elf sind, die auf dem Fußballplatz antreten?

Sie drehen jede Woche Locken auf der Glatze. Natürlich kommt auch in Freiburg etwas von dem großen Geld an. Aber wie viel? Und in welchem Laden können sie einkaufen? Wenn dann einer zwei Tore macht, wissen sie schon: Oh weh, da können wir gleich nach Ersatz gucken. Sie machen es einfach grandios.

Was empfinden Sie als langjähriger Beobachter, wenn Sie von Ablösesummen von 250 Millionen Euro plus Nebengeräuschen hören?

Ich würde mich gerne moralisch aufmandeln, aber das Geld ist ja da. Kein Kind kriegt deswegen weniger Milch, das ist die eine Seite. Meine Frau ist Krebsärztin, sie rettet Leben. Aber für das Geld, das sie als bayerische Beamtin und Direktorin einer riesigen Frauenklinik verdient, kriegst du, naja, in der 3. Liga vielleicht einen defensiven Mittelfeldspieler. Es ist obszön, aber der Markt gibt es im Fußball einfach her.

Ärgert es Sie, wenn Profis wie Aubameyang das Training boykottieren und sich zu anderen Klubs streiken?

Ich find’s zum Kotzen. Wenn du ein Angebot hast, das dir besser gefällt, kannst du die Sau rauslassen. Und wenn BVB-Chef Aki Watzke sagt, der Nächste sitzt auf der Tribüne, kriege ich einen Lachkrampf. Kann es sich ein börsennotierter Verein leisten, sein Kapital vom Platz zu nehmen?

In Zukunft werden die Spiele der Bundesliga und des Europapokals auf noch mehr, auch neuen Kanälen im Internet, übertragen. Ist es im Sinne des Fußballs, wenn der Fan den Überblick zu verlieren droht?

Ich suche nicht mehr, habe aufgegeben – und ich hole mir nicht noch ein Kästchen nach Hause. Also verzichte ich auf Spiele. Wenn die Zuschauer, die den Laden finanzieren, genauso denken, werden sie merken, dass man sich zu Tode kannibalisieren kann.

Stimme des Fußballs

Marcel Reif (68) wirkt seit Jahrzehnten als herausragender und preisgekrönter  Fußballkommentator des deutschen Fernsehens. ­Legendär ist seine Moderation mit Günther Jauch aus dem Jahr 1998: Weil bei ­einem Cham­pions-League-Spiel in Madrid das Tor umgefallen war und ersetzt werden musste, verzögerte sich der Anstoß um 76 Minuten. Sein aktuelles Buch „Nachspielzeit – ein Leben mit dem Fußball“ ist ein Bestseller.  Am Sonntag ist er ab 11 Uhr als Experte in der Talkrunde „Doppelpass“ auf Sport 1 zu sehen.

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