Fußball Die Welt zu Gast beim Doping-Weltmeister

Weltmeisterschaft als Chefsache: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und Fifa-Präsident Gianni Infantino zeigen stolz ihre Akkreditierungen.
Weltmeisterschaft als Chefsache: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und Fifa-Präsident Gianni Infantino zeigen stolz ihre Akkreditierungen. © Foto: Alexei Nikolsky/dpa
Moskau / Stefan Scholl 07.06.2018

Die WM hat noch nicht begonnen, aber Russland hat schon seinen Antihelden: Den deutschen TV-Journalisten Hajo Seppelt. „Seppelt kaputt“, titelte die Fachzeitung Sport Express, als im Mai bekannt wurde, dass die russischen Behörden den Reporter die Einreise zur WM verweigern wollten. Dann bekam Seppelt, bekannt für seine Enthüllungen über Doping in Russland, doch ein Visum, aber das russische Ermittlungskomitee kündigte prompt an, es wolle den Deutschen zum Verhör vorladen. Seppelt brachte wenige Tage später ungerührt einen neuen „antirussischen“ Film heraus. Demnach ist Doping und seine Vertuschung in den vergangenen Jahren auch im russischen Fußball üblich gewesen.

2014 habe die Welt-Antidoping-Agentur Wada 155 Proben russischer Profi-Fußballer beschlagnahmt, auch aktueller russischer Nationalspieler. Nach Aussage Grigori Rodschenkows, des in die USA geflohenen Exchefs des Moskauer Anti-Doping-Labors, habe ihn der frühere Sportminister Witali Mutko direkt angewiesen, positive Proben zu vertuschen. Mutko, zur Zeit Vizepremier und Präsident des russischen Fußballbundes, leugnet auch diese Vorwürfe vehement und argumentiert angesichts der jüngsten Leistungen: „Wenn wir so mit Doping spielen, was wird dann ohne Doping sein?“

Schwache Sbornaja

Tatsächlich stammen die fragwürdigen Proben aus dem Jahr 2014, als die russische Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien nach matten Spielen schon in der Vorrunde ausschied. Allerdings hatten Russland Olympioniken zuvor bei den Winterspielen in Sotschi viermal mehr Goldmedaillen geholt als bei den Spielen 2010 in Vancouver und völlig überraschend die Medaillenwertung gewonnen. Laut einem Bericht der Wada mit Hilfe systematisch ausgetauschter und Dopingproben (Infokasten).

Russlands Offizielle bestreiten sämtliche Vorwürfe erbost. Aber nach Sotschi werden immer wieder böse Zungen laut, die argwöhnen, Russland könne sein Heimrecht auch bei der Fußball-WM missbrauchen. Allerdings fordert Putin, dessen Motto sonst nicht Dabeisein sondern Sieg lautet, diesmal keinen Titel von den russischen Kickern, lediglich „Hingabe und kämpferischen, kompromisslosen Fußball“. Politologen verweisen darauf, dass Putin angesichts leiser Entspannung zur Zeit Affronts gegenüber den Europäern vermeiden möchte.

Aber das britische Boulevard-Blatt Sunday Express zitiert den Sicherheitsexperten Anthony Glees, der befürchtet, die Russen könnten gegen das englische Team traditionelle KGB-Waffen einsetzen: „Wenn es eine Möglichkeit gibt, Englands Chancen auf den Weltcup weiter zu mindern, werden sie es versuchen, indem sie das Essen vergiften oder unsere Topspieler mit schönen Mädchen ködern.“ Die Girls könnten die Kicker vor wichtigen Spielen verführen, um sie zu erpressen, oder noch Schlimmeres mit ihnen anzustellen.

Zuvor hatte der russische Soziologe und Regimekritiker Igor Eidman ähnliche Verdächtigungen geäußert. Russlands Fußballern helfe kein Dopingcocktail, schrieb er schon vergangenen November auf Facebook. Aber der Kreml könnte sich aus den erstklassigen toxischen Laboratorien der russischen Geheimdienste bedienen, um gegnerische Spieler für einige Stunden entscheidend zu schwächen, ohne Spuren zu hinterlassen. „Vor dem Spiel gegen Russland trinken der Stürmer und der Torwart der Konkurrenz ein Glas Wasser, der erste kann danach kaum noch laufen, der zweite sieht den Ball doppelt.“ In Russland werden solch gemeine Szenarien nicht öffentlich diskutiert, erst recht nicht nach dem Giftanschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergei Skripal in Großbritanien. Auch fußballhistorisch viel realistischere Mogelvarianten wie Schiedsrichterbestechung sind in der vaterländischen Sportpresse tabu.

Verdachtsfälle aus Südkorea

Noch heute erinnern sich Italiener und Spanier mit Empörung an diverse falsche Schiedsrichterpfiffe bei der WM 2002 zugunsten des Gastgebers Südkorea: Im Achtelfinale (2:1 für Südkorea) flog ein italienischer Spieler vom Platz, ein Tor der Italiener wurde nicht gegeben, im Viertelfinale (5:3 für Südkorea nach Elfmeterschießen) annullierte ein anderer Referee zwei Tore der Spanier. Aber ein Fußballexperte wendet ein: „Die Südkoreaner waren sehr athletisch, ihr Trainer hieß Guus Hiddink und ließ sie stürmen, sie haben ihre Tore selbst geschossen.“ Die russische Nationalmannschaft aber würden selbst parteiische Referees nicht retten, befürchtet der Fachmann. Er will aber für alle Fälle anonym bleiben.

Olympischer Betrug mit System

Im McLaren-Report wurde aufgedeckt, wie russische Offizielle in Sotschi Dopingproben manipulierten: mit Cocktails aus Steroiden und Whiskey oder Martini. Nach den Wettkämpfen reichten vaterländischen Dopingoffiziere ihre A- und B-Proben durch ein Wandloch im Raum des Dopingkontrollzentrums, wo die Urin-Proben gelagert wurden, in eine Kammer daneben. Dort wurden sie von einem Beamten des Inlandsgeheimdienst FSB in Empfang genommen, ihre Siegelverschlüsse von fingerfertigen FSB-Fachleuten, sogenannten „Magiern“ geöffnet. Der Inhalt wurde weggeschüttet und durch im Tiefkühlschrank gelagerten sauberen Ersatzurin ersetzt.