1. FC Heidenheim Frank Schmidt ist der Dauerbrenner unter den Fußballtrainern

Heidenheim / Von Jana Wiske 03.08.2018

Die Grenzen des Frank Schmidt haben sich verschoben. Der 1. FC Heidenheim schaffte vergangene Saison mit Ach und Krach den Klassenerhalt. „Wir waren vielleicht in dieser Zeit nicht mehr ganz die Einheit wie in den Jahren davor“, erklärt der Trainer. Für diese wertvolle, wenn auch schmerzliche Erfahrung ist Schmidt unheimlich dankbar. In der Krise seien zwei, drei Schubladen dazugekommen, die man in der Zukunft mal rausschieben kann.

Für den Sohn der Stadt bleibt der 1.FC Heidenheim Leidenschaft und Berufung zugleich. Der Verein stellt neben der Familie seinen absoluten Lebensinhalt dar. Bekannt ist die Erfolgsgeschichte: Der heute 44-Jährige führte den FCH binnen sechs Jahren von der Oberliga in die 2. Liga. Aktuell geht er dort in seine zwölfte Saison als Trainer. Dieser Umstand ist im schnelllebigen, knallharten Profifußball-Geschäft so selten wie die Werte Idealismus und Bodenständigkeit.

Leitfigur mit Rückgrat

Wie selbstverständlich zeigte der Weg des FCH – und damit eng verbunden der von Schmidt – immer nach oben. „Wir waren verwöhnt“, erklärt der 1,90 Meter groß gewachsene Coach. Die Stärke von Schmidt liegt in der Kommunikation. Doch wenn die Erfolgserlebnisse ausbleiben, führt man zwangsläufig andere Gespräche. Nach dem miserablen Start in der Spielzeit 2017/18 mit sieben Niederlagen aus elf Spielen konnte Schmidt den Schalter umlegen. Es folgte eine starke Phase. Nach einer erneuten Schwächeperiode wertet der 78-malige Zweitligaspieler es heute als „größte Leistung von uns allen“, noch mal zurück in die Spur gekommen zu sein. Als es dann zum Saisonende um alles ging, hat das die als kritisch bekannte Fangemeinde auf der Ostalb zusammengeschweißt.

Alles Neuland für die Leitfigur des FCH. Die raue Bundesliga-­Luft zog an Schmidt regelmäßig vorbei. Er wurde noch nie entlassen. In der vergangenen Spielzeit aber hinterfragte das externe Umfeld die schlechten Leistungen – und natürlich als erstes den Trainer. Die Rückendeckung aus dem Verein konnte der Trainer jedoch zu jeder Zeit spüren. „Der schlimmste Fall wäre: Wir steigen in die 3. Liga ab. Dann wäre es das Ziel, mit Frank Schmidt eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen, die das Zeug hat, gleich wieder aufzusteigen“, erklärte Vereinsboss Holger Sanwald unmissverständlich.

Diesen Rückhalt hatte sich Dauerbrenner Schmidt redlich verdient. Der Trainer sprang in besseren Zeiten trotz Anfragen aus der Bundesliga nicht gleich davon. Blinder Aktionismus ist eh nicht sein Ding. Er ist eine geerdete, konstante Person. Beruflich und privat. Schmidt lebt im Landkreis Dillingen nur wenige Kilometer von Heidenheim entfernt. Im gepflegten Reihenhaus tummeln sich jetzt drei Chihuahuas. Dafür ziehen demnächst die Töchter Julia (19) und Lara (16) aus. Noch so eine Grenzerfahrung für Schmidt. Immerhin: Seine Mädels eröffnen eine Schwestern-­WG in Heidenheim. Das ist beruhigend für den Herrn Papa.

Dass es auch eigene körperliche Grenzen gibt, musste Schmidt vor gut einem Jahr schmerzlich erfahren. Ein Muskelabriss im Training hatte sich bei ihm zu einer Thrombose entwickelt. Er hatte damals die Situation unterschätzt, musste ins Krankenhaus. Die gefährlichen Nebengeräusche dieses Vorfalls eröffneten dem ehrgeizigen Menschen einen anderen Blick aufs Leben, aufs Wesentliche. „Von meiner Energie habe ich nichts verloren“, sagt Schmidt. Aber er habe eben gelernt, auch mal runterzufahren. Seine Frau jedenfalls ruft ihren oft als rastlos verschrienen Mann nicht mehr ganz so häufig „Teilchenbeschleuniger“.

Für die aktuelle Zweitliga-Saison nun mussten ein paar neue Reize her. Neben den üblichen Spielertransfers kommt mit Bernhard Raab und Dieter Jarosch auch „frisches Blut ins Trainerteam“. Doch es gilt auch, sich wieder auf die ursprünglichen Werte zu besinnen. „Mentalität, die uns immer ausgezeichnet hat, muss man leben, kommunizieren und trainieren“, erklärt Schmidt. Es geht dabei ganz gezielt um intensive  Kopfarbeit. „Wir investieren hier mehr.“

Abschalten auf den Malediven

Auch im Sommerurlaub wagte das FCH-Urgestein außergewöhnliche Wege. Neben der obligatorischen Mallorca-Reise ermöglichten die lange Pause durch die WM und die frühe Kaderplanung neun Tage Batterien aufladen auf den Malediven. „Ich war dann einfach mal weg“, erklärt Schmidt den Ausflug ins exotische, abgelegene Paradies. Der 1. FC Heidenheim befand sich gedanklich Lichtjahre entfernt. Zusammen mit seiner Frau konnte das „Arbeitstier“ Schmidt komplett abschalten. „Durchschnaufen gibt es bei ihm nicht“, erklärte einmal Heidenheims Kapitän Marc Schnatterer. In diesem Sommer hat es Schmidt geschafft. Ein Stück weit fühlte sich der Coach auf der extrem kleinen Insel hilflos. Den natürlichen Elementen ausgeliefert, ließ sich mitten im Indischen Ozean nicht alles wie gewohnt steuern.

Wenn es irgendwann mal die Zeit erlaubt, will Familie Schmidt eine Alpenüberquerung angehen. Per Mountainbike – mit elektrischem Antrieb. Derzeit aber läuft erst mal ein anderer Motor auf Hochtouren. Schmidt hat zunächst vier Ziele für seinen FCH ausgegeben: Das erste Spiel gegen Bielefeld gewinnen, einen besseren Start als vergangene Saison hinlegen, einen „komfortablen Klassenerhalt“ schaffen und im DFB-Pokal die erste Runde überstehen. Und: Schmidt, einer der markantesten Trainertypen der 2. Liga, warnt vor dem Druck durch die vielen Traditionsvereine, die unter anderem aus den unteren Ligen nach oben drängen. „Die Klasse zu halten ist für das kleine Heidenheim immer auch ein bisschen wie ein Aufstieg.“

Damit kein falsches Bild entsteht: Schmidt ist keinesfalls immer nur der nette Typ von nebenan. Das wissen seine Spieler und das merken Journalisten, wenn sie Themen ansprechen, die Schmidt nicht schmecken. Seine Kopfhaltung ist so ein Anlass. Schmidt nervt die Reduktion auf Äußerlichkeiten. Er hat gelernt, damit umzugehen, begreift seine Schieflage durch eine Verknöcherung an der Halswirbelsäule heute als Markenzeichen.

Auch beim Thema Zukunft bleibt er entspannt. Sein Vertrag läuft bis 2020. Er will nicht ausschließen, dass diese Zeit ausgedehnt wird. „Ich werde nicht als Fußballtrainer in Rente gehen“, sagt Schmidt dennoch. Und er will auch nicht der Guru von Heidenheim werden. Die Lebensplanung des Mannes mit Prinzipien sieht vor, „irgendwann – ohne einen Zeitpunkt zu definieren – noch mal etwas Anderes machen“. Die Grenzen des Frank Schmidt dürften sich dann wieder mal verschieben.

Einmal in die weite Welt des Fußballs und zurück

Frank Schmidt kam am 4. Januar 1974 in ­Heidenheim zur Welt.
Im Nachbarort Giengen begann er mit dem Fußballspielen. Als Jugendlicher kickte er beim SSV Ulm 1846 und beim 1. FC Nürnberg. In der Saison 1992/93 stand er im Bundesliga-Kader des fränkischen Traditionsklubs, bestritt jedoch kein Pflichtspiel. Weitere Stationen als Spieler: u.a. Greuther Fürth, Vienna Wien, ­Alemannia Aachen, Waldhof Mannheim und der Heidenheimer SB.

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