Das Warnschild ist nicht zu übersehen. „Eintritt verboten für alle, die Trikots, Fahnen oder Schals von anderen Fußball-­Mannschaften als Boca Juniors tragen“, heißt es am Eingang von „La Bombonera“ (die Pralinenschachtel), wie das Stadion des Heimatvereins von Diego Maradona liebevoll genannt wird.

Die Warnung kommt nicht von ungefähr und bestärkt das mulmige Gefühl, mit dem viele Besucher hierher kommen. Das Stadion liegt in La Boca, jenem Stadtviertel von Buenos Aires, vor dessen Besuch Touristen gewarnt werden. An Spieltagen, erfährt der Besucher der Millionen-Metropole,  könne man dort unbedenklich hin, weil der Sicherheitsdienst des Klubs für Ordnung rund um „La Bombonera“ sorge. An spielfreien Tagen hingegen, so der  an der Hotel-Rezeption geäußerte Ratschlag, werden aus den nun beschäftigungslosen Ord­nungs­­hü­tern Kleinkriminelle, die sich durch das Klauen von Geldbörsen nicht nur einen Nebenverdienst verschaffen, sondern damit auch ihren Job sichern – weil das Umfeld ja so kriminell ist und sie als Sicherheitskräfte deshalb unentbehrlich seien.

An diesem Wochenende hätte die erste argentinische Liga nach der Sommerpause  – auf der Südhalbkugel sind die Jahreszeiten bekanntlich vertauscht – wieder ihren Spielbetrieb aufnehmen sollen. Doch statt der betäubenden Lärmkulisse auf den enorm steilen Tribünen in der „Pralinenschachtel“, die eine gewisse Schwindelfreiheit erfordern, wird am Sonntag  ungewohnte Stille herrschen. Bocas  Spiel gegen Talleres Cordoba fällt aus – wie sämtliche andere Begegnungen in der  Primera Division auch.

Für die leidenschaftlichen Argentinier, die ihren Fußball lieben, ist es eine Katastrophe. Schulden, Korruption und ein TV-Streit lassen die Fußballmacht taumeln. Für Außenstehende ist der Fall auf den ersten Blick komplex, zumal auch die Politik einen gehörigen Anteil am derzeitigen Chaos hat. Auf deutsche Verhältnisse umgebrochen wäre es so, als ob Angela Merkel die Bundesliga pausieren ließe.

Was ist passiert? 2009 legte die damalige Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner das Programm „Futbol para todos“ (Fußball für alle) auf. Die Regierung kaufte für einen riesigen Batzen argentinische Pesos die Fernsehrechte, um das Volk zu beglücken: Alle Spiele waren im Free-TV zu sehen. Wobei Kritiker mäkelten, dass in der Halbzeitpause viel Regierungspropaganda laufe.

Inzwischen hat der Konservative Mauricio Macri Kirchner abgelöst. Macri war zwölf Jahre lang Präsident der Boca Juniors und ebnete mit dem Versprechen, auch er wolle dem Volk Gratis-TV-Fußball ermöglichen,  seinen politischen Weg nach oben. Im vergangenen Jahr jedoch musste er eingestehen, dass die marode Staatskasse diese Finanzierung nicht mehr zulässt. Der bis 2018 laufende TV-Vertrag wurde zum Jahresende 2016 gekündigt. Ein neuer Partner ist bislang nicht gefunden, und ohne Fernsehgelder kann das Leder nicht rollen.  Etlichen Vereinen droht aufgrund von noch ausstehenden TV-Geldern der finanzielle Kollaps, der nationale Fußball-Verband AFA steckt in der Krise. „Vor März wird der Ligabetrieb nicht fortgesetzt werden können“, unkt  Daniel Angelici, Marcris Nachfolger als Präsident der Boca Juniors.  Statt Fußball für alle gibt es nun im Land des Weltranglisten-Ersten Fußball für keinen. Was inzwischen auch die Fifa alarmiert.  Sollte das Problem nicht bis zu den nächsten beiden Qualifikationsspielen für die WM 2018 in Russland Ende März gelöst sein. droht Präsident Gianni Infantino mit Konsequenzen. Im Extremfall steht Argentiniens WM-Teilnahme auf dem Spiel.

 Aber auch ohne die aktuelle Zwangspause bietet die Primera Division viel Anlass zum Staunen. Gleich 30 Mannschaften spielen darin in einer einfachen Runde. Absteigen müssen nicht unbedingt die vier Mannschaften mit den wenigsten Punkten am Saison­ende. Stattdessen zählt der Punktschnitt der vergangenen drei Jahre. Damit sollen  Topklubs, die eine schwache Saison erwischen, vor dem Abstieg geschützt werden – wäre nur der VfB Stuttgart auf so ein Modell gekommen.

Merkwürdige Abstiegsregelung

Im Nachhinein scheint es fast so, als hätte Carlos Tevez die Misere abgesehen. Er wechselte zum Jahresende für ein unglaubliches Gehalt von angeblich 110 000 Euro pro Tag von den Boca Juniors nach China und ist dort der momentan bestverdienende Fußballer der Welt. Zuvor hatte er sich  gebührend aus Argentinien verabschiedet. Mit zwei Toren im argentinischen „Superclásico bei River Plates leitete  „El Apache“ nach einem 1:2-Rückstand Bocas 4:2-Sieg ein. Boca und River Plates sind Erzrivalen. Beide Klubs stammen ursprünglich aus demselben Stadtteil Boca. Die neureichen River Plates zogen später in den vornehmen Norden der Hauptstadt und gelten heute als der FC Bayern Argentiniens.

Papst Franziskus drückt indessen CA San Lorenzo, einem Verein aus der Peripherie von Buenos Aires, die Daumen, er ist dort Ehrenmitglied. Der derzeitige Tabellendritte wurde 1908  vom katholischen  Priester  Lorenzo Massa gegründet, der den Kindern im Vorort Almagro eine Perspektive bieten wollte. Im Halbfinale der Copa America (entspricht der Euro League) schied der Verein im November unglücklich gegen AF Chapecoense aus. „Das ist der beste Moment in meiner Trainer-Karriere. Wenn ich heute sterben müsste, würde ich glücklich sterben“, hatte Chapecoenses Trainer  Caio Júnior,  unmittelbar nach dem Sieg gegen San Lorenzo gesagt. Wenige Tage später starb er auf dem Weg zum Finale bei dem schrecklichen Flugzeugabsturz.

Maradona erhält Job bei der Fifa


Argentiniens Fußball-Legende Diego Maradona wird  künftig für den Weltverband Fifa arbeiten. „Jetzt ist es offiziell: Endlich kann ich mir einen Lebenstraum erfüllen und an der Seite von Menschen, die den Fußball wirklich lieben, für eine saubere und transparente Fifa arbeiten“, teilte der 56-Jährige in dieser Woche auf seiner Facebook-Seite mit. Der Weltmeister von 1986 ist in Argentinien immer noch sehr beliebt und präsent. In der Straße El Caminito, einem Touristen-Hotspot im Viertel La Boca, lassen sich zum Teil täuschend echte Maradona-Doubles für entsprechendes Geld fotografieren. gek