Zum ersten Mal in seiner ruhmreichen Historie muss der Traditionsklub aus Degerloch in die Fußball-Oberliga absteigen – der Tiefpunkt in der 119-jährigen Vereinsgeschichte der Stuttgarter Kickers. Es ist die Konsequenz aus vielen Jahren mit Fehlern und Misswirtschaft. Dabei liegt die letzte Sternstunde noch gar nicht so lange zurück. In der ersten Runde des DFB-Pokals spielte der damalige Drittligist 2014 vor 37 000 Zuschauern gegen Borussia Dortmund. 1991 wurde der FC Bayern München in der Bundesliga 4:1 besiegt, und 1987 zogen die Blauen gar in das deutsche Pokalfinale gegen den Hamburger SV ein. Aus und vorbei.

„Das war einer meiner enttäuschendsten Spielzeiten“, blickt Präsident Rainer Lorz, der seit 2010 im Amt ist und davor bereits fünf Jahre im Aufsichtsrat saß, auf eine Saison zurück, die von zahlreichen Missgriffen im personellen Bereich geprägt war. Das Präsidium der Kickers und der Aufsichtsrat stellte sich während der Talfahrt in den vergangenen Jahren nahezu unverändert dar, was eigentlich einen Rücktritt der Mitglieder in den höchsten Gremien des Klubs nahelegen würde. Doch ohne sie geriete die finanzielle Basis ins Wanken.

Neustart mit Happy-end?

„Das Hauptziel ist zunächst, einen geordneten Übergang in die neue Saison hinzubekommen“, betont Lorz, der keineswegs an seinem Stuhl klebt. Bereits in der Vorsaison benötigten die Kickers mit Alfred Kaminski, Dieter Märkle und Tomasz Kaczmarek drei Trainer, um den Verbleib in der Regionalliga erst im letzten Moment zu schaffen. Während der abgelaufenen Spielzeit standen erneut drei verschiedene Trainer – Francisco Vaz, Yannik Dreyer und Jürgen Seeberger – an der Seitenlinie, ohne Happy-end.

Für den dringend benötigten Aufschwung soll in der nächsten Saison der neue Coach Tobias Flitsch sorgen, der gerade beim SSV Ulm 1846 den Klassenerhalt souverän geschafft hat und am Pfingstmontag mit seinem derzeitigen Arbeitgeber im WFV-Pokalfinale ausgerechnet im Gazi-Stadion an seiner künftigen Wirkungsstätte spielt. „Ich werde versuchen, meinen Teil zur positiven Entwicklung bei den Kickers beizutragen, dafür werde ich alles tun“, sagt der 38 Jahre alte Fußballlehrer, der beim TSV Crailsheim bereits Oberliga-Erfahrung sammeln konnte und auch schon den 1. FC Eislingen, SV Ebersbach und 1. FC Heiningen, den er von der Kreisliga A in die Verbandsliga führte, trainierte.

Die Verantwortlichen unter dem Stuttgarter Fernsehturm sind sich einig, dass ein radikaler Umbruch vermieden werden soll und einige Stammkräfte gehalten werden müssen. „Wir brauchen Spieler, die mit Drucksituationen umgehen können“, meint Sportdirektor Martin Braun, der sich noch nicht als Heilsbringer entpuppt hat. Zum Glück für die chronisch klammen Kickers bleiben die meisten der Sponsoren an Bord, die den Klub in der Vergangenheit immer wieder mit generösen Spenden am Leben hielten. Eine Insolvenz ist demzufolge kein Thema. „Wir werden ein Team haben, das in der Lage ist, den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen“, sagt Braun.

In der Oberliga werden die Kickers zweifellos der Zuschauermagnet sein. Präsident Lorz indes warnt vor Arroganz: „In der Vergangenheit waren unsere Ansprüche oft zu hoch. Wir müssen versuchen, Ziele und Ansprüche wieder deckungsgleich zu bekommen. Das Saisonziel ist aber der direkte Wiederaufstieg.“

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Million Euro soll der Etat der Kickers in der Fußball-Oberliga betragen.
Der Traditionsklub aus Stuttgart
geht von durchschnittlich 1500 bis 2000 Zuschauern pro Heimspiel aus.