Leitartikel Getrübte Vorfreude zum Start der Fußball-Bundesliga

Thomas Gotthardt
Thomas Gotthardt © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Thomas Gotthardt 24.08.2018

Jeder, selbst derjenige mit einem wohlwollenden Blick auf das professionelle Fußball-Geschäft, muss aktuell zu dem Schluss kommen:  Baustelle neben Baustelle. Die Vorfreude auf die 56. Bundesliga-Saison, sollte die sich überhaupt einstellen wollen, ist immer noch schwer getrübt durch das desaströse Abschneiden der  Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw bei der WM in Russland.

Das Aus in der Vorrunde und die anschließenden Diskussionen auch über Langzeit-Löw und dessen Haltbarkeitsdatum, die immer noch nicht beendet sind, ist das eine. Die Analyse, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass das Team sich so sang- und klanglos von dem Turnier verabschieden musste, ist das andere. Und das hat eben viel mit der Bundesliga zu tun.

Bei all den Diskussionen, bei all den Analysen drängt sich der Eindruck auf, als würden sich die handelnden Personen beim Deutschen Fußball-Bund und bei der Deutschen Fußball-Liga gänzlich verheddern in einem Wust von möglichen Gründen. Die Bundesliga, und mit ihr die Nationalmannschaft, ist auf dem besten Wege, ihr operatives Geschäft aus den Augen zu verlieren, sich in Randgebieten zu verlaufen und aufzureiben.

Spaß zurück in die Stadien

Mit aller Naivität: Das operative Geschäft besteht vor allem darin, den Spaß zurück in die Stadien zu bringen. Zurück auf die Tribünen. Zurück auf die Stehplätze. Zurück zu den Fans. Der DFB-Pokal hat erst wieder gezeigt, wie spannungsreich diese Sportart ist, die ihre Attraktivität auch aus der Unvorhersehbarkeit von Resultaten  bezieht.

Wenn der Ball und die Spieler mit ihren sportlichen Fähigkeiten wieder im Mittelpunkt stehen, dann müssen sich die Verantwortlichen in der Tat Gedanken machen, wie die Qualität gesichert, bestenfalls wieder ans europäische Niveau angeglichen werden kann. Ob die Abschaffung der 50+1-Regel, durch die Investoren gehindert werden, in ausgegliederten Sportkapitalgesellschaften die Macht zu übernehmen, das allein Seligmachende ist, darf bezweifelt werden.

Fakt ist, dass die Ausbildung von Talenten überdacht und angepasst werden muss. Das schnelle und dynamische Spiel nach vorne, inklusive Torabschluss, muss wieder in den Vordergrund rücken. Dazu bedarf es Spieler, die Verantwortung übernehmen und diese nicht  „wegpassen“.

DFB handelt amateurhaft

Natürlich gehört zur Aufarbeitung und zur Neuausrichtung auch die politische Diskussion, wie sie sich am Fall Erdogan/Özil/Gündogan entzündet hat. Dass der DFB auf diesem Feld unfassbar amateurhaft agiert hat, ist unumstritten. Der Verband und die Liga müssen sich in diesem Bereich besser aufstellen. Dabei geht es nicht alleine um Themen wie Rassismus und Integration, sondern ganz aktuell auch um die Fanproteste, die sich genau gegen das richten, was auch der gemeine Fußball-Interessierte spürt: die zunehmende Kommerzialisierung, die Degradierung der Zuschauer und Fans zu reinen Statisten, die einfach nur bezahlen oder mittlerweile an jedem Tag der Woche einfach nur den richtigen Fernsehknopf drücken sollen. Die Balance muss wieder hergestellt werden. Das wird schwer genug.

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