Fußball Joachim Löw präsentiert WM-Analyse

München / Gerold Knehr 29.08.2018

Er war dann mal weg. Nach dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland war Joachim Löw für die Öffentlichkeit nicht mehr zu greifen. Heute, 63 Tage nach dem 0:2 im dritten Gruppenspiel gegen Südkorea, kehrt der Bundestrainer auf die Fußball-Bühne zurück. In München präsentiert der 58-Jährige heute seine WM-Analyse und gibt den Kader für die beiden Länderspiele in der kommenden Woche gegen Weltmeister Frankreich (Donnerstag., 20.45 Uhr in München) und gegen Peru (Sonntag, 9. September, 20.45 Uhr in Sinsheim) bekannt.

In den vergangenen Tagen hatte sich Löw die Rückendeckung des DFB-Präsidiums und der Deutschen Fußball Liga (DFL) für einen Neuanfang geholt. Doch Zweifel bleiben. Der Bundestrainer muss sich selbst quasi neu erfinden. Die Zeit des Ballbesitzfußballs, die zuerst Spanien (Tiki-Taka) und später die Nationalelf geprägt haben, scheint vorbei zu sein. Stattdessen gilt es, mehr Zug aufs Tor zu entwickeln, mit höherem Tempo die gegnerischen Abwehrreihen unter Druck zu setzen, mehr Dribblings zu wagen, anstatt die Verantwortung an den Nebenspieler weiterzuschieben. Weltmeister Frankreich hat es in Russland vorgemacht: Mehr Athletik, weniger Ästhetik lautet das neue Motto.

Es gibt durchaus Zweifel, ob Ästhet Löw der richtige Mann für eine solche Kehrtwendung ist oder nicht doch ein Neuanfang mit einem anderen Trainer sinnvoller gewesen wäre. Oliver Kahn beispielsweise ist der Meinung, es wäre klüger gewesen, wenn der Bundestrainer sein Amt aufgegeben hätte. „Jetzt steht er vor einer ganz schweren Situation, vor einem Neuaufbau. Eine Situation, die er so gar nicht kennt“, so der frühere Nationaltorhüter. Löws einstiger Kapitän und Vertrauter Philipp Lahm mahnte zudem einen anderen, strafferen Führungsstil des Nationaltrainers an. Löw, der einen Vertrag bis zur WM 2022 hat, arbeitet in den nächsten Monaten auf Bewährung.

Es gibt aber auch Unterstützung für den Bundestrainer. „Man muss nicht alles neu machen, alles verändern. Man muss ihm auch ein bisschen Zeit geben“, sagt Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt.

Einen radikalen Umbruch im Nationalteam wird es vermutlich  nicht geben. Torhüter Manuel Neuer, Mats Hummels und Joshua Kimmich in der Abwehr, Mittelfeldspieler Toni Kroos sowie die Offensivspieler Marco Reus und Timo Werner sind wohl auch künftig als Säulen der Mannschaft gesetzt. Der Kern des Teams wird bleiben. Spannend bleibt, wie Löw mit Spielern wie Jérôme Boateng, Thomas Müller, Julian Draxler oder Antonio Rüdiger umgehen wird, die bei der WM enttäuschten. Sami Khedira (31) dürfte beim geplanten Neuaufbau keine Rolle mehr spielen. Offiziell zurückgetreten sind aus dem WM-Kader lediglich Mesut Özil und Mario Gomez. Alles deutet auf eine eher sanfte Umstellung hin.

Wohl kein radikaler Neuanfang

Dennoch machen sich zahlreiche Jung-Profis, die in Russland nicht dabei waren, Hoffnungen. An erster Stelle Leroy Sané, der sein WM-Ticket fast schon sicher hatte, ehe er im letzten Moment überraschend gestrichen wurde. Der 21-Jährige von Manchester City verkörpert mit seiner Schnelligkeit und seinen Fähigkeiten im Spiel eins gegen eins viele Attribute, die künftig eine größere Rolle spielen sollen. Ein weiterer Kandidat ist Abwehrspieler Thilo Kehrer (21), der von Thomas Tuchel für 37 Millionen Euro von Schalke 04 zu Paris St. Germain gelotst wurde, bei Löw bislang aber keine Rolle spielte. Der Augsburger Philipp Max könnte ein Mann für die linke Abwehrseite werden. Auch der momentan verletzte Hoffenheimer Mittelfeldspieler Dennis Geiger (20) und das Leverkusener Talent Kai Havertz (19) haben mit Blick auf die Europameisterschaft 2020 durchaus Chancen.

Neu definierte Rolle für Oliver Bierhoff

Änderungen bei der Nationalmannschaft wird es auch beim sogenannten „Team hinter dem Team“ geben, das personell gestrafft werden soll. Die Rolle von DFB-Direktor und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff soll neu definiert werden. DFB-Präsident Grindel wünscht sich mehr Fan-Nähe und günstigere Ticketpreise für die Heim-Länderspiele, die in jüngster Vergangenheit oftmals nicht ausverkauft waren. Zeitnah soll ein neuer Sportdirektor gefunden werden. Möglich ist eine Rückkehr von Hansi Flick, der das Amt bis Anfang 2017 innehatte. Überdies gibt es Gerüchte über einen Abschied von Co-Trainer Thomas Schneider und Chefscout Urs Siegenthaler.

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