WM-Analyse Löw kritisiert sich selbst: „Fast schon arrogant“

Bundestrainer Joachim Löw wird künftig mehr Wert auf Disziplin und die Defensive legen.
Bundestrainer Joachim Löw wird künftig mehr Wert auf Disziplin und die Defensive legen. © Foto: Sven Hoppe/dpa
München / Von Gerold Knehr 30.08.2018

Lange Zeit  waren Joachim Löw und Oliver Bierhoff nach dem bitteren Gruppen-K.o. bei der Fußball-WM in Russland abgetaucht. Gestern nahmen sich die Bundestrainer und der Nationalmannschafts-Manager in München geschlagene 110 Minuten Zeit für ihre WM-Aufarbeitung und ihre Pläne zur Neuausrichtung des Nationalteams. Länger hat noch keine Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gedauert.

Selbstkritik vor Länderspiel gegen Frankreich

Löw ließ  vor dem Neustart mit den beiden Länderspielen in der kommenden Woche gegen Frankreich (Donnerstag, 6. September in München) und gegen Peru (Sonntag, 9. September in Sinsheim) an Selbstkritik nicht fehlen. „Mein allergrößter Fehler war, dass ich bei der WM in Russland geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen“, kritisierte er sich selbst für seinen Ballbesitz-Fußball. „Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren. Ich hätte die Mannschaft vorbereiten müssen so wie es 2014 der Fall war, als es eine Ausgewogenheit gab zwischen Offensive und Defensive.“

Speziell bei Turnieren müsse die DFB-Auwahl ihren Spielstil künftig ändern, befand de Bundestrainer, dessen Vertrag noch bis zur WM 2022 läuft. Man habe in den drei Begegnungen in Russland zwar 67 Prozent Ballbesitz gehabt, und die Spieler seien viel gelaufen. „Aber wir hatten weniger Intensität in unserem Spiel, weniger Sprints, waren weniger geradlinig als 2014 und haben den Ball langsamer weitergespielt als in Brasilien. Dazu kommt das Problem mit der Chancenverwertung“, stellte Löw fest.

Neuanfang mit Mix aus neuen und alten Talenten

Den Neuanfang soll ein Team aus erfahrenen Spielern um die 2014-Weltmeister Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Toni Kroos und Thomas Müller sowie Neulingen wie Patrick Kehrer, Nico Schulz und  Tim Havertz gestalten. Dazu kommen Leroy Sane, der vor der WM kurzfristig ausgemustert worden war, und Jonathan Tah, der ebenfalls schon über Länderspiel-Erfahrung verfügt. Sie alle sollen dazu beitragen, jenen Enthusiasmus und jenes Feuer zu entfachen, welche dem Team in Russland gefehlt haben. „Ich habe es nicht geschafft, neue Schlüsselreize zu setzen. Es wäre meine Aufgabe gewesen, dies einzufordern“, räumte Löw offen ein.

Außer den zurückgetretenen Mesut Özil und Mario Gomez fehlt auch Sami Khedira. Der ehemalige Stuttgarter Profi und Weltmeister 2014 in Brasilien sieht sich zwar in der Verantwortung, das WM-Debakel vergessen zu machen. Doch auf den 31-Jährigen verzichtet Löw vorläufig, um Platz zu schaffen für Veränderungen im Mittelfeld.

Für ihn und Oliver Bierhoff sei die Weltmeisterschaft ein  „absoluter Tiefschlag“ gewesen, räumte der Bundestrainer ein. Doch beide hätten bereits vier Tage nach dem bitteren WM-Aus bereits genügend Energie und Kraft verspürt, um „das, was wir verbockt haben, wieder auf gesunde Beine zu stellen.“

Personelle Konsequenzen nach dem WM-Scheitern gibt es nur wenige. Das „Team hinter dem Team“, das zuletzt immer größer geworden war, wird nun wieder etwas verkleinert. Thomas Schneider wird nicht mehr als Co-Trainer der Nationalmannschaft tätig sein und stattdessen in den Scouting-Bereich (Spielerbeobachtung) wechseln. Im Trainer-Team bleiben werden Marcus Sorg als Co und Andreas Köpke, der weiterhin für die Torhüter zuständig sein wird.

Oliver Bierhoff, der für die Außendarstellung des Nationalteams verantwortlich ist, möchte in Zukunft die Schrauben fester anziehen.  „Wir sind den Bedürfnissen der Fans zuletzt nicht mehr gerecht geworden“, räumt der Nationalmannschafts-Manager ein und kündigt ein „dezenteres Auftreten“ an. „Wir müssen den Spagat zwischen Kommerz und ehrlicher Arbeit hinbekommen“, sagt er, gibt aber auch zu bedenken, dass der DFB und der Amateurfußball hauptsächlich von den Einnahmen leben, welche die Nationalelf generiere.

DFB-Aufgebot

Tor: Neuer (Bayern München),  ter Stegen (FC Barcelona)

Abwehr: Boateng (FC Bayern),  Ginter (Mönchengladbach), Hector (1. FC Köln),  Hummels (FC Bayern),  Kehrer (Paris St. Germain),  Kimmich (FC Bayern), Rüdiger (FC Chelsea),  Schulz (TSG Hoffenheim),  Süle (FC Bayern), Tah (Leverkusen)

Mittelfeld/Angriff: Brandt (Bayer Leverkusen), Draxler (Paris St. Germain) Goretzka (Bayern München), Gündogan (Manchester City), Havertz (Bayer Leverkusen), Kroos (Real Madrid),  Müller (Bayern München),  Petersen (SC Freiburg),  Reus (Borussia Dortmund), Sane (Manchester City), Werner (RB Leipzig)

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