Stuttgart Früherer Stuttgarter Torhüter Günter Sawitzki: "Würde alles nochmal so machen"

Stuttgart / GEROLD KNEHR 24.08.2013
Als "Torhüter mit der Mütze" hat Günter Sawitzki Bundesliga-Geschichte mitgeschrieben. Bis heute verfolgt der ehemalige Kapitän des VfB Stuttgart die höchste deutsche Fußball-Liga.

Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Sawitzki. . .

GÜNTER SAWITZKI: Geburtstag? Meinen Achtziger habe ich doch schon im November gefeiert!

Ich meinte den 50. Geburtstag der Bundesliga. Sie waren als Mann der ersten Stunde dabei.

SAWITZKI: Ach das meinen Sie! Ich habe am 24. August 1963 den VfB Stuttgart als Kapitän aufs Feld geführt. Wir waren Gast bei Schalke 04, nur 20 Kilometer von meiner Geburtsstadt Herne entfernt, und haben 0:2 verloren. Von daher gibt es keinen Anlass zum Gratulieren.

Welche Erinnerungen haben Sie an jenen ersten Spieltag vor genau 50 Jahren?

SAWITZKI: Wenn Sie Details wissen wollen, da muss ich Sie enttäuschen. Die haben mich nie interessiert, einzelne Szenen sind nicht mehr präsent. Es ist so, als wäre ich nicht dagewesen.

Aber es war doch eine historische Stunde?

SAWITZKI: Natürlich. Die Bundesliga war für uns was ganz Besonderes für uns. In der Oberliga haben wir nur im Süden gespielt. Ich möchte jetzt Vereine wie den FSV Frankfurt nicht schlecht machen, gegen den wir übrigens einige Mühe hatten. Aber Köln, Schalke, Dortmund, Bremen - das waren ganz andere Brocken. Stellen Sie sich vor, wir sind nach Hamburg gereist, zum HSV, zum großen Uwe Seeler. Das war eine ganz andere, neue Motivation.

Es war nicht selbstverständlich, dass der VfB bei der Bundesliga-Gründung dabei war.

SAWITZKI: Die Oberliga-Saison 1962/63 verlief schwierig zu uns. Die ersten Fünf kamen in die Bundesliga. An Weihnachten standen wir noch schlecht da, dann haben wir mächtig aufgeholt. Am Ende waren wir Sechster.

Ein Platz zu wenig, um sich für die Bundesliga zu qualifizieren.

SAWITZKI: Aber da war zum Glück noch der DFB. Der hat gesagt, zwei Vereine aus einer Stadt wollen wir nicht in der Bundesliga haben. Vor uns lag Meister 1860 München und der FC Bayern. Die Bayern durften nicht hoch, und wir waren drin.

Wie verlief die erste Bundesliga-Saison für den VfB Stuttgart?

SAWITZKI: Zum Glück sind Erwin Waldner und Rolf Geiger aus Italien wieder zum VfB zurückgekehrt. Mit diesen gestandenen Profis und der Mannschaft, die den Aufstieg geschafft hatte, haben wir lange vorne mitgespielt und sind am Ende Fünfter geworden. Das war schon was.

Damals waren fast nur Schwaben im VfB-Kader - und Sie, der Torhüter aus dem Ruhrpott. Wie hat es Sie nach Stuttgart verschlagen?

SAWITZKI: 1956 spielte ich mit der deutschen B-Nationalmannschaft in Berlin, der VfB Stuttgart war ebenfalls in Berlin, er stand im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Beide Mannschaften waren im selben Hotel untergebracht. Zwischen Tür und Angel kam Stuttgarters Trainer Georg Wurzer auf mich zu und fragte, ob ich an einem Wechsel Interesse hätte. Keine acht Tage später stand einer vom VfB an meiner Haustür in Sodingen, und wir machten den Wechsel klar.

Mit der Bundesliga kam auch der Profifußball nach Deutschland. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

SAWITZKI: Einige Spieler hatten bereits in der Oberliga verdient. Ich zählte in dieser Hinsicht nicht zu den Cleversten, ich habe nie Forderungen gestellt und nicht viel bekommen. Mit Einführung der Bundesliga hat der VfB mir einen neuen Vertrag angeboten. Irgendwann waren es 3200 Mark im Monat - das war nicht schlecht.

Daneben waren Sie noch voll berufstätig?

SAWITZKI: Anfangs hatten wir alle unsere Berufe gehabt. Nach und nach haben meine jüngeren Mitspieler ihre erlernten aufgegeben und sich ganz auf den Fußball konzentriert. Als ich meine Karriere beendet habe, war ich der einzige Spieler, der gearbeitet hat. Ich war Maschinenschlosser bei Hahn & Kolb in Stuttgart. Wenn kein Training war, hatte ich dort einen Acht-Stunden-Tag. An Spieltagen bin ich meistens um halb drei gegangen. Freitags habe ich oft morgens oft meine Sporttasche mit in die Arbeit genommen, am Mittag ging es von dort direkt zum Bahnhof. Aber die Bundesliga hatte, auch wenn es paradox klingt, noch einen entscheidenden Vorteil.

Welchen?

SAWITZKI: Man hatte mehr Zeit für die Familie. Der Sonntag war jetzt frei. In der Oberliga hat man noch sonntags gespielt. Da konnte man Samstag Abend nicht groß rausgehen.

Sie sitzen heute noch bei fast jedem Heimspiel auf der Tribüne und haben somit die kompletten 50 Jahre Bundesliga verfolgt. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

SAWITZKI: Wissen sie was? Eigentlich ist die Bundesliga noch gar nicht so alt, zumindest beim VfB Stuttgart. Dort beginnt sie im Grunde genommen erst mit Hansi Müller (Anm. der Redaktion: Müller bestritt sein erstes Bundesliga-Spiel 1977). Ab diesem Zeitpunkt erst wurde sie voll akzeptiert, ab da sind die Medien erst so richtig eingestiegen. Zu uns ist damals kaum mal ein Journalist gekommen. Aber das hatte auch einen Vorteil.

Was meinen Sie damit?

SAWITZKI: Als ich 1956 vom SV Sodingen zum VfB Stuttgart wechselte, war ich gesperrt. Ich nutzte diese Zeit und ließ mich am Meniskus operieren. Das hat damals niemand mitbekommen. Erst nach einem dreiviertel Jahr habe ich dann mein erstes Spiel für den VfB Stuttgart gemacht.

Abgesehen vom gestiegenen Medieninteresse, was hat sich sonst noch verändert?

SAWITZKI: Der Fußball hat sich unwahrscheinlich gewandelt. Es ist jetzt nicht überraschend, wenn ich sage, dass früher deutlich langsamer gespielt wurde als heute. Die Spieler heutzutage sind viel athletischer, explosiver im Antritt, haben körperlich viel mehr drauf. Aber das ist kein Wunder, sie trainieren auch viel mehr als wir früher. Wenn ich allerdings das Breitspielen heutzutage sehe, da muss ich schon sagen: So in die Breite hat ein Fritz Walter nicht gespielt.

Ihr Markenzeichen war die Mütze. Wie kam es dazu?

SAWITZKI: Ja, ich war immer der Torwart mit der Mütze. Ich habe unwahrscheinlich dünnes Haar, das ich damals sehr lang trug. Ich musste die Haare irgendwie festbinden. Eine Zeitlang habe ich mit einem Gummiband gespielt. Dann kam die Mütze. Die war auch gut gegen die Sonne. Heute gibt es so etwas leider nicht mehr. Ich wundere mich, dass die Torhüter heute ohne Kopfschutz im Sonnenschein nicht daneben greifen.

Wenn Sie auf Ihre Bundesliga-Karriere zurückblicken, würden Sie alles noch einmal so machen?

SAWITZKI: Bei meinem ersten Bundesliga-Spiel war ich schon 30. Wenn ich damals jünger gewesen wäre, hätte ich meinen Beruf als Maschinenschlosser an den Nagel gehängt. Im Schnitt war ich mit mir zufrieden, der Verein war es, die Medien. Ich würde alles noch einmal so machen.

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